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Auf den verborgenen Spuren der Nachfahren Harun ar Raschids

Aufstieg und Fall einer alten Metropole im Orient

Einstige Glanzzeiten mag man ar-Raqqa, einer 200 000 Einwohner zählenden Provinzstadt im nordsyrischen Balikh-Tal, heute kaum noch anmerken. Ehedem, im 8. Jahrhundert, hatte der märchenhafte Kalif Harun ar Raschid dort seine Residenz, und als er 809 starb, befand sich ar-Raqqa auf dem Höhepunkt islamischen Kultur-lebens – so wie es uns die Geschichten aus tausendundeiner Nacht augenzwinkernd überliefern. Schon 100 Jahre später verblasste indes der Reichtum, die Stadt mit ihren Palästen und Prunkbauten verfiel, Handelswege mussten aufgegeben werden.

Nach 950 zerbrach das alte islamische Großreich, und für 200 Jahre tritt in ar-Raqqa das ein, was Fachleute eine „archäologische Siedlungslücke“ nennen. Jetzt hat der Jenaer Orientalist Dr. Stefan Heidemann mühsam alte Quellen zwischen New York, London, Damaskus und Aleppo entschlüsselt und die Gründe für Niedergang und erneute Blüte der alten Kulturmetropole ar-Raqqa in seiner Habilitationsschrift rekonstruiert.
Stumme Zeugin vergangener Glanzzeiten: Ruinen der alten Moschee von ar-Raqqa von ca. 1140.
Besonders wertvoll für Heidemanns Arbeit war ausgerechnet das Kleingeld. „Golddinare interessieren mich nicht“, meint er trocken. „Nur Kleingeld, als das Zahlungsmittel des Alltags, belegt ganz unmittelbar das wirtschaftliche Niveau des städtischen Lebens.“ Als stumme Zeitzeugen verraten die unscheinbaren, kleinwertigen Münzen durch ihre archäologische Verteilung in Syrien eine ganze Menge über die damaligen Handels- und Fiskalstrukturen. In der Zeit der „Renaissance der Städte“ wurde Kleingeld aus anderen Regionen, zum Teil aus dem christlichen Byzanz, in das islamische Nordsyrien importiert. Über 20 000 syrische Fundmünzen hat Heidemann ausgewertet.
Nur Kleingeld zählt wirklich
Im Balikh-Tal selbst wurden in dieser Zeit kaum Münzen hergestellt. Trotzdem hat der Jenaer Wissenschaftler aus der Ägide der bislang fast unbekannten beduinischen Banu-Numair-Araber fast 50 Münzen, die stets Herrscher und Prägeort nennen, in den Magazinen öffentlicher Museen und in Privatsammlungen zwischen New York und ar-Raqqa ausfindig gemacht und seine Erkenntnisse daraus mit der zeitgenössischen Geschichtsschreibung aus Aleppo, Damaskus und Bagdad abgeglichen. Eine detektivische „Grabung“ ohne Schaufel und Spaten war das; vor Ort, in ar-Raqqa, wo Heidemann Anfang der 90er Jahre mit dem Deutschen Archäologischen Institut im Kalifenpalast forschte, finden sich für das 10./11. Jahrhundert kaum Zeugnisse.
Eine Münze aus der Zeit des Beduinen-Amirs Mani’ ibn Shabib, 1058 n. Chr.
Die Geschichte ar-Raqqas ist beispielhaft für den Wendepunkt in der islamischen Kultur zwischen 950 und 1150. Interne Machtkämpfe zwischen den Provinzpotentaten und eine zweite Einwanderungswelle arabischer Beduinenstämme von Süden her sorgten für die allmähliche Erosion der städtischen Kulturzentren. Die Handelswege wurden immer unsicherer, die Landwirtschaft ging zurück, und nomadisierende Beduinen wie die Banu Numair beherrschten schließlich auch das Balikh-Tal.
Plünderungen und Versklavung
Für Ackerbau und Handel, gar für feste Wohnstätten interessierten sich diese Zeltbewohner wenig, lieferten sich aber untereinander heftige Scharmützel und überzogen die alteingesessene Bevölkerung immer wieder mit Razzien, Plünderungen und Versklavung. Nur für eine kurze Zwischenphase Mitte des 11. Jahrhunderts pflegte der numairidische Fürst Mani’ ibn Shabib urbane Traditionen und legte in ar-Raqqa repräsentative Bauwerke an.
Zwar keine politische Ruhe, aber einen ordnenden Staat gab es im Tal erst wieder nach 1087, als Seldschuken aus Zentralasien einwanderten und den Norden Syriens besetzten. Dank persischer Militärtechnik und Verwaltungstraditionen verdrängten sie unter ihrem Sultan Malikshah die Beduinen und begründeten eine neue, auf städtische Machtzentren fußende islamische Ordnung. Eine straffe Militärorganisation, staatliche Einnahmen durch Zollstellen, schließlich die Gründung von Rechts- und Verwaltungshochschulen sorgten für eine neue wirtschaftliche und kulturelle Blüte der Region.
Kurze Blüte – erneuter Verfall
Zwischen 1120 und 1160 unter Zangi und seinem Sohn Nur ad-Din ibn Zangi verstanden es die Seldschuken, eine Renaissance der Städte einzuleiten, die sich in der Geldwirtschaft widerspiegelt. Heidemann: „Der Fiskus war nunmehr wieder der Vater aller Dinge.“ Nach 1140 wurde sogar die alte Moschee in ar-Raqqa wieder aufgebaut.
Geschäftiges Treiben im modernen ar-Raqqa. Doch die nordsyrische Stadt hat längst ihre alte politische und kulturelle Vorrangstellung eingebüßt.
Mit seiner akribischen Arbeit hat Stefan Heidemann für Erhellung in einem dunklen Kapitel islamischer Kultur gesorgt. Für ihn charakterisieren jene 200 Jahre zwischen 950 und 1150, zwischen Untergang und Renaissance der morgenländischen Stadtkultur, den Wandel vom klassischen zu einem Islam, wie wir ihn in weiter entwickelter Form praktisch heute noch kennen.
Für ar-Raqqa allerdings war die Blütezeit unter seldschukischer Herrschaft nur von kurzer Dauer: Die Mongolenstürme in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts verwandelten die Stadt in ein ödes Trümmerfeld. Erst nach 1860 siedelten die Osmanen dort wieder tscherkessische und tschetschenische Stämme an... wh

Ansprechpartner:
PD Dr. Stefan Heidemann, Tel.: 03641/944853, Fax: 944850
E-Mail: x7hest@nds.rz.uni-jena.de