Und die Ergebnisse wichen ganz erheblich von den Vorhersagen der Psychiater und der anderen beiden Gruppen ab: Die Mehrheit aller Versuchspersonen – mehr als 60 % - gehorchten dem Versuchsleiter und teilten Schocks bis zu 450 Volt aus! Dabei handelte es sich weder um Psychopaten noch um Sadisten, sondern um höchst normale Menschen, die einfach einer Autorität gehorchten und deswegen extrem weit gingen.
An dieser Stelle fragen sie sich vielleicht, wie ein solches Experiment nur durch geführt werden konnte. Welcher Versuchsleiter würde unschuldigen Freiwilligen extrem starke Elektroschocks verabreichen lassen? Die Wahrheit ist: Bis auf den "Probeschock", den der "Lehrer erhielt, um ihn davon zu überzeugen, das die Apparatur auch wirklich funktioniert, erhielt niemand während des Experiments irgendwelche Elektroschocks. Der Schüler war in Wirklichkeit ein Komplize des Versuchsleiters, eine Person, die besonders darin geschult worden war, jemanden zu spielen, der schmerzhafte Elektroschocks erhält. Die Auslosung der beiden Rollen war zudem so vorbereitet, daß die eigentliche Versuchsperson immer die Rollen des Lehrers zu übernehmen hatte.
Obwohl niemand bei diesem Experiment Elektroschocks erhielt, wurde Milgrams Forschung stark kritisiert aufgrund der Auswirkungen, die es auf die "Lehrer" hatte. Und tatsächlich war die Experimentelle Situation auch äußerst realistisch. In einem Gespräch nach dem Experiment fragte Milgram die Versuchspersonen: "Wie schmerzhaft waren die letzten von ihnen verabreichten Elektroschocks für den Lernenden?" Die Lehrer konnten ihre Antwort auf einer 14-Punkte-Skala abstufen von 1 (überhaupt nicht schmerzhaft) bis 14 (äußerst schmerzhaft). Die typische Antwort war 14: "äußerst schmerzhaft". Die meisten Versuchspersonen gehorchten den Versuchsleiter zwar, aber es gab auch offensichtliche Anzeichen dafür, daß ihnen dabei nicht wohl war, besonders als sie die stärksten Stromstöße austeilten. Aus Aufzeichnungen wurde deutlich, daß die Versuchspersonen bei diesen hohen Voltzahlen anfingen, zu zittern, zu stottern, sich auf die Lippen zu beißen, zu stöhnen und sich die Fingernägel in die Haut zu graben. Viele lachten nervös auf, und einige entwickelten sogar unkontrollierbare "Ticks". (ein Beobachter erzählt)
Milgram brachte seine Versuchspersonen in eine Situation, in der sie zwischen zwei einander widersprechenden Anforderungen entscheiden mußten: der Aufforderung durch den Schüler, das Experiment zu beenden, und der Aufforderung des Versuchsleiters, das Experiment fortzusetzen. Beiden Aufforderungen konnten die Versuchspersonen nicht gleichzeitig gehorchen, also mußten sie sich entscheiden zwischen dem moralischen Anspruch, einen anderen Menschen nicht zu verletzen, und der Tendenz, jenem Menschen zu gehorchen, die sie als Autorität anerkannten. Es schien keine Rolle zu spielen, das die Autoritätsfigur keinerlei Möglichkeit hatte, wirklichen Druck hinter ihre Aufforderung zu setzen, noch spielte es eine Rolle, daß die Versuchspersonen über das, was sie da taten, offenbar entsetzt waren – sie machten dennoch weiter.
In Gegensatz zu den Vorhersagen der Laien und der Psychiater und trotz ihres großen Unbehagens gehorchten die meisten Versuchspersonen auch dann noch, wenn andere Menschen dadurch verletzt werden konnten. Ein solches Ergebnis ist selbstverständlich ebenso provozierend wie desillusionierend. Es wurden sofort Vergleiche gezogen zu den Aufsehern in den Konzentrationslagern der Nazis, die Millionen von Menschen auf Befehl hin ermordeten, und den an vietnamesischen Frauen und Kindern begangen Massakern amerikanischer Soldaten, die dem folgten, was sie für Befehle von ihren Vorgesetzten hielten. Und offensichtlich deutet das Milgram- Experiment darauf hin, daß sich in einer entsprechenden Situation jeder ähnlich verhalten könnte. Dies würde auch bedeuten, daß die Nazimörder keine unmenschlichen Monster waren, sondern nur durchschnittliche Bürokraten, die Befehle ausführten und versuchten, ihre Aufgabe so gut wie möglich zu erfüllen.
