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Teilprojekte des Forschungsverbunds "Interdisziplinäre Anthropologie" (EHO)


1. Bereich Evolutionsbiologie – Julia Fischer (Göttingen)

Teilprojekt „Das evolutionäre Erbe in der menschlichen Stimme"Elisabeth Scheiner

Der vokale Ausdruck von Emotionen bei Menschen und anderen Säugetieren hat gewiß eine starke angeborene Komponente. Wie groß demgegenüber zumindest beim Menschen auch ein Einfluß kultureller Faktoren auf die Produktion, die Wahrnehmung und die Bewertung emotionaler Lautäußerungen ist, soll sowohl durch Experimente zur Wahrnehmung des emotionalen Ausdrucks in verschiedenen Kulturen als auch durch Experimente zur Unterscheidung des Ausdrucks ‚authentischer’ und ‚gespielter’ Emotionen geklärt werden.

Vorläufige Ergebnisse:

Jeanette Freynik hat im Rahmen des Projektes in einer Diplomarbeit den emotionalen Ausdruck bei Personen mit affektiven Störungen analysiert (Beginn 9.8.2007, Ende 9.4.2008). Diese Studie wurde in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Hannelore Ehrenreich vom MPI für experimentelle Medizin durchgeführt.

Demnächst wird Matthis Drolet im Rahmen des Projektes in einer Diplomarbeit den Einfluss von kontextuellen ‚Frames’ auf die Interpretation von stimmlichem Gefühlsausdruck überprüfen (Kooperation mit Ricarda Schubotz, ehem. MPI für kognitive Neurowissenschaften in Leipzig, jetzt MPI für Neurologische Forschung in Köln)

Veröffentlichung:

Scheiner, E (eingereicht): A 3-Dimensional Model of Emotions Explains Confusions of Vocally Expressed Emotions, Emotion

Kongressbeiträge:

6. Göttinger Freilandtage “Primate Behavior and Human Universals“. Göttingen, D. (11.-14.12.2007):

Fichtel C, Scheiner E, Hammerschmidt K (2007): On the vocal expression of emotions: from monkeys to man

Evolution of Emotional Communication, Hochschule für Musik und Theater Hannover, D. (27-29.09.2007).

Scheiner E (2007): The multi-dimensional space of nonverbal vocal expressions of emotions

ASAB Summer Conference, Newcastle University, Newcastle, UK (04.-09.09.07).

Scheiner E (2007): The multidimensional space of emotions expressed in the voice

 

2. Bereich Evolutionäre Anthropologie – Hannes Rakoczy (Leipzig)

Teilprojekt „Soziales Verstehen von Artgenossen – kollektive Intentionalität"Emily Wyman

Das Projekt beschäftigt sich mit der frühkindlichen Entwicklung von kollektiver „Wir“-Intentionalität. Dabei wird insbesondere gemeinsames Als-ob-Spiel als eine der ersten Formen von Kooperation untersucht, in deren Kontext Kinder die normative Dimension konventioneller Handlungsformen verstehen.

Vorläufige Ergebnisse:

Empirischer Schwerpunkt (research Ebene): In einem laufenden empirischen Projekt widmen wir uns der Frage, inwiefern kleine Kinder verstehen, dass kontext-spezifische Statuszuweisung im Als-Ob-Spiel normative Implikationen mit sich bringen: Ein- und dieselbe Handlung kann einen Fehler darstellen in einem Kontext, aber angemessen sein in einem anderen. In einer neuen Studie konnte in der Tat Evidenz für solch ein Verständnis gefunden werden. Die Ergebnisse wurden als Poster auf der Konferenz Biennial Meeting of the International Society for Infant Studies in Vancouver, Kanada, im März 2007 präsentiert. Ein Manuskript wird gerade bei einer Fachzeitschrift eingereicht.

Neuer Schwerpunkt auf der review und (künftigen) research Ebene: Analyse verschiedener Formen von Koordination aus spieltheoretischer Sicht.

Veröffentlichung:

Wyman, E., Rakoczy, H., & Tomasello, M. (eingereicht). Three-year-olds understand status functions in pretense.

Wyman, E., Rakoczy, H., & Tomasello, M. (eingereicht). Status functions and context-specificity in young children's pretend play.

 

3. Bereich Hirnforschung – Wolf Singer (Frankfurt/Main)

Teilprojekt „Vorwissen als Grundlage der Wahrnehmung"Peter Uhlhaas

Die Wahrnehmung ermöglichendes Vorwissen könnte in der Synchronisation oszillatorischen Aktivität im Gehirn liegen. Das Forschungsvorhaben untersucht die Bedeutung neuronaler Synchronisation für die visuelle Wahrnehmung, für die Entwicklung kortikaler Netzwerke sowie für das Verständnis neuropsychiatrischer Störungen, wie z.B. Schizophrenie.

