Volksversammlung (ekklesia)

Die Volksversammlung stellte die wichtigste Institution der athenischen Demokratie dar.

Zusammensetzung

Die Volksversammlung erlaubte allen Bürgern Athens, an politischen Entscheidungen mitzuwirken, vorausgesetzt man war männlich, hatte den Wehrdienst hinter sich gebracht und war in seine Gemeinde, dem Demos, in die Liste der politisch Berechtigten eingetragen. Allerdings waren nie alle 35-40.000 erwachsenen Bürgern in der Volksversammlung anwesend. Viele hatten keine Zeit, weil sie arbeiten mussten, Kriegsdienst leisteten, ein politisches Amt inne oder einfach keine Lust hatten. Man ist nicht ganz sicher, aber die Historiker gehen davon aus, dass sich in der Regel etwa 6000 Personen beteiligten. Bei wichtigen Abstimmungen, wie zum Beispiel denen über das Scherbengericht oder Bürgerrechtsverleihungen, war die Anwesenheit von mindestens 6000 Personen notwendig. Es nahmen vor allem Arbeitslose und ältere Menschen, die nicht im Arbeitsleben standen und Bewohner aus Athen und Piräus teil, da sie es nicht so weit zum Versammlungsort hatten. Nach dem Peloponnesischen Krieg führte man Tagegeld ein, um eine größere Zahl von Bürgern zur Teilnahme zu motivieren.

 

Zusammenkunft

Anfänglich traf man sich auf dem Marktplatz in Athen (agora). Als es dort aber zu eng wurde, versammelte man sich auf einem Halbrund im Fels des Nymphenhügels, der Pnyx. Das Volk kam dort mindestens 40 mal im Jahr zusammen. Die Treffen begannen bei Sonnenaufgang und endeten meist um die Mittagszeit, manchmal aber auch erst, wenn die Sonne bereits untergegangen war. Versammlungen durften nicht abgehalten werden an Festtagen, Tagen mit schlechter Vorahnung und Tagen, an denen Sitzungen der Geschworengerichte erfolgten.  Beim Betreten der Pnyx wurde man von sechs, später dreißig dafür bestimmten Bürgern kontrolliert, ob man auch zum Besuch der Volksversammlung berechtigt war, und jeder Berechtigte erhielt eine Marke, gegen die er nach dem Ende der Sitzung sein Tagegeld abholen konnte.

 

Gegenstand der Beschlüsse

Generell kann man sagen, dass die Athener Bürger über alles beschließen konnten, was sie wollten. Auch Demosthenes, bedeutendster Redner der griechischen Antike, berichtet uns davon: „Das Volk der Athener ist Herr über alles in der Stadt; und es ist ihm erlaubt, zu machen, was es will.“ Im Mittelpunkt stand die Außen- und Sicherheitspolitik, die circa ein Drittel aller Beschlüsse ausmachte. Ein großer Teil  der Beschlüsse beinhaltete Ehrungen von Bürgern und Auswärtigen (zum Beispiel mit Kränzen, Berechtigung zu Speisung auf öffentlichen Kosten oder auch die Befreiung von Abgaben). Außerdem wurde über die Leistung von Beamten geurteilt, die Nahrungsmittelversorgung der Stadt erörtert und über Einnahmen und Ausgaben Athens verhandelt. Das Volk konnte aber auch als Richter tätig werden, zum Beispiel bei Vergehen wie Hochverrat oder für das Einbringen gesetzwidrigen Anträge in die Volksversammlung.

Das Scherbengericht – der Ostrakismos

Es gab Männer in Athen, die nach eigennützigen Interessen strebten und mehr Macht als andere erreichen wollten. Doch wie sollte sich die attische Demokratie vor solchen Tyrannen schützen? Nun, sie schafften ein Gesetz, nach dem abgestimmt wurde, welcher Bürger am meisten nach der Alleinherrschaft strebe. Die Namen der angeblichen Tyrannen ritzten die Bürger auf Tonscherben (Ostraka).   Von der Abstimmung berichtet uns der athenischer Seher Philochoros: „Mit dem Ostrakismos verhält es sich so: Das Volk stimmt vorher ab, ob er überhaupt stattfinden solle. Wenn das beschlossen ist, wird die Agora mit einer Gerichtsschranke eingezäunt und es werden zehn Eingänge gelassen, durch welche man, nach Phylen (Wahlbezirken) geordnet, hineingeht und die Ostraka abgibt, und zwar mit verdeckter Aufschrift. Die Vorsitzführer und der Rat sollen auszählen, wer die meisten Stimmen erhalten hat. Dieser muss seine privaten Angelegenheiten innerhalb von zehn Tagen regeln und die Stadt für zehn Jahre verlassen, darf sein vermögen aber weiter nutzen, jedoch die Höhe von Geraistos auf Euböa nicht überschreiten.“ 

Die Forschung findet besonders spannend, dass angeblich Kleisthenes dieses Gesetz 501 v. Chr. erlassen hat, aber es erst 487 v. Chr. erstmalig benutzt wurde.

