Kleiner Leitfaden für Examensarbeiten - eine persönliche Sicht
                Was Sie mitbringen können
                Die Auswahl von Institut und Thema
                Die Betreuung
                Die Literaturarbeit
                Die Experimente
                Das Schreiben

Kleiner Leitfaden für Examensarbeiten - eine persönliche Sicht

Johannes Wöstemeyer - April 2007

 

Was Sie mitbringen können

Am allerwichtigsten, jedenfalls wichtiger als jedes Detailwissen, ist die richtige Einstellung, Ihre Motivation, Ihr Wunsch, ein wissenschaftliches Problem lösen zu wollen. Sie sollten schon vor Beginn Ihrer eigenen experimentellen Arbeiten den Drang spüren, einen eigenen Beitrag zur Weiterentwicklung unserer Wissenschaft zu leisten. Im Idealfall freuen Sie sich bereits Ihr ganzes Studium über darauf, endlich selbstständig arbeiten zu dürfen, endlich den Versuch unternehmen zu können, das Gelernte anzuwenden. Denken Sie nicht unbedingt primär an Ihr Examen, schon gar nicht an Noten! Denken Sie an einen möglichst großen und wichtigen Beitrag zum Wissenschaftsgebäude der Biologie. Akzeptieren Sie es einfach als selbstverständlich, dass Wissenschaft und das Institut, das ab jetzt auch Ihr Institut ist, Ihre Tagesmittelpunkte bilden; dann ergibt sich das Examen beinahe wie von selbst.

Die Auswahl von Institut und Thema

Das wissenschaftliche Thema Ihrer Arbeit sollte Sie mehr als nur interessieren: Sie sollten im Idealfall fasziniert sein. Natürlich spielen gelegentlich auch Karrieregesichtspunkte eine Rolle. Diese bringen Sie jedoch überhaupt nicht weiter, wenn Sie zum primären Motiv werden und Sie schließlich etwas erforschen, was Sie gar nicht wissen wollen. Ihr Interesse sollte bei der Auswahl des Arbeitsgebiets klar im Vordergrund stehen. Nur dann können Sie wirklich gut und damit auch glücklich und erfolgreich sein.

Abgesehen davon gibt es selbstverständlich Sympathie-Argumente. Während des experimentellen Teils Ihres Examens arbeiten Sie sehr eng mit Betreuerin oder Betreuer und mit einer Vielzahl von Kollegen zusammen. Das braucht wechselseitiges Vertrauen. Wenn Sie von vornherein nur Antipathie spüren, kann die Zusammenarbeit nicht nur für Sie zur Qual werden. Achten Sie also unbedingt auf eine positive Grundstimmung. Sie können übrigens darauf vertrauen, dass man Ihnen grundsätzlich Vertrauen, Wohlwollen und persönlichen Respekt entgegenbringen wird. Tun Sie einfach das gleiche, dann kann es keine Schwierigkeiten geben.

Vielleicht denken Sie schon während Ihrer Entscheidungsphase über eigene Themen nach, die Sie begeistern könnten. Das übt ungemein. Leider können Sie nicht unbedingt erwarten, dass alle Ihre Wünsche erfüllt werden. Die Universität finanziert die laufenden Kosten Ihrer experimentellen Arbeit höchstens ansatzweise und überhaupt nicht, wenn Sie molekulargenetisch, biochemisch oder phylogenetisch arbeiten. Sie werden sich also in aller Regel in bestehende Projekte einordnen müssen, die aus Drittmitteln finanziert sind. Ihre Betreuer können Ihnen auch nur in solchen Bereichen Themen anbieten, in denen sie selbst wissenschaftlich anerkannt und durch Publikationen ausgewiesen sind. Alles andere wäre eine Illusion. Gehen Sie also bitte nicht zu einem Pilzgenetiker und bitten um eine Bakteriophagenarbeit. Da mag Ihnen die zugehörige Vorlesung noch so gut gefallen haben: Es geht nicht! Für Phagenarbeiten bekommt der Pilzgenetiker keine Drittmittel; so einfach ist das.

Es wäre schön, wenn Sie genügend Vorkenntnisse mitbringen würden, um mit Ihrem Betreuer gemeinsam ein Thema ausarbeiten zu können. Ihr Hauptstudium sollte Sie darauf vorbereitet haben. Wenn Sie schlau sind, schauen Sie sich die Großpraktikums- und Seminarthemen vor den Themenauswahlgesprächen noch mal an. Es empfiehlt sich auch, die wichtigsten Publikationen Ihres Lehrstuhls vorher gelesen zu haben. Die Internetpräsentationen der Institute können in dieser Angelegenheit eine Hilfe sein.

