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Den Orient verstehen lernen

Plädoyer für eine Annäherung / von Annemarie Schimmel

Prof. Dr. Annemarie Schimmel, Islamwissenschaftlerin und Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, hielt die vorliegende Rede zum zehnjährigen Jubiläum des Collegium Europaeum Jenense. Die ungekürzte Fassung wird Ende des Jahres in der CEJ-Schriftenreihe erscheinen.
Wenn unsere Gewerkschaften heute Tarifverhandlungen führen, denken sie sicher nicht daran, dass das Wort Tarif aus dem Arabischen kommt. In der europäischen Kultur und in unserem Alltag lassen sich sehr viele ähnliche Beispiele finden, die deutlich machen, dass Orient und Okzident einander stärker durchdrungen haben, als uns vielleicht bewusst ist. Etwas, ohne das unsere heutige Zeit überhaupt nicht auskommen könnte, sind Zahlen. Die Einführung der arabischen Zahlen anstelle der komplizierten römischen Zahlen war ein großer Schritt. Die arabischen Zahlen sind freilich eigentlich indische Zahlen, was sich daran zeigt, dass sie nicht wie das Arabische von rechts nach links, sondern wie die meisten indogermanischen Sprachen von links nach rechts geschrieben werden – übrigens auch im arabischen Text. Was hätte das Abendland ohne diese Zahlen machen können, zum Beispiel ohne die Null, die den Abendländern zunächst einmal sehr verdächtig war? Es dauerte Jahrhunderte, bis die Nulla figura, die „nichts“ bedeutete, vollkommen akzeptiert wurde. So war die Mathematik etwas, was der islamische Orient dem Abendlande brachte. Sprechen wir nicht heute noch von der Algebra und vom Algorithmus, beides arabische Ausdrücke?
„Al-Kohl“ ist das Allerfeinste
Auch wenn wir das „ZDF-Magazin“ sehen, denken wir kaum daran, dass Magazin ebenfalls ein arabisches Wort ist. Gerade die Alltagssprache ist von ursprünglich arabischen und persischen Begriffen durchdrungen, die für uns absolut natürlich sind. Auch viele Wissenschaften wurden vom Orient geprägt. So spielte die islamische Astronomie und, ihr folgend, die Astrologie im Westen eine bedeutende Rolle. Nicht zu vergessen die Chemie, die wir zunächst als Alchimie kennen und der wir so wichtige Begriffe wie Alkohol verdanken. Das mag seltsam scheinen, da der Islam ja den Wein verbietet, aber „Al-Kohl“ bezeichnet das Allerfeinste. Alchemistische Begriffe sind im Mittelalter außerordentlich weit verbreitet gewesen, und heutzutage, wenn wir an den Sternenhimmel schauen, erinnern uns die Namen vieler Sterne wie Aldebaran und Beteigeuze ebenso wie die Worte Zenit und Nadir an den arabischen Ursprung wissenschaftlicher Astronomie im Westen.
Herder hat sicherlich recht, wenn er in seinen „Ideen zur Philosophie der Menschheit“ schreibt: „Jeder Schritt zur Vervollkommnung geschah unbewusst nach arabischem Muster.“ Auch religiöse und philosophische Begriffe sind aus dem Morgenland ins Abendland gelangt. Sogar in Dantes „Divina Commedia“ sind Spuren islamischer Literatur zu finden. Enrico Cerulli, der italienische Gelehrte, hat in seinem Buch über die „Göttliche Komödie“ gezeigt, dass die Bücher über die Himmelsreise des Propheten, die man im arabischen Bereich kannte, auch im Mittelalter in Europa mehr oder weniger verbreitet waren. Es sind die Schilderungen, wie Mohammed auf seiner geheimnisvollen nächtlichen Reise durch die Himmel und Höllen geführt wird, dort die Qualen der Verdammten sieht und sich in den verschiedenen Sphären mit den Propheten unterhält. Es scheint so, dass sie zumindest als Anregungen auf Dante gewirkt haben.