Vorläufige Ergebnisse:

Die Weiterführung der experimentellen Arbeit hat sich insbesondere auf die Erhebung und Auswertung von Daten konzentriert, die mit Hilfe des Magnetoenzephalographen (MEG) am Brain Imaging Center (BIC) erhoben wurden. In ersten Studien haben wir den Zusammenhang von hochfrequenten Oszillationen und Gestaltwahrnehmung bei gesunden Probanden und Patienten mit Schizophrenie und Autismus untersucht.

Bei gesunden Kontrollen konnten wir erstmalig die Lokalisation von hochfrequenten Oszillationen mit einer Beamforming Methode während der Wahrnehmung von Mooney faces durchführen. Mooney faces sind schwarz-weiß Bilder menschlicher Gesichter, welche unvollständig erscheinen und die Integration der einzelnen Elemente zu einem Ganzen erfordern. Die Ergebnisse zeigen, dass während der Wahrnehmung von Mooney faces eine erhöhte Gamma-Band Aktivität in der Fusi-Form Face Area (FFA) bei gesunden Probanden vorliegt.

Des weiteren konnten wir eine Gruppe von nicht-medizierten, ersterkrankten Patienten mit Schizophrenie (N=9), chronischen Patienten mit Schizophrenie (N=11) sowie eine Gruppe von Autisten (N=7) untersuchen. Die vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass bereits bei ersterkrankten Patienten mit Schizophrenie eine starke Abnahme von Gamma-Band Oszillationen im Frequenzbereich von 60-100 Hz vorliegt. Die Ergebnisse von Probanden mit Autismus lassen ferner den Schluss, dass ähnliche Veränderungen in der Gamma-Band Aktivität im Autismus vorliegen könnten.

Veröffentlichung:

Uhlhaas, P.J., Singer, W. What can neural synchrony tell us about autism? Biological Psychiatry, 62 (3):190-191.

 

4. Bereich Kognitive Neurowissenschaften – Ricarda Schubotz (Leipzig)

Teilprojekt „Zerebrale Grundlagen abstrakter Kognition"Maria Golde

Abstraktes Denken erscheint als menschliches Spezifikum. Werden abstrakte Zusammenhänge durch dieselben zerebralen Strukturen verarbeitet, die originär der Verarbeitung konkret-sinnlicher Zusammenhänge im Bereich der Sensomotorik dienen?

Vorläufige Ergebnisse:

Finale Auswertung der Daten einer ersten funktionellen Magnet-Resonanz-Tomographie (fMRT) Studie; Erstellen einer Publikation (fertig zur Einreichung); Entwicklung und Erstellung des Stimulusmaterials für die zweite fMRT-Studie; Messung der zweiten fMRT-Studie; erste Auswertung dieser Daten abgeschlossen.

Veröffentlichung:

Bruestel, M., Schubotz, R. I. & von Cramon, D. Y. (2007). Abstract and motor planning - an fMRI investigation of relational reasoning. In: K. F. Wender, S. Mecklenbruker, G. D. Rey & T. Wehr (Eds.). Beiträge zur 49. Tagung experimentell arbeitender Psychologen (p. 293). Lengerich: Pabst. (Poster presented at the 49. Tagung experimentell arbeitender Psychologen (TeaP), March 2007, Trier, Germany.)

Golde, M., von Cramon, D.Y. & Schubotz, R.I. Differential role of anterior prefrontal and premotor cortex in the processing of relational information. In preparation.

 

5. Bereich Kognitionspsychologie – Rainer Mausfeld (Kiel)

Teilprojekt „Multiperspektivität als Eigenschaft der funktionalen Architektur des kognitiven Systems des Menschen"Reinhard Niederée

Derselbe sensorische Reiz kann durch unterschiedliche Teilsysteme des Gehirns simultan ausgewertet werden und dadurch – etwa in der Wahrnehmung – zu Interpretationen auf unterschiedlichen Ebenen führen. Welche funktionale Architektur des kognitiven Systems liegt der damit verbundenen Befähigung zur Multiperspektivität zugrunde?

Vorläufige Ergebnisse:

Es wurden weitere theoretische Analysen zu den Grundlagen der funktionalen Architektur des Wahrnehmungssystems und der ihm inhärenten Multiperspektivität durchgeführt. Im einzelnen wurden die Rolle der Triggering-Funktion sowie die Struktur der verfügbaren perzeptuellen Konzeptformen und der mit ihnen verknüpften internen Epistemik untersucht, welche u.a. der kognitiven Verwaltung der aus der Multiperspektivität resultierenden perzeptuellen Ambiguität dient.

