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Tagungen

  • Molekulare Fingerabdrücke nehmen [mehr]
  • Damit der Kunde auch künftig König bleibt [mehr]
  • Miniverpackungen für Nährstoffe [mehr]
  • Nachwuchsblick auf Recht und Ökonomik [mehr]
  • Kristalline Ordnung in Technik und Alltag [mehr]
  • Vom Darwinismus bis zur Rassenkunde [mehr]

Molekulare Fingerabdrücke nehmen

82. Internationale Bunsen-Tagung an der Universität Jena

Tabletten werden heutzutage in riesigen Mengen und mit großer Geschwindigkeit hergestellt. Ist jedoch in jeder Pille die erwünschte Wirkstoffmenge in der richtigen Kristallform und optimal verteilt enthalten? Eine solche Qualitätsprüfung ist bisher nur in Stichproben möglich. Doch in Zukunft wird man auch Großserien berührungslos und zerstörungsfrei kontrollieren können, davon ist Prof. Dr. Jürgen Popp (37) von der Universität Jena überzeugt. Um die Verteilung des Wirkstoffs in der Tablette zu prüfen, brauche ich molekulare Informationen“, sagt der Lehrstuhlinhaber für Physikalische Chemie II. „Die erlange ich über die Spektroskopie.“ Popp und seine nationalen und internationalen Kolleginnen und Kollegen präsentierten diese Technik und ihre Einsatzfelder während der 82. Internationalen Bunsen-Tagung, die vom 29. Februar bis 2. März an der Universität Jena stattfand.

Moderne Technologie zur Qualitätssicherung : In Laserlichtfallen gefangene Verunreinigungen werden mit Ramanspektroskopie identifiziert. Foto: Kasper

Zur anwendungsbezogenen Veranstaltung „Raman- und Infrarot-Spektroskopie in Biologie und Medizin“ waren über 150 Teilnehmer aus ganz Europa erschienen. Erreichtes Ziel der Veranstaltung war es, die Kommunikation zu fördern zwischen Wissenschaftlern, etwa aus der Medizin, Pharmazie und Biologie, und Spektroskopikern, die zeigen, wie und wozu Schwingungsspektroskopie inzwischen eingesetzt werden kann.

Daneben zeigten die Industriepraktiker ihrerseits den Spektroskopie-Experten auf, wo ihre Methoden zusätzlich zur Anwendung kommen können.

Das Themenspektrum der Tagung reichte von der Gesundheitsdiagnostik über Infektionsnachweise und Lebensmittelkontrolle bis zu Prozessanalysetechnologien in der Pharmabranche.  An der großen Industrie-Ausstellung beteiligten sich alle führenden Spektrometer-Hersteller.

Bei der Spektroskopie werden mittels Lichtstreu- bzw. Lichtabsorptionsexperimenten spezifische Spektren von den Proben (z. B. Gewebe, Krankheitserreger, landwirtschaftliche Produkte, pharmazeutische Wirkstoffe) gemessen, die einen individuellen Fingerabdruck der Substanzen ermöglichen. Mit diesem Fingerabdruck können selbst winzigste Mengen des Inhaltsstoffs nachgewiesen werden.

Die Technik ist derzeit noch ziemlich aufwändig, „doch für ihren Einsatz gibt es einen gigantischen Markt“, ist Prof. Popp überzeugt. So existiere für manche Anwendungen in der Qualitätssicherung keine vergleichbare zerstörungsfreie Analysemethode als die Schwingungsspektroskopie. Mit ihrer Hilfe könnte zukünftig etwa die Fleischqualität untersucht werden. Beispielsweise könnte man feststellen, ob beim Transport des Steaks die Kühlkette unterbrochen wurde, nennt Popp einen Einsatz. Auch in der Krebsdiagnostik habe die Methode „ein riesiges Potenzial“. Die Technik wird zwar schon benutzt, muss aber für jede Krebsform angepasst werden.