Fabeln und Märchen eroberten Europa
Aus Indien kam über die islamische Welt eine große Anzahl von Fabeln und Märchen nach dem Westen, die dann, in abgewandelter Form, das europäische Fabel- und Märchenmaterial bereicherten. Auch mancher Kleriker oder Gelehrte versuchte, sich etwas tiefer in den Islam einzuarbeiten. Ich denke vor allen Dingen an die erste Koranübersetzung von 1143, die genau 400 Jahre später auf Anregung Luthers in Basel gedruckt wurde. Aber ich denke auch an einen Mann, der immer wieder zu zitieren ist, wenn es um den Versuch einer freundschaftlichen Begegnung zwischen Christentum und Islam geht. Es ist Ramon Lull, der eine gute Kenntnis des Arabischen hatte und der in seinen Büchern Dialoge oder Trialoge zwischen Christen, Muslimen und Juden beschrieben hat – und zwar interessanterweise, ohne zu einem abschließenden Ergebnis zu kommen. Die Parabel Lessings von den drei Ringen, die ja über Bocaccio zu ihm kam, ist bei Lull schon vorgebildet. Aber es wäre verkehrt, wenn wir uns nur damit beschäftigten, was der Westen an geistigen und wissenschaftlichen Dingen durch den Orient gelernt hat. Die Kreuzzüge, grauenhaft, wie sie zum Teil waren, in denen die christlichen Kreuzritter in Jerusalem nicht nur die Muslime sondern auch die Juden aufs Schlimmste misshandelten und zum großen Teil töteten, und die Eroberung Jerusalems haben tiefe Spuren in der islamischen Literatur hinterlassen. Aber die Kreuzzüge brachten trotz allem eine neue Welle von orientalischer Kunst und orientalischem Wissen nach Europa. Man brachte kostbare Gefäße mit, das Hedwigs-Glas zum Beispiel, jenes dicke, schön geschliffene Glas, das angeblich die Heilige Hedwig aus dem Heiligen Lande mitgebracht hatte.
Es sind darüber hinaus kostbare Stoffe gekommen, die interessanterweise oftmals arabische Inschriften tragen, die für den Abendländer sehr dekorativ erschienen. Wenige Menschen können sich vorstellen, dass auf einem liturgischen Gewand arabische Sprüche, vielleicht sogar das Glaubensbekenntnis, zu finden sind, wie es mein Kollege Rudolf Sellheim für ein Bild der Madonna gezeigt hat, in deren Schleier etwas verzerrt spiegelbildlich das islamische Glaubensbekenntnis als Dekoration steht.
Textilien waren ein kostbares Importgut in der Kreuzzugs- und Nachkreuzzugszeit, und der Besitz orientalischer Stoffe, seien es Samte, seien es Seiden, war ein Statussymbol. Das gilt in etwas späterer Zeit auch für die orientalischen Teppiche. Wir finden sie zu Füßen des Thrones der Madonna, wir finden sie als große Tischdecken, kurz: Sie werden als besonders wertvoll angesehen. Die Verbindung zeigt sich auch an den Namen von Textilien, die uns überkommen sind: Heißt nicht der Damast nach Damaskus oder der Musselin nach Mossul? Wir sprechen von der Joppe, vom Baldachin und vom Kattun – Namen, die zeigen, dass Materialien oder die Dinge selbst aus dem Orient importiert wurden.
Nach den Arabern kamen die Osmanen
Mit dem Fall von Bagdad 1258 verlor das islamische Reich seinen ideellen Mittelpunkt. Es gab zwar schon zahlreiche andere kulturelle Mittelpunkte, aber Bagdad war doch in gewisser Weise ein Symbol gewesen. Es scheint, dass man das Aufkommen der osmanischen Türken sehr aufmerksam beobachtet hat, denn 1389 fing mit der Schlacht auf dem Kosovo Polje, auf dem Amselfeld, die osmanische Herrschaft über den Balkan an, und damit rückte das Osmanische Reich sehr nahe an die Grenzen des Abendlandes heran. Man wurde immer stärker auf die wachsende Macht der Osmanen aufmerksam. Die arabischen Völker spielten keine wichtige Rolle mehr.
Mit dem Aufkommen des Interesses an den Türken kam es auch dazu, dass Reisende in die Türkei gingen, und bereits im späten 15. Jahrhundert finden wir Bellini am osmanischen Hof, um Porträts des Sultans und seiner Großen zu zeichnen. Durch die Zeichnungen und Holzschnitte von Melchior Lorchich bekam die westliche Welt einen Eindruck, wie Konstantinopel aussah. Zum ersten Mal hatte man authentische Bilder im Westen über das, was in der Türkei und im ganzen osmanischen Reich vorging.
Groß war das Entsetzen, als die Türken 1529 vor Wien standen und es lange, wenn auch erfolglos, belagerten. Die Literatur, die zwischen 1529 und 1683 – der zweiten vergeblichen Belagerung Wiens – entstanden ist, ist auch heute noch hoch interessant, denn sie spiegelt den Hass und die Furcht des Abendlandes vor den Türken wieder. Die Türkenlieder sind im unflätigsten Deutsch gehalten und zeigen nur Spott und Hohn und Angst und Verachtung gegenüber den osmanischen Türken. Und manchmal hat man das Gefühl, als ob bei einigen Menschen im Hinterkopf noch ein wenig von dieser Mentalität überlebt hat, obgleich fast 500 Jahre vergangen sind.
Reisen nach Iran und Indien
Auf der anderen Seite aber führte die Furcht vor den Türken dazu, dass man sich nach neuen Bundesgenossen im Orient umsah, und hier stand der Iran an erster Stelle. Der Iran, der seit 1501 ein Land geworden war, in dem die Schia Staatsreligion war, schien ein Verbündeter gegen die Türkei zu sein. Und so haben wir eine ganze Reihe von Kaufleuten und Botschaftern, die sich nach dem Iran begaben, um dort die Lage auszukundschaften. Die Reisenden machten aber nicht im Iran halt. Sie zogen weiter nach Indien, dem Land, wo seit 1526 die Dynastie der Großmoguln herrschte, eine türkisch- muslimische Dynastie, unter der sich der höchste Prunk entfaltete, den man sich vorstellen kann.
Das 18. Jahrhundert schließlich ist die Zeit, in der langsam ein neues Verhältnis zur islamischen Welt aufdämmert. In der frühen Zeit war es die Welt des Anti-Christ; dann wurde es eine Zeitlang die gefürchtete Welt der Osmanen. Es war erst in der Zeit der Aufklärung, dass man versuchte, dem islamischen Orient ein klein wenig näher zu kommen. Die ersten objektiven Studien über den Propheten Mohammed, der nun nicht mehr als Anti-Christ und nicht mehr als abtrünniger Kardinal angesehen wurde, erschienen 1715. Das ist das erste Mal, dass man sich an den Propheten wagte.
Es war Goethe, der in „Mahomets Gesang“ erstmals eine Würdigung des arabischen Propheten geschaffen hat, die sich interessanterweise im Einklang mit dem Islam befindet. Goethe wusste nicht, dass das Bild des Stromes, mit dem er Mohammed in seinem Gedicht bezeichnet, bereits im 10. Jahrhundert bei dem schiitischen Theologen Kulaini vorkommt: „Der Prophet ist wie ein mächtiger Strom, der aus einer kleinen Quelle beginnt und dann alles mit sich fortreißt.“ Der indo-muslimische Philosoph und Dichter Mohammed Iqbal hat Goethes „Mahomets Gesang“ ins Persische übersetzt und in seiner Fußnote angemerkt, dass es kein schöneres Bild für den prophetischen Geist gebe als dieses.
Das 18. Jahrhundert bringt auch noch etwas anderes, was vielleicht im großen und ganzen sehr viel wichtiger für das Orientbild der damaligen Zeit und zum Teil auch unserer Tage ist, nämlich die erste Übersetzung der „Märchen aus Tausendundeiner Nacht“. Bis 1910 gab es über 350 verschiedene Romane, Novellen, Lieder, Singspiele, Opern, Operetten, die alle auf irgendwelche Themen aus „Tausendundeiner Nacht“ zurückgingen und die immer wieder die Leute begeisterten. Sie entwarfen ein völlig neues Bild des Orients. Es war nicht mehr das des feindlichen Orients, es war nicht mehr das des bösen Türken, es war das einer Welt voll Phantasie, voll Schönheit und vor allen Dingen voll Sinnlichkeit.
Wenn Sie an die europäische Literatur denken, dann wissen Sie, wie viele Werke von den „Tausendundeinen Nächten“ beeinflusst sind. Der Name Harun al Raschid, des abbasidischen Kalifen, der in vielen der Märchen und Erzählungen vorkommt, wurde gewissermaßen zum Gattungsnamen für den orientalischen Herrscher überhaupt. Die Stadt Bagdad, in der viele der Geschichten spielen, wird zum Synonym für den Orient. Das, was im Mittelalter die orientalischen Märchen- und Fabelsammlungen gebracht hatten, als sie das Abendland durchdrangen, das kam im 18. und 19. Jahrhundert nun wieder auf Europa zu – und diesmal war Europa eher bereit, es anzuerkennen.
Die „Tausendundeinen Nächte“ sind sicherlich kein echtes und zuverlässiges Bild des islamischen Orients, aber ihr Einfluss auf den Westen war ungeheuer. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass zur gleichen Zeit, als diese frivolen und sehr offenherzigen Geschichten im Westen bekannt wurden, auch zum ersten Mal eine echte wissenschaftliche Beschäftigung mit dem islamischen Orient einsetzt. Wir haben in Österreich, in Frankreich und Holland erste Versuche, eine wissenschaftliche Arabistik aufzubauen. Freilich war sie in den meisten Fällen als „Magd der Theologie“ gedacht; das heißt, man versuchte, durch die Kenntnis des Arabischen zu einem besseren Verständnis des Hebräisch des Alten Testaments zu gelangen. Es war ein Deutscher, der zum ersten Mal wirklich objektiv versuchte, sich der Islamwissenschaft und dem Arabischen zu nähern, nämlich Johann Jakob Reiske, ein Freund Lessings, der ihn sehr bewunderte. Zur gleichen Zeit erschienen auch mehr und mehr Koranübersetzungen. Das beginnt schon im 17. Jahrhundert mit lateinischen Übersetzungen; in der Goethezeit haben wir dann auch deutsche Übersetzungen.