Sie selbst und mehr noch Ihr Betreuer müssen darauf achten, dass die Themen innerhalb der von der Prüfungsordnung vorgesehenen Bearbeitungszeit zu schaffen sind. Mehr Zeit haben Sie nicht. Leider sind diese Zeiten für anspruchsvolle Projekte tendenziell eher zu kurz. Sie sind darauf getrimmt, kurze Studienzeiten umzusetzen, nicht optimale Forschungsergebnisse. Sie sollten sich also für die Dauer der experimentellen Arbeit nichts anderes vornehmem. Alle anderen Studienleistungen haben Sie im Regelfall vorher erbracht, und auch Ihre mündlichen Prüfungen haben Sie abgeschlossen.

Wenn Sie dann schließlich gemeinsam mit Ihrem Betreuer ein Thema entwickelt haben, dann machen Sie es bitte zu Ihrer eigenen Sache! Es ist wichtig; man vertraut Ihnen und verlässt sich auf Sie und die Ergebnisse Ihrer Arbeit.

Die Betreuung

Die Betreuung ist der mit Abstand komplizierteste Bereich der Zusammenarbeit zwischen Examenskandidaten und Dozenten. Ein großes Ziel ist die Entwicklung Ihrer Selbstständigkeit. Bei Abgabe der Arbeit unterschreiben Sie eine Selbstständigkeitserklärung. Das ist durchaus keine Farce. Sie können daher zwar eine intensive Betreuung erwarten, dürfen jedoch nicht hoffen, dass man Ihnen alle Mühen im Vorfeld abnimmt. Der Grat zwischen Betreuen und Betüdeln ist schmal, muss immer wieder neu definiert werden und braucht sowieso individuelle Anpassungen.

Es ist eine gute Strategie, wenn Sie sich zunächst selbst für die experimentellen Teilschritte einen Plan ausarbeiten und dann damit zu Ihrem Betreuer gehen. Sie bekommen dann mit Sicherheit weitere Tipps und Anregungen. Denken Sie daran, dass man sich in Ihrem Institut brennend für Ihre Ergebnisse interessiert. Gehen Sie also unbedingt mit Ihren Resultaten zu Ihrem Betreuer und sprechen Sie darüber. Egal, ob das gewünschte Resultat erreicht wurde oder nicht, aus dem Gespräch entwickeln sich die nächsten Schritte.

Die Literaturarbeit

Die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Literaturkontext Ihres Themas ist kein notwendiges Übel, sondern unabdingbare Voraussetzung für den Erfolg. Legen Sie den Großteil der Literaturarbeit ganz an den Anfang Ihrer Arbeit. Nur so werden Sie verstehen, worum es geht und wohin die Reise geht. Damit bekommen Sie die erforderliche solide Basis für die Konzeption Ihrer Experimente. Parallel zu den experimentellen Arbeiten müssen Sie dann nur noch auf dem Laufenden bleiben, also lesen, was andere zu verwandten Themen publizieren, und welche verbesserten Techniken berücksichtigt werden müssten.

Sie sind gut beraten, wenn Sie den kontextuellen Anteil der Examensarbeit bereits während Ihrer experimentellen Arbeiten verfassen. Dazu brauchen Sie nämlich sehr viel mehr Zeit, als Sie je geglaubt hätten. Wenn Sie klug sind, schreiben Sie keine dieser banalen, knappen Einleitungen, sondern einen ernst zu nehmenden Theoretischen Teil, etwa im Stil und im Umfang eines Reviews. Wer weiß: Vielleicht findet Ihr Betreuer Ihre theoretische Arbeit so gut, dass er diesen Teil der Arbeit als Basis für einen gemeinsamen Artikel vorschlägt. Sie sollten so etwas durchaus anstreben. Klar, das wäre noch einmal ein erheblicher Aufwand für Sie und Ihren Betreuer, weil Sie natürlich alle bisher erschienenen Veröffentlichungen zum Thema kennen müssten und ein begutachtungsfähiger englischer Text geschrieben werden muss, aber immerhin käme bei dieser Gelegenheit mit etwas Glück Ihre erste Publikation heraus!

