Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800
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E2: Empirie versus Spekulation? Begriffene und erfahrene Natur
E2
Empirie versus Spekulation? Begriffene und erfahrene Natur
Projektbeschreibung
Das Teilprojekt wird weiterführend und abschließend das Wechselverhältnis zwischen Naturphilosophie, Naturwissenschaften und Technik/Technologie untersuchen, insbesondere in Hinsicht auf das Verhältnis von universitären und außeruniversitären Institutionen. Dies betrifft zum einen den komplexen Bereich der technischen Chemie und zum anderen das sich differenzierende naturwissenschaftliche Lehrprogramm an den Schulen. Des Weiteren wird aus literaturwissenschaftlicher Perspektive nach dem Zusammenhang von Textpraktiken und disziplinärer Ausdifferenzierung der Fächer um 1800 gefragt. Diese Arbeiten werden durch eine zusammenfassende Studie ergänzt, die Schellings Naturphilosophie als Wissenschaftslehre darstellt. zurück >>

Inhalt

Fragestellung und Forschungsziele
Das Ziel des Teilprojekts E2 in der dritten Antragsphase ist die weitere Klärung der Umbruchsituation der Naturwissenschaften um 1800. Insbesondere geht es um Disziplinbildungen, um das Eigenverständnis der Naturwissenschaften, um die Institutionalisierung von Forschung, um die Rolle und den Status der Naturphilosophie in diesen Prozessen sowie um das Verhältnis der Naturwissenschaften zur Technik, zur Anwendung und zur Öffentlichkeit. Analysiert wird dies aus der Perspektive der Forscher selbst und in Bezug auf das vom Hof und gegebenenfalls auch von der Stadt vorgegebene Profil. Zeitlich wird dabei der Schwerpunkt auf den Zeitraum 1800 bis 1830 und thematisch auf die Fächer Technologie und Chemie sowie auf Wissenschaft außerhalb der Universität gelegt.
Zunächst ist die Veränderung der Rolle der Universität Jena nachzuzeichnen. Dies betrifft einerseits die beginnende Integration von Forschung und technisch-ökonomisch relevanter Wissenschaft an der Universität, auf der anderen Seite ihre Funktion in der Lehre angesichts des neuen Ideals der „Bildung“ einerseits und sinkender Studentenzahlen andererseits. Auf der anderen Seite geht es um Formen und Funktionen von Vermittlung von Wissenschaft außerhalb der Universität, um die Herausbildung von Rezipientengruppen und der entsprechenden Medien. Der Chemiker Johann Wolfgang Döbereiner mit seinem chemischen Labor neben der Universität, der Anspruch des Herzogs auf technisch verwertbare Forschung und Bemühen um den Status eines reinen Wissenschaftlers illustriert diese Konfliktlage ebenso wie der Mechaniker Friedrich Körner als Begründer der Wissenschaft von wissenschaftlichen Instrumenten und gleichzeitig Fabrikant dieser Instrumente für zunehmend divergierende Abnehmergruppen.
Die genannten strukturellen Veränderungen werden weder von einzelnen Personen initiiert, noch von außen vorgegeben. Entsprechend kann der Untersuchungsansatz weder ein biographischer, noch ein institutionengeschichtlicher sein. Vielmehr geht es um sich ausbildende Strukturen der Kommunikation. Es gilt dabei, für den Raum der Wissenschaften nicht nur die Professionalisierung einzelner Tätigkeitsfelder, sondern auch die damit einhergehende Spezifizierung von Kommunikationsstrukturen (Zeitschriften, Fachzeitschriften, Monographien, Lehrbücher, aber auch über Apparaturen und apparative Praxen vermittelte Kommunikation) nachzuzeichnen. Dabei zeigt sich für die Naturwissenschaften, dass zumindest ab 1800 keineswegs ein homogener Kommunikationsraum bestand. Dies meint nicht nur die Entgegensetzung einer empirisch ausgerichteten physikalischen Ausbildungspraxis gegenüber der Naturphilosophie, sondern auch Brüche innerhalb der Physik oder der Naturgeschichte selbst. Die kleinräumige Struktur des Ereignisraumes erlaubt es nun, diese verschiedenen Kommunikationsräume und deren Abgrenzung zueinander umfassend aufzuzeigen. Damit sind Konzepte zu überprüfen, die versuchen, die verschiedenen internen Rezeptionsschichtungen im Bereich der Naturwissenschaften methodisch zu bewerten.