„Auf dem Gebiet der Schwingungsspektroskopie schnelle optische Methoden entwickeln und in Zukunft in Kooperation mit Industriepartnern auf einen Massenmarkt bringen“, heißt Popps ambitioniertes Ziel. So sollen bei der Qualitätsanalyse von Tabletten möglichst viele pro Sekunde komplett untersucht werden. AB

 

 

Damit der Kunde auch künftig König bleibt

12. Jenaer Gespräch Hochschule - Wirtschaft zum Kundenmanagement

Die Philosophie, dass der Kunde König sein soll, galt schon in Zeiten, als Geschäfte noch mit Handschlag besiegelt wurden. Heute haben jedoch selbst kleine und mittelständische Betriebe große Kundenstämme. Wie kommt angesichts dieser anonymen Masse der Einzelkunde weiterhin nicht zu kurz? In Fachkreisen gilt das so genannte Customer Relationship Management (CRM) als Königsweg. Dahinter verbergen sich intelligente Kundendatenbankprogramme. Kundenbeziehungspflege von der Anbahnung über die Vertiefung bis zur Rückgewinnung geht deutlich über den bloßen Umgang mit digitalen Kundendaten hinaus: Diese Einsicht vermittelte das 12. Jenaer Gespräch Hochschule - Wirtschaft. Es fand am 11. März vor 200 Teilnehmern aus Managementtheorie und -politik unter der Schirmherrschaft des Thüringer Ministerpräsidenten und unter der Leitung der Jenaer Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Reinhard Haupt und Prof. Dr. Johannes Ruhland statt. Ihr gewähltes Thema „CRM - Erfolgsmotor Kundenmanagement“ folgte dem Schlüsselanliegen der Jenaer Gespräche: Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, Thematisierung von Querschnittsfragen der Unternehmensführung und Nutzung von Zukunftswissen für Zukunftserfolge.

Im Einführungsvortrag umriss Prof. Dr. Michael Kleinaltenkamp (FU Berlin) die Probleme des CRM zwischen strategischer Einbindung, organisatorischer Anpassungsfähigkeit und informationstechnischer Umsetzung. Den unternehmenspraktischen Kontrapunkt setzte Jörg Sost (Freudenberg Dichtungs- und Schwingungstechnik KG, Weinheim), der über das Modell „Customer Value First“, eine ehrgeizige konzernweite Politik, sprach. Einen Eindruck vom gegenwärtigen Potenzial von IT-Technologien vermittelten die Beiträge von Jan B. Gottschalk (Gruner und Jahr AG, Hamburg) über die Massenkundendatenverarbeitung beim europäischen Zeitschriftenanbieter und von Dirk Arndt (DaimlerChrysler AG, Ulm) über Verfahren der Adressfehlerbereinigung im multi-nationalen Unternehmen. Dass CRM  für die mittelständische Kundenbeziehungspflege gangbar ist, verdeutlichte Reinhard Potzner von der Erfacon Managementberatung. CRM, so das Tagungsfazit, ist kein neues Paradigma für Unternehmenserfolg, aber es bündelt erprobte Einsichten. Ohne Wertschätzung seitens des Kunden keine Wertschöpfung im Betrieb. RH


 

Miniverpackungen für Nährstoffe

Symposium zum Einschluss von Wirkstoffen in Lebensmittel und Pharmaka

Tomaten, aber auch Möhren enthalten Karotinoide. Bei starker Lichtstrahlung verlieren diese Stoffe ihre für den Menschen so lebenswichtige antioxidative Wirkung. Wie biologische Inhaltsstoffe vor Licht, Hitze oder Sauerstoff geschützt werden können, erforschen Ernährungswissenschaftler der Universität Jena. Ihre Lösung heißt: Verkapselung. „Um  natürliche Wirkstoffe vor äußeren Einflüssen zu bewahren, aber auch um  sie z. B. im Verdauungstrakt gezielt freisetzen zu können, ist eine Schutzhülle notwendig“, erklärt Prof. Dr. Gerald Muschiolik vom Institut für Ernährungswissenschaften. Wie eine kostbare Porzellantasse müssen sie sorgfältig verpackt werden. Der „Karton“ heißt in der Fachsprache Matrix und besteht aus Kohlenhydraten, Eiweißen oder Fett.

Wie das Verkapseln auf technischer Basis geschieht, war Thema des Symposiums „Verkapseln - Mikroverkapseln - Coaten“, das am 12. und 13. Februar an der Universität stattgefunden hat. Veranstalter waren der Lehrbereich Lebensmitteltechnologie und der Lehrstuhl für Pharmazeutische Technologie sowie die Gesellschaft Deutscher Lebensmitteltechnologen e. V. (GDL).