Es ist wichtig, dass Sie den Dingen auf den Grund gehen. Sie müssen wirklich zu allen Aussagen, Techniken und Interpretationen die Quellen, also die Originalarbeiten mit der Erstpublikation zu Rate ziehen. Zitieren Sie keinesfalls, was Sie nie gelesen und nur vom Hörensagen kennen. Zitieren Sie unbedingt jedes Gedankengut, dass Sie genutzt haben. Das ist eine Frage der allgemein anerkannten wissenschaftlichen Aufrichtigkeit und Ihrer Ehre als Wissenschaftler.

Und woher bekommen Sie die erforderlichen Literaturhinweise? In der Regel wird Ihr Betreuer für den fundierten Einstieg sorgen können. Eine große Hilfe sind rezente Reviews im Umfeld Ihres Themas. Die großen internationalen Datenbanken (Current Contents; Web of Science; Biological Abstracts; PubMed) mit ihren vielfältigen Suchmöglichkeiten nach Autoren und Stichwörtern erleichtern das Leben ungemein. Diese Datenbanken sind für Ihre Universität ziemlich teuer. Nutzen Sie sie! Im Laufe der Zeit werden Sie sich selbst eine kleine Datenbasis zusammengestellt haben, mit der Sie sich Ihr Thema erschließen.

Schwieriger als das Finden der Literatur ist es, die benötigten Bücher und Zeitschriften auch tatsächlich in die Hand zu bekommen. Unsere Universitätsbibliothek ist trotz etlicher Mühen nicht gerade übermäßig leistungsfähig. Das liegt an der sehr bescheidenen finanziellen Basis. Sie brauchen also einiges an Aufwand, an Zeit und Geduld bei den Fernleihen, bis Sie alles beisammen haben.

Die Experimente

Achten Sie von Beginn an auf die klare Planung Ihrer Arbeiten. Bevor Sie die erste Pipette anfassen, muss klar sein, was Sie mit Ihrem Experiment erreichen wollen. Legen Sie vorher fest, wie viele Mehrfach-Bestimmungen Sie brauchen, und denken Sie an alle erforderlichen Kontrollen. Sorgen Sie im Vorfeld dafür, dass alle notwendigen Lösungen und Puffer vorbereitet wurden, und dass die notwendigen Gerätschaften verfügbar und sauber sind. Denken Sie bitte auch daran, dass saubere Experimente nur in einer sauberen Umgebung gelingen.

Sehr wichtig ist die akkurate Protokollation Ihrer Versuchsanordnung und Ihrer Messungen. Protokolle schreiben Sie grundsätzlich parallel zum Experiment. Benutzen Sie bitte dazu ein gebundenes Buch mit nummerierten Seiten. Sie bekommen so etwas zu Beginn Ihrer Arbeiten vom Betreuer. Jedes, wirklich jedes Experiment wird unter Angabe des Datums protokolliert. Um Ihnen und Ihrem Betreuer später unnötiges Suchen zu ersparen, versehen Sie jedes Experiment mit einer Nummer und fertigen ein Inhaltsverzeichnis an. Ihr Protokollbuch ist ein extrem wichtiges Dokument. Anhand der dort festgehaltenen Aufzeichnungen, Messungen und Dokumentationen müssen Sie, bzw. im Regelfall Ihr Betreuer, noch viele Jahre später die Gültigkeit publizierter Aussagen nachweisen können. Außerdem dienen Ihre Protokolle mit Sicherheit als Basis für Folgearbeiten. Die Beweis- und Nachweispflicht wird in der Regel von Ihrem Betreuer oder Institutsleiter wahrgenommen, jedenfalls von den Leuten, die für die Kontinuität der Arbeiten zuständig sind. Daher bleibt Ihr Protokollbuch nach Ende Ihrer Examensarbeit zusammen mit der Originaldokumentation (z.B. Negative, Röntgenfilme, etc.) im Institut. Bitte fertigen Sie für sich selbst rechtzeitig Kopien an. Auch Sie wollen später sicher auf Ihre Erfahrungen zurückgreifen können.

Legen Sie Ihre gesamte experimentelle Arbeit bitte so an, dass Ihr Projekt am Ende wirklich in sich geschlossen und fertig ist. Nur so legen Sie mit Ihrer Examensarbeit die Basis für eine wissenschaftliche Publikation, Ihre Publikation! Wäre es nicht schön, gleich auf der Basis Ihrer Abschlussarbeit einen Artikel in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlichen zu können und Ihren Namen gedruckt zu sehen?