Milgrams Gespräch mit den Versuchspersonen bestätigten die Ansicht, daß ganz gewöhnliche Menschen in bestimmten Situationen andere Menschen verletzen können. Er beschrieb zum Beispiel das Verhalten einer 40jährigen, streng katholischen Hausfrau, die in Teilzeitarbeit als Krankenschwester arbeitete und mit einem Installateur verheiratet war. Laut Milgram machte sie einen äußerst bescheidenen Eindruck, jede Beteuerung ihrerseits schien die Kernaussage zu beinhalten: "Ich bin nur ein Durchschnittsmensch. Erwarten sie nicht zu viel von mir." Bei 225 Volt wandte sie sich an den Versuchsleiter und meinte mit zögernder Stimme, so als ob sie den Versuchsleiter nicht kränken wollte: "Ich zögere, die da zu drücken." Doch als der Versuchsleiter sie aufforderte weiterzumachen, tat sie es. Sie fragte noch einmal, doch sie fuhr fort wie befohlen, bis zum Ende. (eines der Interviews)
Eine andere Versuchsperson, eine Hausfrau, beschrieb ihren persönlichen Hintergrund mit gewissem Stolz. Sie hatte vor 20 Jahren einen Universitätsabschluß gemacht, arbeitete ehrenamtlich mit jugendlichen Straftätern und war aktiv im Elternbeirat sowie in der Pfadfinderorganisation in ihrer Stadt. Sie äußerte sich besorgt, als sie immer stärkere Schocks austeilen sollte, doch sie gehorchte den Aufforderungen des Versuchsleiters, weiterzumachen; sie stammelte schließlich vor sich hin: "Ich fange an zu zittern" – dennoch ging sie hinauf bis zu 450 Volt, die sie dreimal verabreichte. Im Interview äußerte sie sich überzeugt davon, daß die Schocks schmerzhaft waren. Als sie gefragt wurde, welche Schockstärke sie sich selbst aus Testzwecken hätte verabreichen lassen, sagt sie: 15 Volt "höchstens, und auch das würde ich nicht wollen. Ich glaube nicht, das es nötig ist." Und doch hatte sie dem Schüler Elektroschocks von 450 Volt verabreicht. Mehrere Monate nach dem Experiment äußerte sich diese Versuchsperson in einer Nachbefragung, sie habe nicht wirklich daran geglaubt, das der Schüler Elektroschocks bekäme; auf diese Weise versuchte sie im nachhinein ihr Verhalten zu erklären.
Eine männliche Versuchsperson, ein 39jähriger Sozialarbeiter, wurde zu Beginn des Experiments als verantwortungsbewußt, intelligent und fürsorglich geschildert. Im laufe des Experiments begann er zu kichern und zu lachen, das Gelächter wurde immer lauter und zerrissener. Jeder Ausbruch wurde von dem Schreien des Schülers ausgelöst, manchmal schien das Lachen völlig außerhalb seiner Kontrolle zu liegen. Im Nachgespräch schilderte diese Versuchsperson ihr verhalten als "schrecklich merkwürdig", "so bin ich normalerweise gar nicht". Sie fühlte sich "...gefangen in einer bestimmten Situation, aus der ich nicht ausbrechen konnte...". Und wieder eine andere Versuchsperson, ein 43jähriger Beamter, war so von der Echtheit des Experiments überzeugt, daß er glaubte, als er nichts mehr von seinem "Schüler hörte, dieser sei tot. Er war erleichtert festzustellen, daß das ganze nur auf einer Täuschung basiert hatte. Dennoch,: Als seine Frau ihn fragte, was er für ein Gefühl gehabt hätte wenn der Mann wirklich tot gewesen wäre, erwiderte er: "Dann ist er eben tot. Ich habe meinen Job getan."
Diese offensichtlich ganz gewöhnlichen Durchschnittsmenschen haben einem unschuldigen Opfer schwere Elektroschocks verabreicht. Das schien ihnen zwar unangenehm zu sein, doch sie gehorchten. Es gab allerdings auch Versuchspersonen, die sich den Anweisungen des Versuchsleiters widersetzten. Einer, ein Thoelogieprofessor, weigerte sich bei 150 Volt, weiterzumachen. Als man ihm sagte, es sei wesentlich für das Experiment, daß er weitermache, antwortete er: "Ich verstehe nicht, warum das Experiment über das Leben dieses Menschen gestellt wird." Kein Argument konnte ihn zum weitermachen bewegen. Eine andere Versuchsperson, ein 32jähriger Ingenieur, hörte bei 225 Volt auf. Der Versuchsleiter versuchte, ihn zum weitermachen zu drängen, und sagte schließlich, er müsse weitermachen: "Sie haben keine andere Wahl." Worauf der Ingenieur erwiderte: "Natürlich habe ich die freie Wahl. Ich bin aus freien Stücken hierhergekommen." Bei näherem Nachfragen stellte sich heraus, daß diese Versuchsperson davon überzeugt war, sie sei "verantwortlich" für ihre Handlungen, und einem anderen Menschen keinen Schaden zufügen wollte. Eine 31jährige Medizintechnikerin, die sich weigerte, über 210 Volt hinauszugehen, betonte ebenfalls die Freiwilligkeit ihrer Teilnahme am Experiment und ihr Gefühl, persönlich verantwortlich für ihre Taten zu sein: "Ich will nicht verantwortlich sein, wenn ... ihm irgendetwas geschieht."
In Milgrams Experiment weigerten sich am ehesten
diejenigen, die Schocks austeilten, die sich für das eigene Tun verantwortlich
fühlen. Die anderen betrachteten dagegen den Versuchsleiter als verantwortlich
für das, was sich im Experiment ereignete – sie selbst "führten
einfach nur Befehle aus". In unserer Gesellschaft bildet diese Gruppe offensichtlich
keine Minderheit, konformes Verhalten wird vielmehr aus Gründen der
"arbeitsteiligen Effizienz" auch häufig erzwungen. Und tatsächlich
ist es oft so, daß diejenigen, die sich konform verhalten, am leichtesten
die Karriereleiter hinaufgelangen und Positionen einnehmen, die mit größerem
Einfluß und Prestige verbunden sind. Des Gesellschaftliche Belohnungssystem
fördert Gehorsam gegenüber Autoritäten, und man muß
schon eine starke Persönlichkeit sein, um sich dem zu widersetzen.