Schlaglichter
  Uni Home I Referat Öffentlichkeitsarbeit I

Editorial
Inhalt
Themen
Forschung
Studium und Lehre
Essay
Rubriken
Impressum

Stabilität in turbulenten Zeiten

Zweiter Band der Zeiss-Firmengeschichte erschienen

Blick in die Lehrwerkstatt im Zeiss-Südwerk, die 1938 gegründet wurde. Die Ausbildung im Jenaer Optik- Unternehmen war schon damals vorbildich.
Mit dem nunmehr vorliegenden zweiten Band der Geschichte des Jenaer Unternehmens Carl Zeiss in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist eine spannend geschriebene, äußerst informative Darstellung deutscher Unternehmensgeschichte entstanden. Was bereits den ersten Band auszeichnet, ist nun in der Analyse und Beschreibung jener Jahrzehnte, in denen Carl Zeiss Jena zum weltweit operierenden Unternehmen aufstieg, konsequent fortgeführt: Die Unternehmensgeschichte, mit der die komplexe Verflechtung von Wirtschafts-, Sozial- und Technikgeschichte transparent wird, zeigt im „Mikrokosmos Zeiss“ das „Spiegelbild der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung“.
Erfolg durch Rationalisierung
Das erste Kapitel setzt mit dem Tod Ernst Abbes 1905 ein und beschreibt die Jahre des Umbruchs, in denen die Stiftungskommissare C. Rothe und M. Vollert das Abbesche Firmenkonzept fortsetzten. Gemeinsam mit der im wesentlichen aus vier Personen bestehenden Unternehmensführung wurde eine Einkommens- und Sozialpolitik im Sinne Abbes praktiziert, mit der man die angestrebten Ziele rascher Rationalisierung und energisch verfolgter Innovationsschübe erreichte. Dieses auch unter schwierigen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen beibehaltene Konzept wird – belegt mit Archivalien – als eines der „Erfolgsrezepte“ erkennbar.
Die Anpassung der „Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Boden“ an die äußeren Bedingungen der Nationalökonomie und Weltwirtschaft gelang der Firma Zeiss durch die Erschließung neuer Geschäftsfelder, zunehmende Internationalisierung und mit strategischen Partnerschaften. Dazu gehörte u. a. die frühzeitige Fusionierung mit der Ica AG Dresden, dem ältesten Kamerahersteller Deutschlands. Die Nachfrage nach Militärgütern ließ diesen Geschäftsbereich bis zum Jahre 1913 auf fast 50 Prozent des Umsatzes ansteigen.
Der Entwicklung des Unternehmens während des Ersten Weltkrieges ist das zweite Kapitel gewidmet. Auch hier macht der Verfasser die wirtschaftliche Expansion vor dem Hintergrund von Inventionen und Innovationen in geschickter Verknüpfung mit den von dem Unternehmen dazu eingesetzten materiellen Anreizen und sozialen Sicherheiten sichtbar. Die Flexibilität des inzwischen auf über 10 000 Beschäftigte angewachsenen Unternehmens in den rezessiven Nachkriegsjahren wird in der Umstellung von der Kriegs- auf die Zivilwirtschaft deutlich. Zeiss gelingt es im nachfolgenden Jahrfünft, nach konjunkturellem Rückgang und Massenentlassungen, den Gesamtumsatz auf mehr als das Dreifache zu steigern. – Und dies trotz Versailler Vertragsbedingungen und der in jenen Jahren nahezu weltweit betriebenen Schutzzollpolitik gegen deutsche Wirtschaftsgüter.
Viele – auch (wirtschafts)rechtliche – Probleme sind mit einer zwischen den Branchenunternehmen geschlossenen Konvention im Herbst 1919 verbunden. Zeiss reüssierte durch eine geschickte Diversifizierung. Rolf Walter belegt die Zusammenhänge von Typisierung, Standardisierung und Normierung – als „Messrevolution“ bekannt geworden – als objektive Erfordernisse der modernen Produktion sowie die damit notwendigen strukturellen Veränderungen im Zeiss-Unternehmensverbund. Spannend sind diese Abschnitte – ebenso wie in anderen Kapiteln wohl dosiert bebildert – zu lesen.
Anpassungsfähige „Zeissianer“
So wie Zeiss bereits vor und in der Zeit der Großen Inflation turbulente wirtschaftliche Phasen durch stringente Rationalisierung und Neustrukturierung der Geschäftsbereiche durchstehen konnte, gelang es der Unternehmensführung auch in der Weltwirtschaftskrise mit den „Zeissianern“ die möglichen Anpassungen vorzunehmen. Der „Übergang zur gelenkten Wirtschaft“ erfolgte in den Jahren ab 1933, wobei diese Entwicklung nicht nur nationalsozialistischen Interessen folgte. Zivil- und Militärgeschäft ergänzten sich in der Unternehmensstrategie. Mit Kriegsbeginn 1939 wurde das Großunternehmen Zeiss zu einer entscheidenden Produktionsstätte militärischer Güter der Feinmechanik und Optik. Umfangreiche Darstellungen des Einsatzes von Fremd- und Zwangsarbeitern – einschließlich derer, eben nicht pauschal zu wertenden Lebensbedingungen – gehören zu diesem Kapitel.
Mit dem knappen Ausblick auf die Jahre nach 1945 am Ende der Monographie steigt das Interesse am dritten Band der Carl-Zeiss-Geschichte. Informative graphische Darstellungen und tabellarische Übersichten im Text verdeutlichen mit im Anhang aufgenommenen Tabellen wesentliche Seiten der Leistungsfähigkeit und Innovationskraft des Unternehmens. Gerhard Lingelbach