Bei den meisten technischen Prozeduren gibt es mehr als nur eine richtige Möglichkeit, um Erfolg zu haben. Allerdings funktioniert nicht jede Technik gleich gut in jeder Umgebung. Das liegt meist an apparativen Banalitäten, die fast nicht beeinflussbar sind, jedenfalls nicht innerhalb einer Examensarbeit. Führen Sie Standardprozeduren einfach so durch, wie es in Ihrer Arbeitsgruppe üblich ist. Dann kann man Ihnen auch am besten helfen, wenn mal etwas nicht richtig klappt. Es ist ziemlich normal, dass Prozeduren nicht auf Anhieb funktionieren. Das liegt nicht an den Rezepten, sondern meist daran, dass Sie noch etwas wenig Training haben. Sorgen Sie sich also nicht, führen Sie in Rücksprache mit Ihrem Betreuer die notwendige detaillierte Fehleranalyse durch, machen Sie das Experiment dann einfach noch einmal, wenn nötig auch mehrere Male. Sie werden sehen, dass Sie im Laufe der Zeit immer sicherer und schneller werden, immer weniger Ungenauigkeiten einfließen lassen und Schritt für Schritt perfekt werden. Das ist etwa so wie im Sport, wo Ihnen die Notwendigkeit des Trainings unmittelbar einleuchtet. Natürlich können Sie im Protokoll immer wieder auf die Seitenzahl verweisen, auf der Ihre Prozedur genau beschrieben ist. Nur vergessen Sie nicht, Modifikationen auch wirklich aufzuschreiben.

Das Schreiben

Vor dem Aufschreiben Ihrer Arbeit müssen Sie keine Angst haben. Nach konsequenter Literaturarbeit im Vorfeld und auf der Basis überzeugender und umfassend dokumentierter Experimente wird das Schreiben zum Vergnügen. Schließlich können Sie stolz darauf sein, mit Ihren Experimenten Klarheit geschaffen zu haben. Teilen Sie die neuen Errungenschaften einfach Ihren Lesern mit.

Trotzdem sollten Sie sich alle Mühe geben, zu der Sie fähig sind. Ihre neuen Ideen und Ergebnisse werden nur dann aufgegriffen, wenn Ihr Text gerne gelesen wird. Sie schreiben für Ihre Leser, nicht für sich! Beim Schreiben wird es auch Zeit, an Ihre Karriere zu denken. Ihre Examensarbeit bildet die Basis Ihrer Bewerbungen, nicht nur die Note.

Ein paar Tipps helfen Ihnen, eine Arbeit zu verfassen, die gerne in die Hand genommen und gelesen wird. Alle Beispiele stammen aus diversen Examensarbeiten der letzten Jahre.

Tun Sie alles dafür, dass Ihre Leser sich auf das Wesentliche Ihrer Arbeit konzentrieren können. Schaffen Sie also klare optische und sprachliche Strukturen, vermeiden Sie unnötige Spielereien und sprachliche Marotten. Ihre Leser sollen sich ohne Ablenkungen den wissenschaftlichen Aussagen Ihrer Arbeit widmen.

Seien Sie originell im Denken, doch vermeiden Sie bitte allzu originelle Wortschöpfungen! Es gibt im Deutschen zwar eine Tube, die aber mit dem Englischen tube nicht (mehr) viel zu tun hat. Warum nicht einfach Gefäß, Röhrchen oder Gläschen? Es gibt auch keinen Verdau, auch wenn dieses aus dem Laborslang stammende Wort inzwischen Eingang in manch ein Lehrbuch gefunden hat. An Verdauung ist nichts falsch, oder?

Vermeiden Sie bitte wirklich jeden Laborslang, auch wenn er ihnen ziemlich originell vorkommt. Wörter wie Eppi, vortexen oder totautoklavieren wirken in einer wissenschaftlichen Arbeit unangenehm deplatziert und lenken Ihre Leser von den Aussagen des Textes ab.

Benutzen Sie die Begriffe bitte exakt, also entsprechend Ihrer tatsächlichen Bedeutung. Wenn Sie beispielsweise eine Substanz auflösen, dann schreiben Sie das auch bitte! Oft wird das Wort (re)suspendieren synonym benutzt. Es bedeutet jedoch etwas ganz anderes. Ein zweites Beispiel: Es gibt nur eukaryontische Zellen oder Organismen, keine eukaryontischen Ribosomen, Gene oder sonst etwas. Auch unterscheiden Sie bitte sorgfältig Begriffe wie Puffer und Lösung, oder Emulsion und Suspension.