Die Arabeske als Sinnbild des Ostens
Wenn wir fragen, wie der Orient unsere Kultur beeinflusst hat, dürfen wir aber auch die Wirkung der islamischen Kunst und der islamischen Schönheitsideale auf Europa nicht vergessen. Man begann in der Zeit von Holbein, sich für die Arabeske zu interessieren, jenes typische orientalische Ornament, das aus der Gabelblattranke besteht, bei der sich immer wieder aus den Stengeln Blüten und daraus Blätter und aus den Blättern neue Blüten entwickeln. Es sind die Gärten, die man liebte – hier als abstrakte Formen für die Ewigkeit erhalten. Man begann, auch in der Musik orientalische Motive zu übernehmen – wir brauchen nur an Mozarts „Türkischen Marsch“ zu denken, aber es gibt darüber hinaus unendlich viele musikalische Anklänge an Janitscharen-Musik und an orientalische Klänge.
In der Kunst entdeckt man plötzlich die Turquoiserien; man lässt sich im türkischen Kostüm malen; im 19. Jahrhundert entsteht dann die orientalisierende Malerei. Es gibt unerhört freizügige Haremsszenen, die in jener Zeit modern wurden, gemalt von Menschen, die nie einen Harem von innen gesehen hatten. Aber nackte badende Damen in den Orient zu versetzen, war leichter, als sie im westlichen Milieu darzustellen. Auch die Baukunst blieb nicht unbeinflusst. Der Palast in Brighton in England zeigt die Architektur Indiens in verwässerter Form, und in Dresden wurde eine Zigarettenfabrik in Form einer Moschee gebaut. Das spiegelte den malerischen, romantischen und verspielten Orient wider, genauso wie der niedliche kleine Sarotti-Mohr, der uns die Schokolade bringt.
Nicht an der Oberfläche bleiben
Es bedurfte großer Künstler am Ende des 19. Jahrhunderts, um sich auf den wirklichen Orient zu besinnen. Denken Sie an August Macke oder noch mehr an Paul Klee, in dessen Bildern nicht nur das orientalische Licht, sondern auch die Rhythmik und die Abstraktion der orientalischen Kunst wiedergegeben ist.
Alle diese kleinen Beispiele sollen uns zeigen, dass sich der Westen, und vor allen Dingen auch Deutschland, mit der islamischen Welt immer wieder auseinandergesetzt hat. Wahrscheinlich war es, mit Ausnahme der Geschichten der „Tausendundeinen Nächte“, immer nur eine kleine elitäre Gruppe, die den Orient so verstanden hat, wie es die gerade genannten Dichter und Maler getan haben.
Wenn wir fragen, was jetzt unsere Aufgabe ist, wenn wir uns mit dem Orient beschäftigen, dann kann ich nur sagen: Wir sollten versuchen, über das Oberflächliche hinwegzukommen; wir sollten etwas tiefer eindringen, soweit wir es können. Man kann dem Orient nicht in einer flüchtigen, kleinen Begegnung gerecht werden. Man kann den Orient nur mit einem liebenden Herzen verstehen, wie ja alles Verstehen eigentlich liebendes Verstehen ist. Wenn Goethe einmal gesagt hat, „Herrlich ist der Orient/ übers Mittelmeer gedrungen/ nur wer Hafiz liebt und kennt/ weiß, was Calderón gesungen“, dann hat er sicherlich, wie in so vielen Dingen, das Rechte getroffen.
Es scheint mir, als ob gerade wir Orientalisten die Pflicht haben, jene positiven Aspekte der islamischen Kultur immer wieder herauszuarbeiten. Wir sollten uns nicht von den Medien überrennen lassen, die immer nur auf das Spektakuläre und möglichst auch das Abscheuliche hinweisen. Wir sollten uns in Anerkennung dessen, was Generationen vor uns an wissenschaftlicher Arbeit geleistet haben, dem Orient nähern; dann werden wir – vielleicht – einen Weg finden, auf dem beide Seiten gewinnen werden: der Orient durch die Begegnung mit der tiefverwurzelten europäischen Kultur und wir durch die Kenntnis einer unendlich reichen Vergangenheit und einer vielseitigen Kultur. Dann dürfen auch wir vielleicht eines Tages sagen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.