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Bereits vor Jahren trat die Bundesrepublik Deutschland
gemeinsam mit über hundert weiteren Mitgliedsstaaten der Vereinbarung über pflanzengenetische
Ressourcen der UN-Organisation für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (FAO) bei. Es soll damit
versucht werden, das "gemeinsame Erbe der Menschheit" in "einer Welt" über nationale
und ausschließlich komerzielle Erwägungen hinaus für alle Länder verfügbar und
nutzbar zu halten und aktuelle sowie potentielle natürliche Rohstofflieferanten zu bewahren.
Vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, auch vom Bundesministerium für
Umwelt (BMU) wurden die entsprechenden Landesministerien aufgefordert, an wissenschaftlichen Institutionen bzw.
Forschungseinrichtungen ihrer Länder zu prüfen, inwieweit Projekte geplant oder installiert sind,
die dieser Zielsetzung dienen oder dienen
könnten.
Es geht um eine effektive Erfassung und Koordinierung entsprechender Forschungsaktivitäten. Dabei sind vor
allem Sammlungen und Forschungsvorhaben von Interesse, die sich dem Erhalt und der Kontrolle pflanzengenetischer
Ressourcen hochwertiger landwirtschaftlicher Kulturpflanzen, aber auch früher Kultursorten widmen.
In Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) werden aber auch Forschungsvorhaben erwünscht
und gefördert, die zum Ressourcenschutz der heimischen Flora beitragen und/oder Rahmenbedingungen für
deren nachhaltige Nutzung schaffen. Letztlich gilt es, die noch vorhandene hohe biologische Vielfalt
("Biodiversität") vor einem sich dramatisch vollziehenden, irreversiblen Zerstörungsprozess
zu schützen und sie späteren Generationen aus ethischer Verpflichtung, aber auch pragmatischen
Überlegungen heraus zu erhalten.
Von der Bundesregierung ist inzwischen die Bedeutung der Botanischen Gärten im nationalen und internationalen
Natur- und Artenschutz erkannt worden. Im Verlaufe der letzten beiden Jahrhunderte vollzog sich ein
entscheidender Aufgaben- und Strukturwandel in den Botanischen Gärten von "Horti Medici"
und lebenden Naturalienkabinetten zu modernen Forschungs- und Bildungseinrichtungen, Schutzsammlungen sowie
Erlebnis- und Erholungsstätten für den bildungswilligen Bürger. Immerhin besuchen jährlich
mehr als eine Million Besucher die deutschen Botanischen Gärten, die neben ihrer kulturell-ökologischen
Funktion für viele Städte sich auch zum Vermittler für natur- und umweltschützerisches
Gedankengut entwickelten.
Unter dieser Prämisse wurde im Jahre 1992 am Botanischen Garten
Jena damit begonnen, die Arten und die genetische Vielfalt thüringischer wildwachsender
Gefäßpflanzen in einer Samen- und Sporenbank (Genbank) zu erhalten.
Für Thüringen sind derzeit 710 Bryophyta (Moose) sowie 1526
Pteridophyta (Farne) und Spermatophyta (Samenpflanzen) bekannt. Hinzu kommen 56 bzw. 112 ausgestorbene,
ausgerottete oder verschollene Arten
(= 7%).
Von dieser aktuellen Bestandsliste gelten 9 bzw. 8% als vom Aussterben bedroht, 8 bzw. 7% als stark
gefährdet, 19 bzw. 12% als gefährdet und 10 bzw. 2% infolge Seltenheit als potentiell gefährdet.
Insgesamt werden nach der neuesten "Roten Liste Thüringens" (Stand 1993) also 54% aller Moose
und 36% aller Farn- und Samenpflanzen als in irgendeiner Form gefährdet betrachtet. Natürlich werden
vielfältige Versuche unternommen, diesen akuten Artenrückgang zu stoppen.
Ein aktiver Beitrag dazu soll vom Botanischen Garten Jena mit o.g. Forschungsprojekt geleistet werden, das
inzwischen auch von der Bundesanstalt für Umwelt in Bonn, dem Thüringer Ministerium für
Landwirtschaft, Naturschutz und Umwelt sowie der Thüringer Landesanstalt für Umwelt sehr
begrüßt wurde.
Dieses Vorhaben ist bis weit in das neue Jahrtausend hinein konzipiert.
Mit längerfristig angelegten Aktivitäten ist geplant, von allen Gefäßpflanzen
(Samenpflanzen und Farnpflanzen)- unabhängig von ihrer Häufigkeits-Kategorie - Samen und
Sporen aus verschiedenen Regionen Thüringens zu sammeln (und nachzusammeln). Nach Reinigung,
und Trocknung wird das Saatgut tiefgekühlt aufzubewahrt.
Für alle vorbereitenden Tätigkeiten steht ein gut eingerichtetes Labor zur Verfügung.
Die Lagerkapazität wird den Anforderungen entsprechend ständig erweitert.
Die Keimfähigkeit des verwendeten Saatgutes wird vor dem ersten Einfrieren bestimmt und dokumentarisch
festgehalten.
Später wird in Abständen diese Keimfähigkeit getestet.
Bislang wurden 720 Samenproben (Stand: November 1998) von Wildherkünften unterschiedlicher
Sippen aus Thüringer Samenpflanzen-Familien gesammelt, nachbestimmt, gereinigt, geprüft
und dokumentiert.
Die Sammeldaten werden (genaue Herkunft, Sammler, Sammlungsdatum, eventuelle
zusätzliche Informationen) in einer Datenbank erfaßt. In Kürze werden diese Angaben auch
für Externe über Internet zugänglich sein.
Parallel dazu wurde mit der optischen und rasterelektronenmikroskopischen Untersuchung aller
konservierten Sippen begonnen, mit dem Ziel, eine lückenlose fotografische Dokumentation
zu erstellen. Dabei werden sowohl Samen, Früchte (z.B. Achänen und Karyopsen)
als auch Details der Testa- und Perikarpoberflächen bis zu 2000-fach vergrößert
aufgenommen (siehe Abbildungen).
Geplant ist weiterhin, daß in der zweiten Phase des laufenden Forschungsvorhabens ein
"Samenatlas thüringischer
Wildpflanzen" herausgegeben wird.
Interessenten können Anfragen an folgende Adresse richten:
Friedrich-Schiller-Universität
Institut für Spezielle Botanik
Philosophenweg 16
D-07743 Jena
Tel. 03641 949251
Fax 03641 949252
Der Hintergrundgrafik dieser Seiten liegt eine REM-Aufnahme der Samenoberfläche von
Cerastium arvense in 358-facher Vergrößerung zugrunde.
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