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Jenaer „Spaghetti-Elektrode“ spürt die Ursachen für Herzrasen auf

Praxiserprobte Neuheit bei Kopenhagener Kongress vorgestellt

Eine Spezialelektrode haben Medizintechniker und Ärzte am Universitätsklinikum Jena entwickelt, um die Ursache für Herzrasen sicher diagnostizieren und behandeln zu können. Das 80 Zentimeter lange und Spaghetti-dünne Instrument wird über die Speiseröhre eingeführt und spürt präzise den „Kurzschluss“ in der Reizleitung des Herzmuskels auf. Bei den meisten Patienten liegt dafür ein angeborener Fehler im bioelektrischen Leitungssystem des Herzens zugrunde, der zumeist durch einen Herzkatheter-Eingriff behoben werden kann – sofern er erst zuverlässig lokalisiert ist.
Die patentierte Spezialelektrode stellte der Jenaer Biomedizintechniker Dr.-Ing. Matthias Heinke am 26. Juni erstmals beim Kongress für Herzrhythmusstörungen und Herzschrittmachertherapie der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie in Kopenhagen der Fachöffentlichkeit vor. Die mittelständische Dr. Osypka GmbH im südwestdeutschen Rheinfelden hat die Produktion und Vermarktung der Neuentwicklung übernommen.
Ende langer Leidensgeschichten
„Herzrasen ist nicht nur sehr unangenehm, sondern für manche Patienten auch lebensbedrohlich“, erläutert PD Dr. Helmut Kühnert, Oberarzt in der Jenaer Universitäts-Herzklinik. „Schwindelgefühle, Ohnmacht, manchmal sogar ein gefährliches Kammerflimmern können die Folge sein.“ Dennoch lässt sich die Erkrankung vom Arzt gar nicht so einfach feststellen. Denn erhöhte Pulsschläge bis zum Doppelten oder sogar Dreifachen des Normalwerts treten zumeist spontan und unkontrolliert auf – und nicht ausgerechnet dann, wenn der Kardiologe gerade zufällig ein Elektrokardiogramm (EKG) angelegt hat. Kühnert: „Wir haben schon Patienten in unserer Klinik behandelt, die eine lange Leidensgeschichte mit zahllosen Facharztbesuchen hinter sich haben, ohne dass ihre Erkrankung diagnostiziert werden konnte.“
Abhilfe schafft nun die Jenaer Neuentwicklung. Über einen nur 3,3 Millimeter dünnen Schlauch wird die vier- bis achtpolige Elektrode durch die Speiseröhre hinter den linken Vorhof und die linke Herzkammer geschoben. Heinke: „Das geht ohne Narkose. Wir sprühen dem Patienten nur ein leichtes Anästhetikum in den Rachen, um den Brechreiz zu vermeiden.“
Dr. Matthias Heinke demonstriert die „Spaghetti“-Elektrode: Das dünne Ende kommt in die Speiseröhre, das dicke an den Geräte-Adapter.
Über die Elektrode lösen die Ärzte dann zielgerichtet minimale elektrische Impulse aus, die nur eine Hundertstel Sekunde andauern und bloß sieben Milli-Ampere stark sind. Dieser „Taktgeber“ übernimmt also zeitweilig das „Dirigat“ über den Herzrhythmus. Zugleich misst das Instrument das Frequenzmuster der elektrischen Reizleitung im Herzen, so als wäre es – beinahe vor Ort – ein Lupen-EKG.
Nur bei Patienten mit einem angeborenen Fehler im Reizleitersystem lässt sich damit ein Herzrasen auslösen und zugleich die Ursache genau lokalisieren. Denn die liegt fast immer in einer zusätzlichen „Leitung“ begründet, die den natürlichen Ausgangsimpuls für den Herzschlag auffängt und nochmals weitergibt – fast so wie bei einem elektrischen Kurzschluss.
„Kurzschluss“ schnell beseitigt
Beheben lässt sich dieser „Kurzschluss“ dann fast immer durch einen relativ einfachen Eingriff, den anschließend ein erfahrener Kardiologe minimalinvasiv über einen Herzkatheter, also einen über die Leistenschlagader eingeführten Schlauch, ausführt: Die störende Leitungsbahn wird einfach unterbrochen. Oberarzt Helmut Kühnert erklärt: „Wenn wir erst einmal wissen, wo die genau liegt, ist das kein großes Problem mehr.“
Seit rund zehn Jahren arbeitet das Jenaer Team an dieser inzwischen patentierten Lösung. Den Durchbruch brachte aber erst eine Spezialelektrode, die elektrische Impulse zielgerichtet aussenden kann. „Damit haben wir auch praktisch keinerlei Belastung mehr für den Patienten während der Untersuchung“, bemerkt Matthias Heinke.
„Weltweit riesiger Markt“
Das Jenaer Instrument ist seit vergangenem Jahr CE-geprüft und hat damit quasi die medizinische TÜV-Plakette erhalten. Einer Serienfertigung durch die baden-württembergische Dr. Osypka GmbH steht damit nichts mehr im Wege. „Weltweit gibt es dafür einen riesigen Markt“, so Heinke. In Deutschland kommt es zunächst in kardiologischen Fachkliniken zum Einsatz; sobald die Krankenkassen diese medizinische Leistung anerkennen, werden es auch niedergelassene Fachärzte für die ambulante Diagnostik verwenden. wh

Ansprechpartner:
Dr.-Ing. Matthias Heinke und PD Dr. Helmut Kühnert, Tel.: 03641/939138, Fax: 939363
E-Mail: matthias.heinke@med.uni-jena.de und helmut.kuehnert@med.uni-jena.de