Obwohl Lebensmittelhersteller ihre Kost als nährstoffreich anpreisen, sind die Produkte nicht unbedingt so wertvoll. Denn viele der essenziellen bioaktiven Stoffe verlieren vor dem Erreichen des Ziels ihre Wirkung. „Durch Verkapselung können Lebensmittelinhaltsstoffe so lange eingeschlossen werden, bis sie am gewünschten Wirkungsort, etwa in unserem Darm, angekommen sind“, sagt Prof. Muschiolik. Dazu werden sie   in Mikrokügelchen oder Mehrfachemulsionen unter 0,1 mm eingeschlossen. „Eine Emulsion liegt vor, wenn sich eine Flüssigkeit in einer anderen, nicht mit ihr mischbaren fein verteilt, wie es bei Milch oder Hautcremes der Fall ist“, erklärt der Lebensmitteltechnologe.

Der Tropfen im Tropfen im Tropfen
Bei „multiplen Emulsionen“ befinden sich beispielsweise Wassertropfen in Fetttropfen, welche wiederum in Wasser schwimmen (siehe Bild). Im Inneren des Fett-Wasser-Tropfens befinden sich dann z. B. wasserlösliche Vitamine.
„Wir stellen multiple Emulsionen schonend und möglichst ohne künstliche Zusatzstoffe her“, berichtet Muschiolik über seine Forschungen. Bei dem Emulgierverfahren mittels Mikroporen wird durch natürliche Emulgatoren die Oberflächenspannung der Tropfen verringert. Je niedriger die Spannung, desto kleiner der Tropfen, desto feiner deren Verteilung. Die Herstellung erfolgt mittels eines Keramik- oder Glasröhrchens mit 0,2 bis 4 µm Porendurchmesser. Für den Verbraucher als derartige Mehrfachemulsionen nicht erkennbar, können diese sowohl flüssig als auch pulvrig für kosmetische oder pharmazeutische Produkte und Lebensmittel eingesetzt werden. „Diese  Lebensmittelkompositionen können auch für Krankenhauspatienten hergestellt werden. So würde ihnen das mühsame Schlucken unzähliger Pillen erspart, indem die tägliche Nahrung neben der Ration Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen zugleich die notwendigen pharmazeutischen Wirkstoffe in Form von multiplen Emulsionen enthält“, zeigt  Muschiolik Perspektiven auf. „Die Grundlagen zur Herstellung derartiger ,functional foods’ für spezielle Zielgruppen werden nicht nur in den USA oder Japan, sondern auch in Jena erarbeitet“, fügt der Technologe hinzu. Böh

Mehrfachemulsion: Tröpfchen mit empfindlichen Stoffen werden in größere Tropfen verpackt und gelangen so sicher zum Wirkungsort.

Foto: Muschiolik

Nachwuchsblick auf Recht und Ökonomik

Assistententagung Öffentliches Recht fand erstmals an der Universität Jena statt

Als bei der Tagung am 25. März um 9.30 Uhr der Gong ertönte, verlieen diesmal die Professoren den Raum. Zurück blieben die Teilnehmer der 44. Assistententagung Öffentliches Recht, die in diesem geschütztem Rahmen ihre Thesen zum Tagungsmotto „Recht und Ökonomik“ darlegten.

Dieser Ausschluss der Öffentlichkeit garantierte nicht nur ungestörte Diskussionen des Juristen-Nachwuchses aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er ermöglicht auch „gewagtere Thesen“, wenngleich die Präsentation vor den Kollegen nicht ohne Risiko ist, weiß Stefan Danz. Er war Mitglied des achtköpfigen Organisationsteams der Universität Jena, das dafür sorgte, dass vom 24.-27. März erstmals das traditionsreiche Jahrestreffen des Nachwuchses aus dem Bereich Öffentliches Recht an der Friedrich-Schiller-Universität stattfand. Rund 200 Teilnehmer hatten sich in Jena eingefunden. Hier erwartete die jungen Rechtswissenschaftler ein vielseitiges Tagungsprogramm.