Veröffentlichung:

Mausfeld, R. (in press). The perception of material qualities and the internal semantics of the perceptual system. In L. Albertazzi, F. Fol Leymarie, G. van Tonder & D. Vishwanath (eds.). Information in Perception. Cambridge, Mass.: MIT Press.

Mausfeld, R. (in press). Colour within an internalist framework: The role of ‘colour’ in the structure of the perceptual system. In J. Cohen & M. Matthen (eds.), Color Ontology and Color Science. Cambridge, Mass.: MIT Press.

Mausfeld, R. (2007). Über Ziele und Grenzen einer naturwissenschaftlichen Zugangsweise zur Erforschung des Geistes. In A. Holderegger, B. Sitter-Liver & Ch. Hess (Hrsg.) (S. 21-39). Hirnforschung und Menschenbild. Basel: Schwabe.

Niederée, R. (in press). More than three dimensions: What continuity considerations can tell us about perceived color. In J. Cohen & M. Matthen (eds.), Color Ontology and Color Science. Cambridge, Mass.: MIT Press.

 

6. Bereich Philosophie – Wolfgang Welsch (Jena)

Teilprojekt „Versionen und Möglichkeiten epistemischer Objektivität"Christian Spahn

Die Versuche, in Anknüpfung an den Realismus des logischen Empirismus eine Erkenntnistheorie mit weitgehenden Objektivitätschancen menschlicher Erkenntnis zu etablieren, müssen als gescheitert angesehen werden. Der Grund für eine zunehmende Zurücknahme der Objektivitätsansprüche in der Nachfolge jener Richtung ist eine grundsätzlich dualistische Auffassung des Verhältnisses von a-begrifflicher Objektivität einerseits und weltloser Subjektivität andererseits, die auf einer – freilich paradoxen und in diesem Rahmen unmöglichen – Annäherung des Subjektes an eine jenseitige "view from nowhere" abzielt. Es soll untersucht werden, inwieweit eine Revision dieser dualistischen Grundentscheidung, wie sie ansatzweise bei Davidson, McDowel und Putnam zu beobachten ist, eine bessere Ausgangsbasis für die Sicherung menschlicher Objektivitätschanchen darstellt und inwiefern diese Revision zentrale Probleme des Realismus zu lösen vermag.

Vorläufige Ergebnisse:

Die Schwachstellen der diversen untersuchten moderner Objektivitätskonzeptionen in der Nachfolge Kants konnten erfolgreich systematisiert werden. Sie gehen insgesamt auf von Kant geerbte dualistische Grundentscheidungen zurück [vgl. C. Spahn 2008/ im Erscheinen]. Zugleich konnten die zahlreichen Grundprobleme des modernen Realismus/Objektivismus (Kausaltheorie der Referenz, Problem des Wahrheitskriteriums, usf.) als Konsequenzen jene Grundentscheidungen zugeordnet werden. Für die Kritik an dem Dualismus erwies sich auch ein näheres Eingehen auf die Debatte um Transzendentale Argumente als wertvoll, wobei wichtige Texte in einem Seminar in Jena diskutiert werden konnten.

Ein alternatives Modell – eine Revision der anthropisch dualistischen Orientierung – ist in seinen Grundzügen erarbeitet, insbesondere mit Rückgriff auf die Argumentation von Davidson, McDowell und Rorty.

Die konkrete Ausbuchstabierung der alternativen Konzeption und die Durchführung der Analyse der Tragfähigkeit in Bezug auf die bekannten Probleme der Versionen epistemischer Objektivitätskonzeptionen steht für den nächsten Schritt an, in dem zugleich die Ausbuchstabierung der Revisionen für die Anwendung auf moderne evolutionäre kognitionswissenschaftliche Debatte geschehen wird. [Hierzu ist für das nächste Semester auch eine Sichtung neuerer Beiträge im Seminar „Evolution der Vernunft“ geplant.]

Veröffentlichung:

C. Spahn (2008/ im Erscheinen): Nagels Konzeption objektiver Erkenntnis.

W. Welsch, Anthropologie Vorlesung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Wintersemester 2006/07 (Auditorium Netzwerk, CD-Edition 2007).

W. Welsch, "The Human - Over and Over Again” in: Weakening Philosophy. Essays in Honour of Gianni Vattimo, hrsg. v. Santiago Zabala (Montreal: McGill-Queen's University Press 2007), 87-109.

W. Welsch, "Anthropologie im Umbruch“, Information Philosophie, 2/2007, 7-15.

W. Welsch, "Just what is it that makes homo sapiens so different, so appealing?” Deutsche Zeitschrift für Philosophie 55 (2007) 5, 751-760.

W. Welsch, "Absoluter Idealismus oder Evolutionsdenken?“ Studien zu Hegels Philosophie, hrsg. von der Japanischen Hegel-Gesellschaft, 13 (2007), 85-114 (übers. Masato Ogawa). 

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