Studie A: Außeruniversitäre Praxis – Etablierung von Naturwissenschaft und Technologie Die Studie A untersucht die beschriebenen Zusammenhänge zunächst anhand von Friedrich Körner und dessen Tätigkeit als Hofmechaniker, Instrumentenmacher in Weimar und Dozent an der Jenaer Universität. Insbesondere geht es darum, wie die von ihm eingeführte wissenschaftliche Untersuchung wissenschaftlicher Instrumente im Sinne einer Technologie mit dem Verkaufssortiment seiner Produktion für zunehmend divergierende Käufergruppen und dem Versuch der Etablierung einer vom Hof unabhängigen Werkstatt zusammenhängt. Analog werden verschiedene Publikationsformen hinsichtlich möglicherweise paralleler Diversifizierungen von Rezipientengruppen für die Darstellung von Wissenschaft und Technik, insbesondere von wissenschaftlichen Instrumenten, untersucht.
Studie B: Laborrealität In der Studie B geht es um die beginnende Institutionalisierung experimenteller Forschung, vor allem in der sogenannten extraordinären Universität. Der Vergleich zwischen den unter grundlegend anderen Bedingungen agierenden Fächern Physik und Chemie soll vor allem anhand von Johann Friedrich August Göttling, Johann Wolfgang Döbereiner, Johann Heinrich Voigt und der Naturforschenden Gesellschaft erfolgen. Insbesondere geht es darum, ob und wie in Jena das Ideal einer messenden Wissenschaft Eingang in die Praxis beider Fächer fand. Die Untersuchungen dienen gleichzeitig als Material für Fragen von allgemeinerem Interesse wie der nach dem kreativen Umgang mit Technik in experimenteller Forschung und nach dem sozialen, institutionellen und epistemologischen Verhältnis zwischen Forschung und Lehre.
Studie C: Das Eigenverständnis der Wissenschaften In der Studie C geht es um das „Eigenverständnis der Wissenschaften“, das bei der Herausbildung themen- und methodendefinierter Fächer und der Etablierung eines nicht mehr auf die Struktur der Universitäten rekurrierenden Disziplinenspektrums eine wichtige Rolle spielt. Dies geschieht anhand der expliziten Äußerungen vor allem in den Vorreden und Einleitungen von Monographien, Lehrbüchern, Artikeln in Fachzeitschriften und Rezensionen. Ausgehend von dem Befund, dass die Jenaer Naturphilosophie nicht nur eine Naturlehre, sondern eine Naturwissenschaftslehre sein wollte, ist nach dem Eigenverständnis einer Naturwissenschaft nach 1800 zu fragen. Ansatz hierzu bietet eine eingehende Analyse der Position von Jakob Friedrich Fries. Das Gefüge der oft nur mittelbaren Bezugnahmen ist mit Hilfe des Begriffs der „Rezeptionsschichtungen“ zu strukturieren. Der Begriff dient als Ansatz für eine kritische Erweiterung von Diskurstheorien.
Stellung im Sonderforschungsbereich
Das Teilprojekt E2 ist schon über den Gegenstandsbereich „Naturwissenschaften“ eng mit den anderen Teilprojekten aus den Bereichen D und E vernetzt. Durch das Teilprojekt E2 werden für das Teilprojekt D1 unabdingbare Vorarbeiten für die zu untersuchende Fragestellung der meteorologischen Messstationen, die zum großen Teil von Körner ausgestattet wurden, zur Verfügung gestellt. Hierbei untersucht E2 die technologisch-apparativen Grundlagen und D1 die personellen, institutionellen und messtechnischen Abhängigkeiten im Betrieb der Messstationen und die öffentliche Vermittlung der gewonnen Ergebnisse. Mit der Studie zur Meteorologie liefert D1 einen wichtigen Beitrag zur Einschätzung der Qualität und Gebrauchsfähigkeit der von Körner gelieferten Geräte. Zur Teilstudie „Strategien der Wissenschaftspolitik in den ernestinischen Herzogtümern um 1800“ innerhalb des Teilprojekt D1 „Die Neuordnung der Universität Jena“ bestehen enge Verbindungen zu der Untersuchung der Wissenschaftsförderung durch die „Erhalter“ der Universität, vor allem hinsichtlich neuer Erkenntnisse über Unterschiede, Bedeutung und Anwendung universitärer und außer-universitärer Wissenschaft. Zu dem Teilprojekt E3 „Medizin um 1800“ besteht auf Grund der thematischen Nähe zwischen Naturwissenschaften und Medizin enge Kontakte. Von gemeinsamen Interesse ist dabei die Frage nach der Professionalisierung von Naturforschung und Medizin sowohl innerhalb als auch außerhalb der Universität. Mit dem Teilprojekt E4 „Ästhetik und Experiment bei Goethe“ wird gemeinsam der Fragestellung nach der Entwicklung eines Experimentbegriffes, der eine metaphorische Dimension erhält und der Herausbildung von literarischen Modellen der Naturwissenschaften nachgegangen. Des Weiteren bestehen enge Beziehungen zur Untersuchung der Frage des Wissenstransfers und der Trennung in wissenschaftliche und ästhetische Darstellungsformen bei der Vermittlung von Wissenschaft.
Durch die Thematisierung von außeruniversitärer Praxis und technologischer Anwendung, von Vermittlung von Wissen und der Herausbildung von Rezipientengruppen mit den entsprechenden Medien und von Kommunikation und Identität stellt das Teilprojekt jedoch auch einen wichtigen Bezugspunkt für den SFB insgesamt dar. Gleichzeitig ist sein Programm der konsequenten und detaillierten Verbindung struktureller, personeller und konzeptioneller Faktoren bei der Herausbildung und Etablierung eines Spektrums einzelner Naturwissenschaften auf die Kompetenz und das Datenmaterial anderer Teilprojekte, insbesondere aus dem Bereich A, angewiesen.
Dabei ergeben sich Kooperationen mit dem Teilprojekt A1 „Hof, Herrschaft und politische Kultur“ in Bezug auf die Studie zum Berufsbeamtentum im Rahmen der Beschäftigung mit Professionalisierung sowie auf die Studie zu den Weimarer Hofhandwerkern, dem Teilprojekt A2 „Von der ständischen zur bürgerlichen Gesellschaft“, insbesondere in Bezug auf die Loslösung der Werkstatt Körners vom Hof und dem Teilprojekt A4 „Geschlechterbeziehungen und Aufklärung im Ereignis Weimar-Jena“ hinsichtlich der Teilstudie „Partizipation durch Netzwerke“. Notwendig für diese Studie ist ein methodologisches Konzept zur Bestimmung der kommunikativen Verdichtung, der personellen Verflechtungen und des integrativen Potentials im Ereigniszeitraum. Hierbei kann sich das vom Teilprojekt E2 entwickelte Konzept der „Rezeptionsschichtungen“ und der kulturellen Identität als methodologischer Zugang erweisen, um näher zu bestimmen, wie sich durch eine Diskursanalyse des in schriftlichen Quellen fixierten Netzes ein Kommunikationsnetzwerk nachweisen lässt, welches nicht selbst in den Quellen dokumentiert ist. Mit dem Teilprojekt B6 „Kommunikationsstrategien und Ideenzirkulation“ bestehen methodologische Übereinstimmungen hinsichtlich des Ansatzes zur Untersuchung der Infrastruktur der intellektuellen Kommunikation Weimarer und Jenaer Autoren in wichtigen Verlagsstandorten auch außerhalb von Weimar und Jena; inhaltlich hinsichtlich ökonomischer, sozialer, juristischer, geographischer und kultureller Standortfragen zur Etablierung von Verlegern und Verlagen im Ereignisraum sowie nach Formen periodischer Publikationen und Strategien ihrer Vermarktung im Ereignisraum. Zur Studie „Karl August Böttiger als Kommunikator“ bestehen Bezüge hinsichtlich der Fragestellung nach Marktstrategien eines reinen Verlegers, der jedoch auch außerhalb Weimar-Jenas tätig ist.
In ästhetisch-literarischer Perspektive bestehen thematische Bezüge und Kooperationen zum Teilprojekt C2 „Ästhetische Weltsicht“ hinsichtlich der ästhetischen Bestimmung des Wahrnehmungsbegriffes bei Goethe, zum Teilprojekt C3 „Zeitschriften und Periodika“ im Rückgriff auf die durch das Teilprojekt gesammelten Daten zur Allgemeinen Literaturzeitung und anderer Journale und methodologisch auf die im Teilprojekt untersuchten Fragestellungen zu Gattungs- und Textmerkmalen von Publikationen. Eine engere Verbindung besteht zu der Studie „Polemik und Rhetorik. Rhetorische Strategien an der Epochenschwelle zwischen Spätaufklärung und Frühromantik/Frühidealismus“, indem im Teilprojekt E2 gefragt wird, ob Polemik auch in naturwissenschaftlichen Werken für epistemische Begründung verwendet wird. Zum Teilprojekt C8 „Musik und Theater“ bestehen Verbindungen hinsichtlich der Fragestellung zur Dramaturgie von Demonstrationsexperimenten. Hierbei interessiert, inwieweit die Dramaturgie von Lehr- und Demonstrationsexperimenten derjenigen von Musik- und Theaterinszenierungen folgt, und wie in den jeweiligen Kontexten Glaubwürdigkeit erreicht und Überzeugung geleistet werden soll. Zudem geht es um die ästhetische Gestaltung von Experimentalinszenierungen. Zum Teilprojekt C13 bestehen hinsichtlich der Fragestellungen zur Methodologie der Wissenschaften und der Einheit von Wissenschaft und Poesie in der Romantik engere Kontakte. Für die Teilstudie 1 „Außeruniversitäre Praxis – Etablierung von Naturwissenschaft und Technologie“ vor allem hinsichtlich der Untersuchung von literarischen Darstellungsformen der Philosophie im Deutschen Idealismus und deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Darstellungsformen von Naturwissenschaft und Technik um 1800.
Ausblick
Die bisherigen Untersuchungen des TP E2 in den vergangenen Förderphasen des SFB 482 konnten das Differenzierungsprogramm der Wissenschaften um 1800 eingehender darstellen. Dabei zeigte sich, dass die Philosophie für der Formierung der disziplinär organisierten Naturwissenschaften herausragende Bedeutung besaß. Die Wissenschaften wurden durch die theoretischen Vorgaben der Philosophie strukturiert. Naturphilosophie ist in diesem Sinne Wissenschaftslehre. Allerdings formulieren auch Mathematik und Messtechnik Vorgaben, welche die Wissenschaften, aber auch die technologischen Bereiche strukturieren. Ein wesentliches Moment der Disziplinenbildung im Bereich von Physik und Chemie lässt sich als methodisch reflektierte Adaptation derartiger Praktiken verstehen. Offen blieb bisher jedoch, wie sich dieses Wechselverhältnis unter Einbeziehung der außeruniversitären Institutionen gestaltete. Von Interesse wären vor allem die Entwicklung der technischen Chemie. Prinzipiell interessiert die technische Chemie aber als ein Beispiel einer universitär getragenen Anwendungswissenschaft, die Technologien nicht exportiert, sondern importiert. Zu fragen wäre dabei nach den Bedingungen der Genese einer Laborkultur vor 1850, die wir in handwerklichen oder merkantilen Bereichen verankert finden. Darüber hinaus wäre in Fortführung der Analyse des Selbstverständnisses der akademischen Naturwissenschaftler von Interesse, inwieweit sich das Lehrprogramm der Naturwissenschaften in den Universitäten auch aus dem Gesamtlehrgefüge der Ausbildungsanstalten im deutschsprachigen Raum abhebt. Von besonderer Bedeutung sind dabei die Kanonisierungsmustern, die etwaigen Reaktionen auf einen Ausbildungsbedarf und die Vorgaben, die durch die schulische Ausbildungspraxis für die Universität gegeben sind.
Durch die Analyse beider Aspekte könnte die Frage beantwortet werden, ob die Struktur der Naturwissenschaften insoweit extern vorgegeben war, oder intern, auf Grund der Eigendynamik der Wissenschaften, bestimmt wurde.
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