Recht der Wirtschaft anpassen?
„Die Tagungsthemen haben immer einen rechtstheoretischen Schwerpunkt“, erläutert Danz, der selber Assistent an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät ist. Ab Freitag Nachmittag stand dann stärker die praktische Anwendung im Mittelpunkt. Soziologische Aspekte wurden angesprochen, „denn über das Verhältnis von Politik, Recht und Wirtschaft muss neu nachgedacht werden“, begründete Danz die Schwerpunktsetzung. Auch Fragen der Wirtschaftspolitik sind nicht zu kurz gekommen. Hier sind auf der einen Seite die Grenzen von Deregulierung und Privatisierung, auf der anderen Seite die Infrastrukturverantwortung des Staates diskutiert worden. Im Zentrum der Tagung standen die Fragen, ob das Recht heute der Wirtschaft angepasst werden muss und wie ökonomische Gesichtspunkte auf die Gesetzgebung Einfluss nehmen.

In der Podiumsdiskussion, die traditioneller Bestandteil jeder Assistententagung ist, diskutierten die Professoren Behrens (Hamburg), Freytag und Meessen (beide Jena) sowie der Direktor des Walter-Eucken-Instituts in Freiburg Prof. Vanberg mit dem Plenum über das Thema „(Inter-)Nationale Regulierung und Systemwettbewerb“.  AB

13 für die Jenaer Tagung ausgewählte Vorträge der Nachwuchs-Juristen werden in einem Band veröffentlicht.

 

 

 

Kristalline Ordnung in Technik und Alltag

Gemeinsame Jahrestagung deutscher Kristallographenverbände

Bei Temperaturen unter 0 °C wandeln sich fallende Regentropfen in Schneekristalle um. Dazu ordnen sich die Wassermoleküle regelmäßig und symmetrisch zueinander in einem Kristallgitter an. Die kurzlebigen kalten Glitzersternchen stehen ihren ewigen Kollegen, den Diamanten, beim regelmäßigen Aufbau in nichts nach.

Vom 15.-19. März trafen sich über 600 Kristallographen und Kristallzüchter aus aller Welt an der Friedrich-Schiller-Universität. Zusammen mit Kollegen von Schott Lithotec sowie Innovent hatte Prof. Dr. Eckhart Förster von der Universität Jena die gemeinsame Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kristallographie e. V. (DGK) sowie der Deutschen Gesellschaft für Kristallwachstum und Kristallzüchtung e. V. (DGKK) organisiert. Nicht von ungefähr war dem Jenaer Röntgenoptik-Experten diese Aufgabe zugefallen. In Försters Abteilung „Röntgenoptik“ werden speziell gebogene Kristalle hergestellt, mit deren Hilfe man Atomen quasi beim Schwingen zusehen kann. „Solche Kristalle sind Bauteile komplizierter Apparaturen, die die Bewegung von Atomen mit Hilfe sehr kurzer Zeitimpulse messen können“, erläutert Förster.

Über ihren Einsatz in der Grundlagenforschung hinaus sind Kristalle Bestandteil unseres Alltags: Ohne sie piept kein Handy, bleibt der Flachbildschirm des Laptops schwarz, das Laser-Skalpell stumpf und kommt die Quarzuhr aus dem Takt. Für technische Anwendungen werden daher in der Industrie und im Labor Kristalle mit speziellen Eigenschaften gezüchtet. Biochemiker kristallisieren z. B. Eiweiße, um deren Struktur aufzuklären und ihre Funktion zu verstehen.
„Kristallzüchtung und die Kristallographie sind heute Forschungsgebiete mit deutlich interdisziplinärem Charakter“,    erläutert Förster. Die Palette der Vortragsthemen reichte daher von der Herstellung und Anwendung industrieller optischer Kristalle über die Strukturaufklärung des SARS-Virus mittels Röntgenstrukturanalyse bis hin zu Computerprogrammen, mit denen sich Kristallwachstum auf atomarer Ebene simulieren lässt. Ursprünglich untersuchten Mineralogen Gesteinsproben auf ihre innere räumliche Ordnung. Denn die Bausteine, ihre Art der Anordnung und die Art der Bindung bestimmen äußeres Erscheinungsbild und Eigenschaften eines Kristalls: etwa seine Festigkeit, bevorzugte Spaltrichtungen und seine Leitfähigkeit für Licht oder Strom. ash