Rolf Walter: Zeiss 1905-1945. Die Geschichte eines Unternehmens. Band 2. Köln/Weimar/Wien (Böhlau) 2000. 354 Seiten, DM 78,-

In Grenzen (über-)leben

Gottfried Meinhold: Die Grenze. Edition gerettete Texte des Collegium Europaeum Jenense. VDG Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften. Weimar 2000. DM 20,-
Immer leben wir mit und in Grenzen: mit Wahrnehmungs- und Erkenntnisgrenzen, mit Leistungs- und Schmerzgrenzen; mit den Grenzen zwischen Wollen und Können, Bleiben und Gehen. Immer drängt es uns, Grenzen zu übertreten, entdecken wir eines Tages unsere Lust auf Grenzverletzung und -überschreitung, werden wir unerwartet zu mutigen Grenzgängern, Tunnelbauern, Ballonfliegern...
Solchen Tags lässt Gottfried Meinhold in seiner Erzählung „Die Grenze“, geschrieben um 1970, einen Qua(l)mann, bislang unbescholtener Bürger in einem Diktaturland, einen Ausbruch planen, der seine Lebensrichtung abrupt ändern soll. Er bricht alle Brücken ab und macht sich auf und davon, bereit, die Grenzzäune zu überwinden und in einem Land seiner Illusion neu anzufangen. Doch muss er bald erfahren, dass er längst in einem Spitzelgespinst gefangen ist. Und just als sich ein Fluchtweg zu bieten scheint und höchste Entschlusskraft vonnöten wäre, versagt sich ihm sein Körper, der Ausbruch scheitert, der Freiraum für Eigenbewegung schwindet, die Möglichkeit, die Lebensrichtung zu ändern, stirbt. So bleibt Quamann Gefangener in dieser „armseligen, gottverlassenen, verworfenen Stadt“, im „Land der Lüge“, umlauert von Misstrauen und Verrat. Er hat sich verfangen im Labyrinth seines eigenen Zauderns. Allzu lange hat er bereits geschwiegen. Die Unentschlossenheit ist ihm zum Wesenszug geworden. Ideale und Wünsche versiegen, er will schließlich nur noch sein beschränktes Leben illusionslos zu Ende bringen.
Die Erzählung „Die Grenze“ erscheint nun – nach 30 Jahren – in der Reihe „Gerettete Texte“. Von Meinhold, im bürgerlichen Beruf Sprach- und Sprechwissenschaftler in Jena, erschienen zu DDR-Zeiten mehrere Romane und Erzählungen, von der offiziellen Kritik wenig wahrgenommen – eine sattsam bekannte Form gelenkter Zensur. Als Meinhold „Die Grenze“ schrieb, war der „umfassende Aufbau des Sozialismus in der DDR“ besiegeltes Programm, die Mauer fest geschlossen, und die Regierung-West zollte dem Respekt.
Der Autor projiziert eigene„Grenz“-Erfahrungen auf ein Spielfeld, das sowohl einen streng bewachten Todesstreifen hat als auch Großmetapher ist für das Unvermögen, die eigenen Grenzen je überwinden zu können. Bedingungsloser Ausbruch in die Freiheit kann nicht stattfinden. Wer sich all zu lange an Subordination gewöhnt hat, für den gilt auf perfideste Weise: Es gibt immer Gründe genug, sich gar lustvoll auf Unterwerfung einzulassen. Ein fataler Mechanismus reduziert Ästhesie und senkt gnädig die Erträglichkeitsschwelle.
Mit derartigen Erkenntnissen im Hintergrund ist Meinholds intensive Erzählung eine kafkaesk ins Poetische transferierte und seismisch empfindsame Erlebnisregistratur. Sie atmet den Geist einer absurden Lagerwelt, in der Leben und Überleben nur innerhalb von Beschränktheiten möglich ist. Sie ist ein subversiver Erfahrungsbericht und zugleich ein eindrucksvolles Erinnerungsbuch an eine Mauerwelt, die einst den Alltag beherrscht und durchwaltet hat. ek

