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Mythenbildung und Sinnstiftung

Die Symbolorte nationaler Identität in „Deutschlands Mitte“

Schlägt das „kulturelle Herz“ der Republik wirklich in Thüringen? Gibt es eine mitteldeutsche Identität? – Die Tiefenschichten des kulturellen Bewusstseins wollen Kunsthistoriker, Literatur- und Geschichtswissenschaftler der Universitäten Jena und Weimar sowie der Stiftung Weimarer Klassik in einem interdisziplinären Verbundprojekt ausloten. „Deutschlands Mitte“ erkennen sie als ein Sinnstiftungskonstrukt, das geistige Eliten seit der Reichsgründung 1871 über Jahrzehnte hinweg geprägt und im Bewusstsein der Deutschen etabliert haben.
Natürlich nicht ohne Missbrauch: Denn zum Beispiel die Nationalsozialisten verstanden es sehr wohl, die kulturellen Traditionen Weimars für sich in Beschlag zu nehmen. Im Zentrum der wissenschaftlichen Betrachtung, die an die Wurzeln der deutschen kulturellen Identität greift, stehen wirkungsmächtige Symbolorte wie die Wartburg in Eisenach, Gotha, Suhl, Naumburg, Dessau oder die alte wettinische Doppelresidenz Weimar-Jena.
Orte ideologisch aufgeladen
„Wir trennen die Mythen von der Realität und fragen, woher diese Mythen kommen und wie sie zum Thüringer Selbstverständnis, zur kulturellen Identitätsfindung der Region beigetragen haben“, erklärt Prof. Dr. Jürgen John, Historiker an der Friedrich-Schiller-Universität. Dieses derzeit größte geisteswissenschaftliche Einzelprojekt im Freistaat Thüringen wird zunächst für zwei Jahre durch das Erfurter Wissenschaftsministerium mit rund 600 000 Mark gefördert.
„Gerade im ausgehenden 19. und im 20. Jahrhundert haben unterschiedliche intellektuelle Eliten ,ihre’ Symbolorte in Mitteldeutschland lokalisiert und ideologisch aufgeladen“, bemerkt Prof. Dr. Lothar Ehrlich von der Stiftung Weimarer Klassik. Damit meint er nicht nur die Goethestadt selbst, sondern auch zum Beispiel die Bauhaus-Metropole Dessau, Naumburg mit dem Dom und seiner Stifterfigur Uta als der deutschen Ikone schlechthin oder Chemnitz (Karl-Marx-Stadt), das in der DDR-Zeit als ein – vermeintliches – Zentrum der revolutionären sozialistischen Bewegung angesehen wurde.
Die Dichterfürsten Goethe (li.) und Schiller auf dem Denkmalsockel vor dem Deutschen Nationaltheater Weimar – natürlich ein gewichtiger Symbolort nationaler Identität.
Gotha hingegen wurde gleich für zwei sehr unterschiedliche geistig-politische Traditionslinien in Beschlag genommen: von linker Seite, weil sich hier 1875 die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands als SPD-Vorläufer formierte und 1946 der Vereinigungsparteitag der SED stattfand, ebenso wie von einer Rechtsaußen-Fraktion, die in Karl Eduard, Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha, quasi den Stammvater der völkischen Bewegung erkannte. Und eine naturwissenschaftlich-technische Elite stilisierte zum Beispiel Jena, die Haeckel-Abbe-Zeiss- und Schott-Stadt, zu einem ihrer Symbolorte.
Und die „Berliner Republik“?
All diese Verklärungen, die beim Bildungsbürgertum auf fruchtbaren Boden fielen, wollen die Wissenschaftler durchleuchten und die Prozesse und Wirkungsgeschichten systematisch analysieren, um somit die unterschiedlichen Konstrukte von – nationalen – Identitäten und Sinnstiftungen im Verlaufe der wechselvollen deutschen Geschichte zu ergründen.
„All diese Konstrukte wirken bis heute nach“, weiß Prof. Gerd Zimmermann von der Bauhaus-Uni Weimar, „sie haben sich in den Tiefenschichten unseres kulturellen Gedächtnisses mehr oder minder festgesetzt.“ Dass gerade jetzt, da sich die „Berliner Republik“ mit spezifischen eigenen kulturgeschichtlichen Traditionslinien zu etablieren versucht, ein aktueller Bedarf für diese Arbeit besteht, ist den Wissenschaftlern durchaus bewusst.
„Wir wollen aber nicht neuen Mythenbildungen und Verklärungen vorarbeiten“, mahnt der Regionalhistoriker Jürgen John, „sondern wir möchten nüchtern das Vergangene betrachten und aus der Analyse dieser gewesenen Konstruktionsprozesse von kultureller Identität Lehren für die Zukunft ziehen.“ Im Angesicht der deutschen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts könne das nur heilsam wirken. wh

Ansprechpartner an der Uni Jena:
Prof. Dr. Jürgen John, Tel.: 03641/944480