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Mehr als nur die Pracht der Blüten

Ein Streifzug durch den Botanischen Garten

Farbenpracht im Palmenhaus: Wenn die roten Katzenschwänze (Acalypha hispida) blühen, ziehen sie unweigerlich die Augen der Besucher auf sich.
Welch appetitlicher Duft! mag sich die Fliege denken und folgt den unwiderstehlichen Wohlgerüchen. Ein fetter Brocken! würde die Kannenpflanze denken – so sie dies könnte –, ihren gelblich schimmernden Becher öffnen und die Fliege einlassen in ihren klebrigen Schlund. Nepenthes madagascariensis gehört wie Sonnentau und Fettkraut zu den insektenfangenden und -verdauenden Pflanzen in den Gewächshäusern des Botanischen Gartens.
Bei den zahlreichen Besuchern genießen sie durchaus Prominenz – fast so wie Victoria regia, jene tropische Seerose, die zwar mehrfach im Jahr Blüten hervorbringt; diese sind jedoch immer nur für zwei Nächte zu bestaunen: In der ersten blüht Victoria regia weiß, in der zweiten – je nach Außentemperatur – rosa oder rot. Aber selbst wenn es gerade keine Blüten gibt, sind die riesigen Schwimmblätter dieser Seerose eine Augenweide.
Als weitere Überraschungen warten im Viktoriahaus filigrane afrikanische Hibisci, Lotusblumen, Aronstabgewächse, Orchideen oder Mangrovenpflanzen. Sie alle würden unter den widrigen mitteleuropäischen Wetterbedingungen zugrunde gehen, wenn nicht das feuchtwarme Klima unter schützenden Glasdächern wäre. Insgesamt fünf Gewächshäuser hat der Jenaer Botanische Garten. Im Palmenhaus stehen Gummibäume neben Bananen- oder Kaffeepflanzen, im Aquarienhaus sind tropische Sumpf- und Wasserpflanzen kultiviert. Kaum zu übersehen sind die baumhohen Sukkulenten oder jene sitzhockergroßen Kakteen mit dem liebenswerten Namen „Schwiegermuttersessel“. Nur scheinbar weniger spektakulär ist der Streifzug durch die Außenanlagen des Botanischen Gartens. Was hier wächst, muss unser Klima vertragen – vom rauen Winter mit seinen Minusgraden bis hin zum trockenen Sommer. Auf verschlungenen Wegen gelangt man vorbei an Farnen oder Rosen, Moorpflanzen und Küchenkräutern bis hin zu den imposanten Mammutbäumen.
Rund 10 000 Pflanzen insgesamt betreuen die Mitarbeiter im Botanischen Garten und haben damit alle Hände voll zu tun. So mancher Besucher fragt auch nach botanischen und gärtnerischen Details, soweit sie nicht schon auf den zahlreichen Hinweistafeln erklärt werden. Ausstellungen, Führungen und ein eigenes Weiterbildungsprogramm runden diese „Öffentlichkeitsarbeit“ ab.
Praktische Lehre im Garten
Die südamerikanische Attalea-Palme (Attalea chilensis) bildet mit 20 Meter langen Wedeln die längsten Blätter aller Blütenpflanzen aus. In diesem Meer aus Grün kann man sich schier verlieren.
Dr. Helga Dietrich, die wissenschaftliche Leiterin, sieht darin aber nur eine zweite wichtige Aufgabe ihrer Einrichtung. Denn schließlich stehen Lehre und Forschung an der Universität eindeutig im Vordergrund. Biologen, Mediziner, Pharmazeuten, Forst- und Ernährungswissenschaftler gehören dabei zu ihren Partnern. Bei einem Besuch im Garten wird für die Studenten vieles anschaulich und nachvollziehbar, was sie sonst nur aus Lehrbüchern kennen würden. Auch viele der botanischen Präparate unter den Mikroskopen der botanischen Übungssäle haben ihren Ursprung im Garten.
Genpool im Kühlschrank
Der systematischen Forschung dienen vor allem jene Bereiche, die der gewöhnliche Besucher nicht zu Gesicht bekommt: Auf Freiflächen und in eigenen Anzuchtgewächshäusern werden Pflanzen kultiviert – z. B. für ein internationales Großprojekt, das die gesamte Flora Kubas dokumentiert und analysiert. Kein Wunder, dass der Jenaer Garten über die größte Vielfalt kubanischer Pflanzen – außerhalb des Inselstaats selbst – verfügt.
Ein anderes Projekt ist der heimischen Flora gewidmet: Als einzige Institution im Freistaat sammelt der Botanische Garten, der ja zum Institut für Spezielle Botanik der Universität gehört, systematisch sämtliche Thüringer Pflanzen: In Form so genannter Diasporen – Samen, Früchte, Sporen – lagern sie getrocknet und gefroren bei – 18° C in den Kühlschränken. So wird der botanische Genpool über die Zeit erhalten.
Schröter als früher Gründer
Lehre, Forschung und natürlich die Arzneimittelgewinnung waren auch in der Historie Anlass, einen „Hortus medicorum in collegio“ einzurichten. Der Mediziner Johann Schröter (1513-1593) ließ ihn 1568 an der Südwestecke des Kollegienhofes anlegen. Dank dieser Ursprünge gilt der Jenaer als der zweitälteste Botanische Garten in Deutschland – nach Leipzig.
Goethe und der Gingko
Am heutigen Standort gab es dann zusätzlich von 1640 bis 1662 den europaweit berühmten „Hortus Medicus Jenensis Wilhelminus“. Weil das Areal aber vom ernestinischen Fürstenhaus nur leihweise zur Verfügung gestellt worden war, musste es wenig später für einen Lustgarten im französischen Stil herhalten. Erst Johann Wolfgang von Goethe, dessen Name unweigerlich mit Gingko biloba, dem Wahrzeichen des Gartens, verbunden ist, sorgte für eine Wiedergründung an dieser Stätte: 1794 erhielt Professor August Johann Georg Carl Batsch (1761-1802) von Herzog Carl August dazu die Erlaubnis.
Ehemals an der Peripherie gelegen, dient der Botanische Garten heute den meisten Besuchern als grüne Ruheinsel im Herzen der verkehrsumtosten Innenstadt. Während sie sich an Farben und Gerüchen ergehen, ahnen sie nur wenig von den eigentlichen, den wissenschaftlichen Zwecken der Einrichtung. Geheimnisse sind das aber keineswegs. Bei Vorträgen und Führungen gibt es manches darüber zu erfahren. Der Besuch lohnt sich. wh/Sabine Goldhahn

Öffnungszeiten: Mitte Mai bis Mitte September 9-18 Uhr, sonst 9-17 Uhr

Ansprechpartnerin:
HDoz. Dr. Helga Dietrich, Tel.: 03641/949256, Fax: 949252
E-Mail: dietrich@otto.biologie.uni-jena.de