Hast du eine Idee, warum es wohl fast 20 Jahre gedauert hat, bis der erste Tyrann verbannt wurde?

Die Archäologen haben inzwischen 11.000 Ostraka entdeckt. Versuche die Namen auf den beiden Ostraka zuentziffern!

Abstimmung

Die Volksversammlung traf ihre Entscheidung per Abstimmung nachdem sie Rede und Gegenrede angehört hatte. Im Normalfall mussten die Bürger dazu nur ihre Hand heben. Der Vorschlag, der die meisten Stimmen erhielt, wurde zum Volksbeschluss. Man musste sich wohl mit einer groben Schätzung durch den Vorsitzenden zufrieden geben, da nicht alle Stimmen gezählt werden konnten. Eine Wiederholung der Abstimmung war jedoch nicht ausgeschlossen, wenn dies von einem Bürger verlangt wurde. Es gab aber auch die geheime Abstimmung mit Stimmsteinen, wenn über Einzelpersonen entschieden wurde, z.B. beim Scherbengericht, bei Bürgerrechtsverleihungen oder bei der Gewährung von Straferlass. Die Beschlüsse wurden auf Papyrus geschrieben, im Archiv aufbewahrt, und besonders wichtige wurden in Stein gehauen und öffentlich aufgestellt, meistens oben auf der Akropolis.

 

Willensbildung

Moderiert wurden die Tagungen von dem täglich wechselnden Vorsitzenden des Rates, der für Ruhe und Ordnung sorgte und sicherstellte, dass keine gesetzwidrigen Anträge eingebracht wurden. Der Rat der Fünfhundert hatte einen großen Einfluss auf die Volksversammlung, denn die Bürger durften nur über Themen abstimmen, die der Rat bereits vorberaten hatte. Wenn ein Athener über eine bestimmte Angelegenheit diskutieren wollte, musste er den Rat zuvor schriftlich darum bitten. Auf vielen Inschriften von Volksentscheiden konnte man von der Mitwirkung des Rates lesen: „Beschlossen haben der Rat und das Volk […]“ Schließlich hatte aber das Volk das letzte Wort, denn die Anträge des Rat konnten abgeändert, ergänzt oder auch verworfen werden. Dazu konnten sich die Athener jederzeit erheben, das Wort ergreifen und für ihre Interessen kämpfen. Diese Redefreiheit war ein ganz entscheidendes Merkmal der athenischen Demokratie In der Regel nutzte aber nur ein Teil des athenischen Volkes die Möglichkeit zur öffentlichen Äußerung, denn nicht in jeder war ein geborener Redner. Man brauchte dafür Charakterstärke, Intellekt, Wortgewandtheit und eine ganze Menge Mut um vom dem erhöhten Platz, dem Rednerstein, zu seinen Mitmenschen zu sprechen. Einige reiche Männer, angesehene Militärführer und Handwerker haben sich stets zu Wort gemeldet, um die anderen Teilnehmer der Volksversammlung von ihrer Meinung zu überzeugen. Doch man brauchte schon großen Mut, um den Rednerstein zu betreten und vor den versammelten Bürgern zu sprechen. Solche Redner nannten die Griechen Demagogen, was soviel wie Volksführer heißt, denn sie übten großen Einfluss auf die Volksmasse aus.  Nur wer seine Position in mitreißender und überzeugender Weise vortragen konnte, gewann die Stimmenmehrheit. Als ein ausgezeichneter Demagoge zählt Perikles.

Oftmals wurden die Demagogen scharf kritisiert, zum Beispiel von Aristophanes als Schmeichler, Betrüger und Verführer.

Dieses Gemälde von Philipp v. Foltz aus dem Jahr 1852 zeigt den Politiker Perikles, umgeben von Dichtern, Philosophen und Künstlern.

Welche Eigenschaften sollte ein Bürger besitzen, um ein erfolgreicher Demagoge zu sein? Gelten diese Qualitäten auch für heutige Politiker?

 

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