 

Klagloser Abschied

Wie hab’ ich’s gemacht, was hat mich dabei bewegt, was wollte ich bewegen? – Fragen nach der „poesis“ und der inneren Motivation ihrer Literatur beantworten viele Schriftsteller nur ungern. Gelingt es, sie zu Stellungnahmen und Antworten zu bewegen, wird den Zuhörern ein subjektiv-intellektuell modulierter Spiegel ihrer Gegenwart vorgehalten. Das ist anregend und lehrreich – reflexiv eben – und dank der ästhetischen Durchdringung durch keine Wissenschaft zu ersetzen.
In diesem Geiste fanden an der Uni Jena zwischen 1999 und 2001 – veranstaltet vom CEJ, organisiert von Edwin Kratschmer und finanziert von der Kultur-Stiftung der Deutschen Bank – acht „Poetik-Vorlesungen zur Beförderung der Humanität“ statt: mit Autoren wie Reiner Kunze, Günter Kunert, Tankred Dorst und Adolf Muschg. – Eine Reihe, die dem hehren Anspruch der Alma Mater Jenensis, geistig-kulturelles Zentrum zu sein, alle Ehre erwiesen hat.
Nun ist diese Perlenschnur abgerissen, weil die Bank ihre Förderung eingestellt hat und sich kein anderer Sponsor fand. Der Abschied, nicht anders als – im schlechten Sinne – prosaisch zu nennen, geschah ohne lauten Aufschrei, sang- und klanglos.
Einen kleinen, pointierten Nachhall gewährt nur die jetzt von Edwin Kratschmer im Verlag Palm & Enke vorgelegte Dokumentation. Dieses unprätentiöse Buch – prall gefüllt mit Denkanstößen – verdient viele Leser: vor allem jene kulturell und gesellschaftlich engagierten Intellektuellen, die es an Universitäten ja geben soll. Zumindest dem Anspruch nach. wh

Edwin Kratschmer (Hg.): Humanum Literatur. Jena/Erlangen 2001. 324 Seiten. DM 24,-