Goethe, der ein passionierter Sammler von Mineralien war, appellierte seinerzeit an die Kristallographen, über ihre Betrachtungen der Flächen, Winkel und Symmetrien nicht die Schönheit der Kristalle aus den Augen zu verlieren. Der populäre Eröffnungsvortrag zum Goethezitat „Die Kristallographie als Wissenschaft betrachtet“ vom Mineralogen Prof. Dr. Klaus Heide ist im Internet nachlesbar unter: http://www.uni-jena.de/vortrag_heide.html

Manche mögens heiß: Borazit bildet erst bei 300 °C regelmäßige Salz-Kristalle aus.

Foto: Heide

Vom Darwinismus bis zur Rassenkunde

Anthropologen loten Verzahnung von Ideen- und Institutionsgeschichte aus

Bereits aus der Tradition Herders heraus ist die Geschichte der Anthropologie in besonderer Weise mit dem Raum Jena-Weimar verbunden. Um 1800 forcierte in Jena Justus C. Loder seine wissenschaftliche Anthropologie. Auch Ende des 19. Jahrhunderts gewann Jena durch die rasche, konsequente und weitreichende Umsetzung des darwinistischen Konzepts in der Anthropologie seitens Matthias J. Schleidens und vor allem Ernst Haeckels für dieses Fach eine umfassende, weit ins 20. Jahrhundert hineinreichende Bedeutung.

Heute Allgemeingut, damals unerhört: Darwins Theorie zum Ursprung des Menschen. Foto: HH

„Anthropologie nach Haeckel“ lautete daher das Thema einer internationalen Tagung, die vom 22. bis 24. Januar an der Friedrich-Schiller-Universität stattfand. Sie wurde von der Senatskommission zur Aufarbeitung der Jenaer Universitätsgeschichte im 20. Jahrhundert und dem Ernst-Haeckel-Haus veranstaltet.

In der darwinistischen Reinterpretation der Anthropologie nimmt ein neues Bild und ein neuer Anspruch der biologischen Anthropologie Konturen an. Diese Wechselwirkung anthropologischer Lehr- und Forschungstätigkeit mit Darwins Evolutionstheorie wurde anhand der Eingangsvorträge zu Matthias J. Schleiden, Ernst Haeckel sowie dem Genfer Zoologen Carl Vogt ausgeführt. Die britischen, eidgenössischen, tschechischen und deutschen Referenten stellten anschließend die Hauptstränge anthropologischer Forschung dar, die sich in den Jahrzehnten nach Haeckel abzeichnen und über die Begriffe Paläoanthropologie, Paläoprimatologie, Rassenkunde, Sozialdarwinismus sowie Rassenhygiene und Eugenik charakterisiert werden können.

Thematisiert wurden die politische Instrumentalisierung und ideologische Umdeutung rassischer, nationaler und konstitutionsmorphologischer Typisierungen. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entworfen, wurden sie für den Nationalsozialismus kennzeichnend. Die europäische Dimension dieser Biologisierung des Nationalen wurde anhand des französischen Konzepts einer „Preußischen Rasse“ und des Konstrukts eines Schweizer „Homo alpinus“ diskutiert. Es wurde eine „Biotypologie“ aufgezeigt, die unabhängig von der nationalsozialistischen Ideologie bis 1940 im tschechischen Raum als Grundlage für die optimale Einbindung von „Menschenmaterial“ in den industriellen Produktionsprozess galt. Vor diesem Hintergrund wurde über die Jenaer rassenhygienische Konzeption vor 1933 und deren Umsetzung nach 1934 am Beispiel der Sterilisation von Frauen berichtet.

Die Konferenz trug dazu bei, die Rassenlehre an der Jenaer Universität im internationalen Vergleich zu bewerten. Tagungsfazit: Gerade für eine Geschichte der Anthropologie ist die Verzahnung von Ideen- und Institutionengeschichte herauszuarbeiten. BHP 

Die Tagungsbeiträge werden in der neuen Reihe „Wissenschaftskultur um 1900" im Franz Steiner Verlag Stuttgart publiziert.

letzte Änderung:  am 2009-09-17 18:32:47   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang