Die Pädagogen


Anna Siemsen (1882-1951)

Anna Siemsen wurde am 18. Januar 1882 im westfälischen Mark als zweitältestes von fünf Kindern einer Pfarrersfamilie geboren. Nach der Dorfschule besuchte Anna Siemsen eine Höhere Mädchenschule in Hamm und absolvierte 1901, nach privater Vorbereitung, das Lehrerinnenexamen in Münster. Sie durfte damit an Grundschulen und Höheren Mädchenschulen unterrichten. Anschließend arbeitete Anna Siemsen als Privatlehrerin, bis sie 1905 das externe Abitur in Hameln ablegte. Noch im gleichen Jahr begann sie das Studium der Germanistik, Philosophie und Altphilologie in München, Münster und Bonn. Das Frauenstudium war gerade erst zugelassen und Anna Siemsen somit eine der ersten Studentinnen.

In Bonn promovierte sie 1909 über die Verstechnik Hartmann von Aues und legte 1910 das Staatsexamen für das Höhere Lehramt ab. In Göttingen legte Anna Siemsen 1912 noch eine Ergänzungsprüfung in Religion ab und wurde schließlich in Detmold, Bremen und 1915 an der Städtischen Luisenschule in Düsseldorf als Oberlehrerin (entspricht der heutigen Studienrätin) angestellt.

Noch während des Ersten Weltkrieges trat Anna Siemsen dem Bund Neues Vaterland, der späteren Liga für Menschenrechte, bei und wurde Pazifistin und Sozialistin. Zusammen mit ihrem Bruder August trat sie 1917 der USPD bei. Mit der Revolution hatten die Frauen 1918 das aktive und passive Wahlrecht erkämpft; Anna Siemsen wurde Stadtverordnete in Düsseldorf. Zur Gründungsversammlung des Vereins sozialistischer Lehrer und Lehrerinnen fuhr sie Pfingsten 1919 nach Berlin und war hier auch von Herbst 1919 bis März 1920 zur Vorbereitung der Reichsschulkonferenz für ein halbes Jahr im preussischen Kultusministerium tätig. 1920 wirkte Anna Siemsen als Kommunalbeamtin für das Fach- und Berufsschulwesen in Düsseldorf.

Bereits im November 1921 wurde sie als Oberschulrätin nach Berlin berufen, ebenfalls zuständig für städtische Fach- und Berufsschulen. Da sie inzwischen als sozialistische Pädagogin sehr bekannt war, versuchte eine Bürgerinitiative, ihre Berufung in Berlin zu verhindern. Der Widerstand der Initiative richtete sich gegen Anna Siemsen als Sozialistin, als Frau in einer Leitungsfunktion und gegen ihre pädagogischen Ansichten.

Parallel zu ihrer Lehrtätigkeit hatte Anna Siemsen zu schreiben begonnen. Über 500 politische, pädagogische, aber auch literarische Artikel und Aufsätze sowie mehr als 40 selbständige Publikationen verfasste sie im Laufe ihres Lebens nach ihrer Maxime, dass »jedes unpolitische Buch entweder überflüssig oder ganz und gar schlecht« sei. Mehr und mehr widmete sie sich darüber hinaus der Partei-, Gremien- und Vereinsarbeit. Sie wechselte 1922 mit der Rest-USPD zur SPD, gehörte seit 1922 dem Bund entschiedener Schulreformer und von 1921 bis 1925 dem Vorstand des eher konservativen Deutschen Fröbel-Verbands an, der maßgeblich an der Professionalisierung (sozial-) pädagogischer Berufe mitgearbeitet hat.

Im Oktober 1923 wurde Anna Siemsen vom thüringischen Volksbildungsminister Max Greil (1877-1939) nach Jena gerufen. Sie sollte als Oberschulrätin für das mittlere Schulwesen und Leiterin des Jenaer Lyzeums tätig sein. Zusätzlich erhielt sie eine Honorarprofessur für Pädagogik an der Universität Jena, wohin auch Mathilde Vaerting (1884-1977), die erste ordentliche Professorin der Universität Jena, berufen worden war. Anna Siemsen holte ihre Mutter nach, mit der sie, so weit wie möglich, immer zusammenlebte. Ihr Bruder August war ebenfalls nach Jena gerufen worden.

Schon im Herbst 1924 hatten sich die politischen Verhältnisse in Thüringen geändert, Anna Siemsen wurde von der neuen konservativen Regierung beurlaubt und »in den Wartestand« versetzt. Die Lehrtätigkeit an der Universität blieb ihr jedoch erhalten. Zusätzlich war sie als Kultur- und Bildungsreferentin vor allem im sozialistischen Jugendbildungsbereich tätig. Frauenbefreiung war für sie ein Thema unter vielen, aber dennoch ein wichtiges. 1924 war sie Delegierte auf der Frauenkonferenz der SPD. Im gleichen Jahr hielt sie an der Heimvolksschule Tinz den ersten Frauenkurs, zusammen mit der Pädagogin Olga Essig.

Im Mai 1928 kandidierte Anna Siemsen an prominenter Stelle auf der SPD-Liste des Wahlkreises Leipzig für den Deutschen Reichstag, dem sie bis 1930 eine Wahlperiode lang angehörte.

1931 stimmten neun sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete gegen den Wehretat und widersetzten sich offen der geforderten Fraktionsdisziplin. Anna Siemsen verteidigte in einer Broschüre »Parteidisziplin und sozialistische Überzeugung« die Handlung nach dem Gewissen, notfalls auch gegen das Votum der Führung der Partei. Unbeabsichtigt verschärfte ihre Publikation die innerparteilichen Konflikte. Als die sozialdemokratische Reichstagsfraktion den Notverordnungen der Regierung Brüning zustimmte, gründeten ehemalige Linksoppositionelle der SPD die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP). Anna Siemsen war sofort dabei. Sie wurde schnell eines der führenden Mitglieder, und sammelte um sich die pazifistische »Anna-Siemsen-Gruppe«. Ihre frühere Parteikollegin Käthe Frankenthal (1883-1976), eine prominente Berliner Kommunalpolitikerin, kam im Dezember 1931 dazu. Die neue Partei wurde allerdings eine Enttäuschung, Anna Siemsen sah auch hier keine Chance für ihre Anliegen und verließ die SAP nach etwa einem Jahr.

Im September 1932 wurde ihr mit dem Entzug ihrer Lehrberechtigung an der Universität Jena gedroht. Sie hatte sich als einzige der Jenaer ProfessorInnen mit dem aus politischen Gründen entlassenen Heidelberger Professor Emil Gumbel (1891-1966) solidarisiert. Die Machtübernahme der Nazis im Januar 1933, der Reichstagsbrand Ende Februar und die anschließende Verfolgungswelle trieben sie zum schnellen Handeln. Am 15. März 1933 emigrierte Anna Siemsen in die Schweiz, wo sie seit einigen Jahren ein Grundstück am Genfer See besaß. Durch eine Scheinehe mit dem homosexuellen Walter Vollenweider geschützt, konnte sie politisch arbeiten.

Sie engagierte sich im Bildungsbereich der sozialdemokratischen Partei und übernahm 1938 die Redaktion der sozialdemokratischen Frauenzeitung »Die Frau in Leben und Arbeit«. Wo es nur möglich war, beteiligte sie sich an der antifaschistischen Arbeit und an bildungspolitischen Vorbereitungen für die Nachkriegszeit in Deutschland. Im Herbst 1934 bezog sie ein Haus in Chexbres, wo sie in Irene Forbes-Mosse (1864-1946) und deren Lebensgefährtin Bertie Moser enge Freundinnen fand. Hier entstand ihr Hauptwerk »Die gesellschaftlichen Grundlagen der Erziehung«, das 1948 in Hamburg publiziert wurde.

Schon im Dezember 1946 kehrte die 64jährige Anna Siemsen nach Deutschland zurück und engagierte sich in Hamburg in der Lehrerausbildung. Zusätzlich hielt sie Lehrveranstaltungen an der Universität über europäische Literatur. Angebote, an die Universität in Jena zurüchzukehren, schlug sie aus politischen Gründen aus. Ihre Wiedereinsetzung in das Beamtenverhältnis erreichte sie nicht und konnte lediglich eine kleine Pension erkämpfen. Sie wurde Vorsitzende im Kuratorium der Friedensgesellschaft und in der deutschen Sektion der Sozialistischen Bewegung für die Vereinigten Staaten von Europa.

Anna Siemsen, die ihr ganzes Leben lang mutig, konsequent und unermüdlich für eine demokratische und pazifistische Erziehung eingetreten war, starb am 22. Januar 1951 in Hamburg. Der Berliner Bezirk Neukölln ehrt die berühmte Pädagogin durch die Anna-Siemsen-Oberschule und den Anna-Siemsen-Weg in Buckow.

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