Vermeiden Sie bitte unnötige Anglizismen; die wirken eher komisch und lenken Ihre Leser vom Wesentlichen ab, dem Inhalt Ihrer Arbeit. Wörter wie sonifiziert (sonicated) oder pelletiert (schon im Englischen furchtbar) sind ziemlich klägliche Eindeutschungen. An beschallt oder (ab)zentrifugiert ist nichts falsch. Der von Ed Southern etablierte und nach ihm benannte Southern Blot ist als Fremdwort sicher akzeptiert, aber das Blotten? Oder blotten als Verb? Ich denke, es gibt elegantere Formulierungen für den bloßen Abklatsch eines Musters auf ein Blatt Papier oder eine Folie. Im Englischen ist blotting paper übrigens nichts anderes als das Löschpapier.

Wenn Sie Fremdwörter verwenden, dann bitte richtig und in des Wortes Bedeutung. Modifikation ist sicher etwas hübscher als das deutsch-lateinische Hybrid Modifizierung. Hybridisierung allerdings hat sich bereits so eingebürgert, dass es kaum mehr als Fremdwort erkannt wird, sollte also am besten so bleiben. Manches ist durchaus schwierig. Kennen Sie zum Beispiel ein gutes Wort für alignment? Eigentlich heißt das nichts anderes, als Sequenzen untereinander auf Linien zu schreiben. Alignierung ist also eher ungeschickt. Nach längerer Diskussion mit einer externen Doktorandin haben wir uns vor einigen Jahren auf ihren Vorschlag Alinierung geeinigt, eine für mich ziemlich gelungene Wortschöpfung. Die Linie ist offensichtlich, dass darauf geschrieben werden soll, zeigt das A-. Bessere Vorschläge sind willkommen und werden mit Schokolade belohnt.

Seien Sie in Bezug auf den Gebrauch von Wörtern unbedingt konsequent. Wenn Sie ~karyotisch einmal eingeführt haben sollten, auch wenn das sprachlich als Ableitung des Griechischen karyon (Kern, Nuss) nicht sonderlich geschickt und eigentlich nur ein amerikanischer Reimport ist, dann müssen Sie dabei bleiben. Dikaryontisch ginge dann auch nicht mehr, aber wie nennen Sie dann das Dikaryon? Das Monokaryon? Wollen Sie wirklich heterokaryotisch sagen?

Die sogenannte neue Rechtschreibung müssen Sie zwingend verwenden, wenn Sie eine Staatsexamensarbeit verfassen; das Staatsprüfungsamt will es so. In allen anderen Fällen dürfen Sie weiterhin das Esszett retten oder ganz allein entscheiden, nach welchen Regeln Sie schreiben. Wenn Sie sich allerdings klassisch selbständig für modernes selbstständisches Arbeiten entschieden haben, dann bleiben Sie bitte konsequent, sonst wirkt Ihre Arbeit schon auf der formalen Ebene unsicher. Nach weitgehendem Abschluss der Debatte durch verbindliche Einfürung der neuen Rechtschreibung rate ich Ihnen allerdings ausdrücklich zur Verinnerlichung und Umsetzung der Reform.

Es gibt Zeichensetzungsregeln, die leider bisweilen unpraktisch und lästig sind. Befolgen Sie sie bitte dennoch! Zum Glück ist besonders nach der Rechtschreibreform ziemlich viel Platz für Individualität. Das ist allerdings durchaus nicht dasselbe wie Beliebigkeit.

Nebensätze heißen so, weil sie zwingend zu einem Hauptsatz gehören. Sie können nicht von Punkten eingerahmt sein.

Vermeiden Sie bitte unbedingt aufgeblasene, pseudowissenschaftliche Formulierungen! Beliebt sind vermessen statt messen, aufreinigen statt reinigen oder aufkonzentrieren statt konzentrieren. Häufig, auch in großen Lehrbüchern, erlebt der unbestimmte Artikel eine unangemessene Inflation. Neulich las ich in einem Virologie-Buch, die Zellen seien “resistent gegen eine Infektion”. Welche denn? Gemeint ist doch sicher der Erreger, der im Absatz vorher beschrieben wurde. Dann wäre also eher zu schreiben: resistent gegen die Infektion mit... .

Vermeiden Sie bitte unbedingt nichtssagende und folglich überflüssige Worthülsen wie erfolgen oder durchführen.

Vermeiden Sie bitte wie angeklebt wirkende Relativsätze mit wogegen, weshalb und ähnlichem. Fangen Sie einfach einen neuen Hauptsatz an! Man wird Ihren Text lieber lesen.

Schreiben Sie bitte Hauptsachen in Hauptsätze! Es ist ziemlich ungeschickt, die Hauptsache, nämlich den Hauptsatz einer Satzkonstruktion unter Wert zu verschleudern. Beliebte und ganz leicht vermeidbare, weil völlig nutzlose Hauptsätze sind: Es wurde gezeigt, dass ... oder: Die Auswertung der Gele ergab, dass ... .

Beschränken Sie sich bei der Verwendung von Abkürzungen auf das sinnvolle Maß. Ihre Leser haben weder Zeit noch Lust, ständig zum Abkürzungsverzeichnis zurückzublättern. Es gibt übrigens keinen Sinn, Abkürzungen zu verwenden, die in Ihrer gesamten Arbeit nur wenige Male vorkommen. Bei der ersten Verwendung müssen Sie trotz Abkürzung ohnehin den Begriff komplett hinschreiben. Ganz schrecklich ist das unkritische Abkürzen von Gattungsnamen. Woher soll der unbefangene Leser wissen, wovon Sie reden? Schreiben Sie einfach den Namen aus, sodass Zweifel erst gar nicht provoziert werden.

Traditionell werden Examensarbeiten gegliedert in die Kapitelfolge Einleitung - Material und Methoden - Ergebnisse - Diskussion - Literatur. Wenn Sie statt der vielfach noch immer üblichen knappen Einleitung eine echte Literaturübersicht geschrieben haben, sollten Sie diese auch so nennen. Wichtiger als die Überschriften sind die Inhalte dieser Kapitel.

Die Literaturübersicht soll den Leser mit dem Thema vertraut machen, ihm die Möglichkeit geben, den Stellenwert der Arbeit zu erkennen und gegen Ende die in Ihrer Arbeit bearbeitete Wissenslücke aufzeigen. In Material und Methoden darf es deutlich formaler zugehen. Hier beschreiben Sie detailliert, womit und wie Sie experimentiert haben. Geben Sie unbedingt die Genotypen der verwendeten Organismen an, ihre Herkunft und auch relevante Publikationen. Techniken müssen so genau beschrieben sein, dass sie nachgearbeitet werden können. Dazu gehören auf jeden Fall die Angabe der Quelle, die Rezepturen, Gerätschaften und die experimentellen Rahmenbedingungen. Es ist außerordentlich hilfreich, wenn Sie in aller Kürze das Rationale Ihrer Techniken deutlich machen und Angaben dazu einfließen lassen, warum Sie die genannten Prozeduren verwendet haben.

Das Ergebniskapitel ist für Ihr Institut das wichtigste. Geben Sie sich also besondere Mühe, das Neue gerade Ihrer Arbeit herauszuarbeiten. Wichtig ist die saubere Dokumentation. Sparen Sie daher nicht mit Abbildungen! Achten Sie auf hohe Qualität der Abbildungen. Es muss wirklich auf den Abbildungen zu sehen sein, was Sie im Text ansprechen. Im Zweifelsfall ist ein klassischer Hochglanzabzug von einem Negativ besser als ein Computerausdruck. Sparen Sie nicht an dieser Stelle mit Arbeit oder Materialaufwand. Ihre Leser werden es Ihnen danken, wenn Sie die Ergebnisse nicht nur auflisten, sondern in einen inhaltlichen Kontext bringen. Die innere Logik Ihrer Arbeit muss deutlich werden.

Schwieriger ist die Diskussion. Die ist keinesfalls eine Wiederholung der Kernaussagen, sondern muss die Schlussfolgerungen aus Ihren Experimenten deutlich werden lassen. Dazu gehört auch methodische Kritik und besonders die Einordnung Ihrer eigenen Arbeiten in den Literaturkontext. Häufig liest man am Schluss einen Ausblick, in dem weitere Experimente vorgeschlagen werden. So etwas können Sie tun. Sie sollten damit jedoch vorsichtig umgehen, weil sich eventuell die Frage aufdrängt, warum Sie die angesprochenen Arbeiten nicht gemacht haben? Sicher, für die Examensarbeit haben Sie nicht endlos Zeit, und niemand erwartet von Ihnen ein Wunder, aber entschuldigt das wirklich das Fehlen kritischer, entscheidender Experimente? Ihre Arbeit sollte mit dem Schlusspunkt abgeschlossen, rund und fertig sein. Der Ausblick ist primär für solche möglichen, sich aus Ihrer Arbeit ergebenden Erweiterungen da, die deutlich über Ihr Thema hinausweisen.

