Milgrams Experiment ist in Australien, Südafrika und verschiedenen europäischen Ländern mit ähnlichen oder noch dramatischeren Ergebnissen wiederholt worden. In einer anderen Studie gehorchten sogar 85 % der Versuchspersonen dem Versuchsleiter.
Milgram führte zusätzliche Studien durch, um die Variablen genauer bestimmen zu können, die den Gehorsam im Experiment beeinflussen. Es gab verschiedene Faktoren, die die Versuchspersonen ermutigt haben konnten, den Anweisungen des Versuchsleiters Folge zu leisten. Zum einen wurde das Experiment an der Yale- Universität durchgeführt, einer prestigeträchtigen Institution, die einen guten Ruf genießt. Da Yale die Studie finanzierte, mochte das einige Versuchspersonen zum Gehorsam motiviert haben. Zum zweiten schien das experimentelle vorgehen zumindest auf den ersten Blick sinnvoll zu sein; möglicherweise ließen sich die Versuchspersonen überreden, weil sie dachten, sie würden einen wichtigen Beitrag zum Fortschritt der Wissenschaft leisten. Und zum dritten wußten die Versuchspersonen, daß sowohl sie selbst als auch der Schüler freiwillig gekommen waren. Zumindest zu Beginn zwang sie niemand, am Experiment teilzunehmen. Man erzählte den Versuchspersonen, daß die Schocks schmerzhaft, aber nicht gefährlich seien, und eine Zeitlang schien der Schüler das Spiel mitzuspielen. Viertens schließlich waren die Schüler außer Sicht und die Versuchspersonen konnten das Leiden des Opfers zwar hören, aber nicht sehen. Die ersten beiden Faktoren konnten die Autorität des Versuchsleiters gestärkt, die letzten beiden dafür gesorgt haben, daß das Leiden des Opfers ihnen nicht so bewußt war.
In mehreren Nachfolgeexperimenten wurde untersucht, wie sich die Versuchspersonen verhalten, wenn sie dem Leiden des Opfers unmittelbar ausgesetzt sind. Vier Bedingungen wurden experimentell kontrolliert, jede beinhaltete eine andere Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Unter der Bedingung "entfernte Rückmeldung" befanden sich Lehrer und Schüler in getrennten Räumen. Der Schüler war nicht zu hören, und das einzige Signal, das den Lehrer von der Verzweiflung des Opfers erreichte, war ein Klopfen an der Wand, als die Schockstärke 300 Volt erreichte. Die Bedingung "Stimm-Rückmeldung" wurde im klassischen Experiment verwandt. Der Schüler war zu hören, nicht aber zu sehen. Unter der dritten Bedingung: "Nähe", wurde der Schüler neben den Lehrer gesetzt und war sowohl zu sehen wie zu hören. In der vierten, der sogenannten "Berührungs"- Bedingung wurde vom Lehrer sogar verlangt, die Hand des widerstrebenden Opfers auf eine "Schock- Platte" zu drücken, um ihm die Schocks über 150 Volt zu verabreichen.
Milgram stellte dabei wie erwartet fest, das unter der "Berührungs"- Bedingung die wenigsten Versuchspersonen bereit waren, dem Versuchsleiter zu gehorchen. Der Prozentsatz der gehorsamen Versuchspersonen sank auf 65 % bei der "Stimm- Rückmeldungs"- Bedingung, auf 40 % bei der "Nähe"- Bedingung und auf nur 30 % bei der "Berührungs"- Bedingung. Es scheint leichter zu sein, jemandem Schmerzen zuzufügen, wenn man das Opfer nicht sehen kann- eine Tatsache, die auch den meisten Soldaten bekannt sein dürfte. Zwar sank der Gehorsam mit wachsender Nähe zum Opfer dennoch ist es ernüchternd, daß immerhin noch 30 % der Versuchspersonen dazu bereit waren, einem laut durch Schmerz schreiendem Opfer die Hand auf eine Metallplatte zu drücken und ihm schwere Schocks zu verabreichen.
Abgesehen davon, daß er die Beziehung zwischen den Versuchspersonen und ihren Opfern veränderte, führte Milgram auch Experimente durch, in denen die Beziehung zwischen Versuchsleiter und Versuchsperson manipuliert wurde. In einer Version zum Beispiel verließ der Versuchsleiter den Raum, nachdem er erklärt hatte, was zu tun sei. Das restliche Experiment über fand die gesamte Kommunikation zwischen Lehrer und Versuchsleiter über Telefon statt. Nur 23 Prozent der Versuchspersonen waren in dieser Situation gehorsam, über 60 % dagegen, wenn der Versuchsleiter anwesend war. Einige Versuchspersonen lösten den Konflikt zwischen Gehorsam und Menschlichkeit in dieser Situation, indem sie dem Versuchsleiter am Telefon erklärten, sie würden die Stromstärke erhöhen, während sie in Wirklichkeit immer nur den Schalter mit der niedrigsten Voltzahl betätigten.
