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Nicht jede Handschrift muss man spalten

Die Jenaer Restaurierungs-Werkstatt setzt mit kontrollierter Qualität neue Maßstäbe

In den 60er Jahren hat Restaurator Günter Müller an der Universität Jena das Papierspaltverfahren entwickelt. Heute gilt es weltweit als Standard, um historische Schriftgüter vor dem Zerfall zu retten. Aber der Experte warnt vor einem vorschnellen und unkontrollierten Einsatz der Methode. Seine Jenaer Werkstatt arbeitet inzwischen nach einem flexiblen verfahrenstechnischen System, das möglichst wenig in die Substanz der wertvollen Archivalien eingreift. „Wir spalten nur noch in schwerwiegen-den Fällen“, berichtet Müller. Für ihn zählen allein geprüfte Qualität und Arbeit mit Augenmaß.

Restaurator Günter Müller zeigt eine juristische Fakultätsakte von 1677, die durch Schimmelpilzbefall schwer beschädigt war. Nun übersteht das Dokument die kommenden Jahrhunderte.
Alte Bücher und Handschriften betrachtet Günter Müller in einem anderen Licht. Nicht die Bedeutung der Texte bis auf den Grund auszuloten, ist seine Profession, vielmehr versteht er sich auf die Geheimnisse des Materials. Mit Kennerblick und Fingerspitzengefühl prüft er die Beschaffenheit des Papiers und der Tinten und erkennt all jene Gefahren, die im Laufe der Jahrhunderte das alte Kulturgut allmählich zu vernichten drohen.
Kaum einer beherrscht die Kunst der Schriftgutrestaurierung so perfekt wie der 62-jährige Leiter der Abteilung Bestandserhaltung an der Uni Jena. Die von ihm in den sechziger Jahren entwickelte und patentierte Papierspaltung steht heute nur noch am Ende eines verfahrenstechnischen Repertoires, um wertvolle Autographen und seltene Buchausgaben für die kommenden Generationen zu retten und zu präparieren.
„Papierspalten ist wie ein operativer Eingriff in die Originalsubstanz“, meint er. So wie jeder gute Arzt nur in letzter Konsequenz zu den chirurgischen Instrumenten greift, ist er bei der Wahl seiner Mittel äußerst umsichtig. Erst die Diagnose, dann die Therapie, heißt seine Devise – genau wie in der Medizin. Dabei genießen er und sein vierköpfiges Team internationales Renommee.
Von unabhängigen Prüfern, die einst sogar die US-Weltraumbehörde NASA unter die kritische Lupe nahmen, wurde die Jenaer Werkstatt jetzt – als erste überhaupt in Deutschland – nach DIN EN ISO 9001:1994 zertifiziert. Müller setzt auf geprüfte Qualitätsarbeit, die er in jedem Fall sauber und umfassend dokumentiert, so dass nachfolgende Restauratorengenerationen sie im Zweifelsfall noch Schritt für Schritt nachvollziehen können.
Wohl keine Werkstatt arbeitet so zuverlässig und authentisch wie die Günter Müllers; schließlich gibt es bei unwiederbringlichen Unikaten niemals einen zweiten Versuch. Und keine andere garantiert die Reversibilität und Wiederholbarkeit der Restaurierung. Die „Ausschussquote“, selbst in schwierigsten Fällen, liegt in Jena seit Jahrzehnten bei exakt 0. Wie sonst hätte sich Müller etwa an das Chorbuch Friedrichs des Weisen (um 1518), an Luthers Handexemplar des Alten und des Neuen Testaments (1538/40) oder an die Stiftungsurkunde der Jenaer Universität von 1557 herangetraut.
„Es gibt eine ganze Reihe von Werkstätten, die technisch gut ausgerüstet sind“, bemerkt der Experte, „aber entscheidend für die Qualität der Arbeit ist immer der Erfahrungsschatz des Restaurators.“ – Beurteilen will er die Arbeit der Kollegen andernorts nicht, „ohnehin könnte ich derzeit kaum helfen.“
Denn bislang hat sein Team schon mit den historischen Beständen der eigenen Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek alle Hände voll zu tun. Für Fremdaufträge reichen die Werkstattkapazitäten erst, wenn diesen Herbst mit dem Umzug in den Bibliotheksneubau die Arbeitsräume auf knapp 500 qm vergrößert werden. „Der Bedarf ist riesig“, bemerkt Müller, schon mit Blick auf die benachbarte Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar.
Papier hat viele Feinde
Johann Georg Gmelinz’ „Sammlung neuer und merkwürdiger Reisen zu Wasser und zu Lande“ (oben) erschien 1752 in Göttingen. Wasserschäden und Schimmelpilze hätten das wertvolle Buch beinahe vollständig ruiniert.
Tintenfraß, die langsame chemische Zersetzung des Papiers, Schimmelpilze und Mikroben sowie mechanische Einflüsse sind das schleichende Verderben des wertvollen Schriftguts. Säuren, die von Alters her bei der Papierherstellung verwendet wurden oder in den früheren Eisengallustinten enthalten sind, setzen den Autographen am schlimmsten zu: Allmählich wird das Papier fadenscheinig und morsch und zerfällt schließlich zu feinen Bröseln.