Völlig unproblematisch, weil formal zu behandeln ist der Literaturteil. Sie geben im Text im Anschluss an eine aus Veröffentlichungen zitierte Überlegung, Formulierung oder Prozedur in Klammern Autor und Erscheinungsjahr an. Das kann so aussehen: text, text, text (Miller 2016). Oder: (Miller und Meyer 2016). Oder: (Miller et al. 2016). In das Literaturverzeichnis nehmen Sie dann in aufsteigend alphabetischer Reihenfolge die kompletten zugehörigen bibliographischen Angaben auf. Etwa so:

Miller, A. (2016) A final algorithm for automatic generation of sequence alignments. J. Mol. Evol. 415, 3245-3249.

Miller, A., Meyer, O.C. (2016) Fungi are the basal group of eukaryotes. J. Gen. Microbiol. 225, 23-45.

Miller, A., Green, C., Lessing, P.V.P. (2016) The fungal nucleus, a genetic mosaic of five distinct prokaryotic lineages. Mol. Biol. Evol. 33, 12-51.

Alles klar? Ab drei Autoren dürfen Sie im Text nach dem ersten Autor mit et al. ( et alii, und andere) abkürzen. Im Literaturverzeichnis stehen natürlich alle Autoren mit Ihren Initialen. Die Abkürzungen der Journale sind nicht beliebig, sondern international festgelegt. An dieser Stelle dürfen Sie bitte nicht kreativ werden. Achten Sie unbedingt durchgängig auf Einheitlichkeit.

Wenn Sie große Mengen an Rohdaten, etwa Nukleinsäuresequenzen, umfangreiche Alinierungen, Gelabbildungen und ähnliche Materialien haben, die Sie aus Gründen der Lesbarkeit nicht alle im Ergebniskapitel wiedergeben können, dann sollten Sie einen Anhang mit diesem Material verfassen. Bei uns hat es sich bewährt, eine Diskette, CD oder DVD mit diesen Daten in die Arbeit einzufügen. Das hilft bei späteren Publikationsvorhaben oder als Grundlage für Folgearbeiten.

Zusätzlich zu den angesprochenen Kapiteln sind Widmungen und Danksagungen nicht unüblich. Sie dürfen so etwas schreiben, müssen jedoch nicht, weil so etwas keinesfalls zum bewerteten Teil Ihrer Arbeit gehört. Darauf können Sie vertrauen. Dennoch sind Sie gut beraten, wenn Sie im Dank-Absatz fair bleiben. Danken Sie bitte nur solchen Leuten, die deutlich mehr getan haben, als üblicherweise erwartet werden kann. Danken Sie also nie, wirklich nie, Ihrem Chef oder Betreuer für die Themenstellung! Haben diese Leute wirklich nicht mehr getan? Wahrscheinlich schon, und in diesem Fall wirkt Ihre Formulierung fast wie eine öffentliche Ohrfeige.

Gelegentlich ist der Umfang von Arbeiten ein Problem. Die Prüfungsordnung gibt Ihnen dazu die notwendige Richtschnur. Wenn Sie mit dem gewünschten Umfang nicht hinkommen, sondern mehr Platz brauchen, so ist das nicht schlimm. Sofern Sie Gründe für längere Darstellungen haben, bekommen Sie auch die Möglichkeit dazu. Sie müssen Ihren Wunsch lediglich in wenigen Zeilen formulieren und an das Studienbüro schicken. In der Regel gibt es damit keine Probleme.

 

Die Tipps und Hinweise sind keinesfalls vollständig. Ich kann mir also gut vorstellen, dass Sie mehr wissen wollen oder ausführlichere Angaben erwarten. Sprechen Sie mich in diesem Fall einfach an. Wir können gemeinsam versuchen, den Leitfaden immer besser zu machen. - J.W.

 

© by Johannes Wöstemeyer
Last modified: 10. April 2007 Tue Apr 10 15:12:38 2007
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