Diese Experimente weisen darauf hin, daß die Gehorsamsbereitschaft zwar von der Nähe zu den Opfern und der Autoritätsperson abhängig sein kann, die Rolle des Versuchsleiters als Autoritätsperson wird dabei allerdings grundsätzlich nicht in Frage gestellt. Da aber auch diese Experimente an der Yale-Universität stattfanden, war es immer noch möglich, daß die Versuchspersonen glauben konnten, in einer solchen renommierten Institution könne niemals etwas vor sich gehen, das unmoralisch oder schädlich sei. Um die Bedeutung des "Settings" zu untersuchen, baute Milgram seine Apparatur daraufhin in einem heruntergekommenen Bürogebäude im nahegelegenen Bridgeport, Connecticut, auf. Den Versuchspersonen wurde diesmal nicht erklärt, die Yale-Universität führe die Untersuchung durch, sondern eine Privatfirma mit dem fiktiven Namen Research Associates. Unter dieser Bedingung gehorchten zwar nur 48 % - im Vergleich zu über 60 % im ursprünglichen Experiment -, dennoch verteilte fast die Hälfte der Versuchspersonen bis zum Schluß lebensbedrohliche Elektroschocks.
Milgram hatte den Eindruck, seine Ergebnisse seien von Bedeutung für das Verständnis solcher Verhaltensweisen wie die Naziverbrechen und die Massaker in Vietnam. So versuchten die Nazis nicht nur in Propagandakampagnen, ihre Opfer zu entmenschlichen oder abzuwerten, um " Bestrafungen zu rechtfertigen, sondern sie beschrieben sich selbst auch häufig als unbedeutende kleine Rädchen in einer großen Maschine. Solche Tendenzen fand Milgram in gewisser Weise auch bei den Versuchspersonen seiner Experimente: Viele beschrieben den Schüler beispielsweise als dumm und langsam, einer meinte sogar, er sei so dämlich, daß er "es verdiente, geschockt zu werden".
Milgrams Experimente zum Gehorsam geben sicherlich genügend Anlaß zum Nachdenken, und dennoch ist es ein weiter Weg von psychologischen Labor zum deutschen Faschismus oder zu Vietnam. Die Versuchspersonen in Milgrams Experiment wurden gebeten, zu Bereicherung menschlichen Wissens beizutragen, ein kulturell positives Ziel, während der Massenmord Nazideutschlands ein Verbrechen an der Menschheit war. Auch hörten die Versuchspersonen Milgrams auf, dem Versuchsleiter zu gehorchen, sobald dieser außer Sichtweite war, während viele Kriegsverbrechen es gar nicht erforderten, daß einer die Ausführenden überwachte. Ein weiterer Unterschied: Während manche Kriegsverbrecher sadistische Vergnügen an ihren Verbrechen zu haben schienen waren die Versuchspersonen Milgrams sehr betroffen über das, was sie taten. Und schließlich handelten Milgrams Versuchspersonen allein. Die Nazi- Mitläufer handelten in großen, gleichgesinnten Gruppen und unterstützten sich gegenseitig. Soziale Unterstützung kann Konformität sehr begünstigen. Milgram selbst zeigt die Bedeutung sozialer Unterstützung in einem weiteren Nachfolgeexperiment, in den zwei Vertraute des Versuchsleiters dem Lehrer "halfen": Wenn sich dieser weigerte weiterzumachen, weigerten sich auch 90 % der Versuchspersonen.
Milgrams Forschung wurde zwar als "künstlich" kritisiert, doch Experimente anderer Psychologen legen den Schluß nahe, daß er seine Ergebnisse auch unter natürlichen Bedingungen erhalten hätte. In einem Experiment erhielten diensthabende Krankenschwestern verschiedener Krankenhäuser den Telefonanruf eines Arztes, dem sie nie persönlich begegnet waren. Der Arzt nannte seinen Namen und sagte, er sei am selben Tag vor einigen Stunden im Krankenhaus gewesen, um einen Patienten zu untersuchen. Er käme später zurück, wolle aber, daß der Patient in der Zwischenzeit ein bestimmtes Medikament bekäme. Der Arzt bat die Schwester, im Medizinschrank nachzusehen, ob er das Medikament Astroten enthielte. Die Schwester sah nach und fand eine Packung mit der Aufschrift: ASTROTEN, 5 mg-Kapseln, Durchschnittsdosis 5 mg, Tägliche Höchstmenge 10 mg.
Als die Schwester zum Telefon zurückkehrte, ordnete der Arzt an, sie solle dem Patienten 20 mg Astroten geben. Er käme in 10 min, um die Anweisung zu unterschreiben, das Medikament solle aber sofort verabreicht werden. Ein beobachtender diensthabender Arzt beendete das Experiment, nachdem er das Verhalten der Krankenschwester notiert hatte.
Die Aufforderung des Arztes widersprach einigen Krankenhausregeln. Nicht nur, das die verschriebene Menge das Doppelte der täglichen Höchstmenge war – es ist auch nicht erlaubt, medizinische Anordnungen per Telefon zu geben. Astroten stand außerdem nicht auf der Medikamentenliste des Krankenhauses und wurde von jemandem verschrieben, den die Schwester nicht kannte. Dennoch begannen 95 % der Schwestern, das Medikament zu verabreichen.