Als entscheidend für eine schonende Restaurierung sieht Müller die schnellstmögliche Hilfe an. Leichte und mittlere Schadensfälle beheben die Jenaer Experten zumeist noch mit preiswerten Verfahren, die die Substanz des Papiers intakt lassen.
Dafür haben sie nun eine neue Methode „zur Langzeitstabilisierung von tintenfraßgefährdetem und kontaminiertem Schriftgut“ entwickelt, bei der Handschriften und historische Bücher Blatt für Blatt beidseitig mit einer Spezialgelatine beschichtet werden. Diese zähflüssige Masse zieht in einem behutsamen chemischen Prozess die giftigen Schadstoffe – Schwefelsäure und Eisen-Ionen – aus dem Papier und wird anschließend in einer speziellen Nassbehandlung einfach abgewaschen.
Stützpapier als Skelett
Weil Müller und seine Mitarbeiter die Restaurierung in einer modularen Verfahrensstrecke organisiert und standardisiert haben, schaffen sie größere Mengen in einem Arbeitsgang. Alle Blätter werden in 60 x 48 cm große Spezialkassetten mit Polyester-Vliesstoffen eingelegt, „damit wir sie einfach transportieren können und so wenig wie möglich anfassen müssen“, erläutert er. Eine Schlüsselrolle dabei spielt sein Mitarbeiter Axel Karsten (35), der als Diplom-Ingenieur die Verfahrenstechnik aufgebaut hat und überwacht.
Nur bei hohem Zerstörungsgrad der Archivalien setzen die Jenaer Spezialisten noch das Papierspaltverfahren ein. Dabei kaschieren die Restauratoren die alten Originale Blatt für Blatt beidseitig mit Gelatine-bestrichenen Trägerpapieren und trennen die – technisch gesehen – verfilzte Fasermasse des Papiers in der Mitte auf. Dann kleben sie ein sorgfältig ausgewähltes, hauchdünnes und langfaseriges Stützpapier als Skelett ein und lösen in Spezialbädern die Gelatine wieder ab. Nur der Fachmann erkennt hinterher, dass das Blatt restauriert wurde. Die alte Patina und ursprüngliche Oberflächenstruktur des Papiers, ja selbst Wasserzeichen bleiben erhalten.
Für jedes Buch, für jede Handschrift, manchmal sogar für jedes Blatt innerhalb eines Briefkonvoluts oder einer alten Originalpartitur müssen die Jenaer Experten ein eigenes Konzept entwerfen. Denn in früheren Jahrhunderten stellten Autoren ihre Tinte noch selbst her – mit unterschiedlichen chemischen Zusammensetzungen – und benutzten nur zu oft eben das Papier, das ihnen gerade unter die Finger kam. Auch wasserlösliche Illuminierungen und Farbschnitte, handschriftliche Anmerkungen in einem Druckwerk, etwa in Martin Luthers Handbibel, oder nachträgliche Korrekturen mit anderen Tinten bereiten dem Restaurator einiges Kopfzerbrechen. Günter Müller: „Diese Zimelien kann man nicht fabrikmäßig behandeln.“
Immer Mikroverfilmen
Das „Allerheiligste“ der Alma Mater Jenensis: die Stiftungsurkunde von 1557, mit der Ferdinand I. die Hohe Schule Jena – per Brief und Siegel – zur Universität erklärte. Das pergamentene Schriftstück war in einigen Knickstellen porös und die Eisengallus-Tinte teilweise instabil. Nach der Restaurierung erscheint das wertvolle Dokument wieder in alter Pracht.
Selbst für restaurierte Bücher und Dokumente bleibt aber der schlimmste Feind stets der Benutzer. Schon beim Umblättern bringt er mechanische Spannung aufs Papier und setzt es der Luftfeuchtigkeit aus, fördert also die Zerfallsprozesse. Deshalb plädiert Bibliotheksdirektorin Dr. Sabine Wefers für eine parallele Mikroverfilmung der historischen Bestände. Nur so könne man sie allen Nutzern, auch Studenten, zugänglich machen, die sich für die Texte allein interessieren. Der Umgang mit den historischen Unikaten bleibt indessen wenigen Experten vorbehalten: Forschern, die z. B. anhand der Wasserzeichen im Papier und am Alter der Tinten die Originale exakt zu datieren und spätere Einfügungen oder Korrekturen zu erkennen vermögen. So manche editorische Nuance harrt noch der Entdeckung.
Die originalen Handschriften aus der Feder Schillers, Luthers oder Bachs der Nachwelt zu erhalten, ist also kein konservatorischer Selbstzweck. Nur das Tempo der Restaurierung bereitet den Experten Sorge: Der Bedarf wächst ständig, nicht nur in Jena, auch in der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek, im Marbacher Schiller-Archiv, bei der Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz und anderswo. „Papiere, die heute noch in Ordnung scheinen, können schon in 30 Jahren kurz vor dem Zerfall stehen“, weiß Günter Müller.
Dennoch warnt er vor hektischem Aktionismus. Exzellente Fachleute, die für die Qualität ihrer Arbeit garantieren können, gibt es noch viel zu wenige. Um diese bis zur Meisterschaft auszubilden, braucht es Jahre der Mühe, der Geduld und der Anleitung durch solch erfahrene Koryphäen wie in Jena. wh