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Wirksame Hilfe nach dem Schlaganfall

Taubsche Trainingstherapie macht Patienten mobil

Die Lähmung nach einem Schlaganfall ist kein unabänderliches Schicksal. Noch lange nach dem Ereignis lernen Patienten wieder, „mit den Muskeln zu spielen“. Dank des Taubschen Bewegungstrainings, das Jenaer Psychologen um Prof. Dr. Wolfgang H. R. Miltner gemeinsam mit amerikanischen Kollegen entwickelt haben, kehrt Leben zurück in die matten Gliedmaßen. Rund die Hälfte der Schlaganfallopfer in Deutschland hält Miltner noch für therapierbar – selbst Jahre nach dem Ereignis. Die Behandlungsmethode samt ihren wissenschaftlichen Grundlagen haben er und seine Mitstreiter Mitte Juli bei einem Fachkongress in Birmingham/Alabama (USA) ausführlich vorgestellt – mit euphorischer Resonanz in Medien und Fachkreisen. Seit kurzem liegt auch ein Therapie-Handbuch für das Taubsche Bewegungstraining in deutscher Sprache vor.

Nach einem Schlaganfall sind ja keineswegs die Muskeln und Sehnen geschädigt, sondern die Steuerungs- und Empfindungszentrale im Gehirn“, erklärt Professor Wolfgang H. R. Miltner. Natürlich können die Wissenschaftler einmal abgestorbene Gehirnareale nicht wieder zum Leben erwecken, aber ihr Trainingsprogramm sorgt dafür, dass deren Funktionen teilweise von benachbarten Gehirnregionen mit übernommen werden.
Älteste Patientin mit 84 Jahren
Dahinter steckt die Erkenntnis, dass sich unser Gehirn über die gesamte Lebensspanne hinweg in dynamischen Lernprozessen befindet. Neurowissenschaftler sprechen von der „Plastizität“ des Gehirns. Rund 100 Kranke hat Miltners Team allein in Jena therapiert. „Unsere beste Patientin war 84 Jahre alt und kam 17 Jahre nach dem Ereignis zu uns“, berichtet der Psychologe stolz, „anfangs hat sie ihren Arm überhaupt nicht benutzt, durch die Therapie bei uns hat sie wieder einen beinahe normalen Zustand erreicht.“
Dr. Heike Bauder demonstriert eine Übung aus dem Taubschen Training: Den gesunden Arm in der Schlinge, muss der Patient mit dem kranken Muttern auf Schrauben drehen. Inzwischen hat Bauder das Jenaer Institut verlassen.
Zuerst behandelten die Wissenschaftler nur relativ leichte Fälle, inzwischen helfen sie auch Schlaganfall-Geschädigten mit schweren Einschränkungen. „Entscheidend ist, dass noch eine geringe Restbewegungsfähigkeit in der betroffenen Hand vorhanden ist“, weiß Miltner. Wer vor dem Training zumindest unter Mühen noch seine Fingern leicht bewegen kann, bewältigt hinterher teilweise auch anspruchsvolle motorische Aufgaben: etwa den Schraubverschluss einer Flasche zu öffnen oder die Knöpfe am Hemd zu schließen.
Seit Herbst 1995 haben Miltner und seine Mitarbeiter im Auftrag des Kuratoriums ZNS das Behandlungsprogramm für Schlaganfallpatienten in Deutschland adaptiert, wesentlich erweitert und auch das Wirkprinzip analysiert. „Der Erfolg des Taubschen Bewegungstrainings ist nachweisbar“, erläutert der Psychologe. „Mit Hilfe bildgebender Verfahren, wie etwa der funktionellen Magnetresonanztomographie, können wir sehen, wie sich allmählich die aktiven Areale im Gehirn vergrößern.“
Das geschieht in unmittelbarer Nachbarschaft des geschädigten Bereichs, manchmal auch zusätzlich in gegenüberliegenden Regionen. Grundsätzlich gilt die einfache Regel: Je komplexer die Bewegungsabläufe, desto größer ihre Repräsentationsebene im Gehirn. Ein Geiger hat zum Beispiel für seine Griffhand ein relativ großes Gehirnareal präsent. Diese neuronale Ausstattung haben Virtuosen aber nicht von Geburt an, sondern im Laufe eines jahrelangen mühsamen Trainings erworben.
Nach diesem Prinzip arbeiten auch die Jenaer Klinischen Psychologen bei ihrem Bewegungstraining: Ihre Schlaganfall-Patienten müssen den gesunden Arm festgebunden in einer Schlinge tragen und mit dem kranken über eine Woche hinweg Tag für Tag von morgens bis abends ein grob- und feinmotorisches Training absolvieren, bis sie große und kleine Schrauben in Gewinde drehen oder – ein Kinderspiel – winzige farbige Pins in ein Lochbrett stecken können.
Training als heilsame „Folter“
Bei diesem massiven Training bilden sich um das abgestorbene Gehirnareal neue Neuronenverschaltungen heraus. „Unser Training ist für manchen Patienten sicher eine Art Folter“, gesteht Miltner, „aber die Ergebnisse rechtfertigen alle Anstrengungen.“
Für jeden Bewegungsablauf lassen sich genau die „zuständigen“ Repräsentationsebenen im Gehirn ausmachen. Dabei ist das Organ bis ins hohe Alter in der Lage zu lernen, das heißt: die Steuerung von Bewegungen neu zu adaptieren, zu verfeinern oder umzuorganisieren.
Der logische nächste Schritt wäre die Einrichtung eines Rehabilitationszentrums an der Friedrich-Schiller-Universität. „Der Antrag dafür befindet sich seit Wochen beim Ministerium“, so Miltner, „und dort mahlen die Mühlen offensichtlich langsam.“ Sein amerikanischer Forschungspartner Prof. Edward Taub, der in den 70-er Jahren in Tierversuchen an Affen die experimentellen Grundlagen entdeckte und 1993 ein erstes Trainingskonzept entwarf, war da schneller: An seiner Heimatuniversität in Birmingham/Alabama (USA) gründete er nun eine entsprechende Therapieeinrichtung. „Binnen zweier Wochen war die Entscheidung getroffen und die Finanzierung gesichert“, erzählt Prof. Miltner. „Schön zu sehen, wie diese neuen Ideen wenigstens in Amerika auf fruchtbaren Boden fallen.“
Bedenkliche Arbeitssituation
Überhaupt kommentiert der Jenaer Wissenschaftler seine Arbeitsbedingungen in Deutschland fast nur noch sarkastisch. „Wir könnten viel schneller vorankommen, wenn wir nicht diese grotesken Nachwuchsprobleme hätten.“ Mehrere seiner Mitarbeiter haben inzwischen das Institut verlassen und erheblich besser bezahlte Jobs in der klinischen Praxis angetreten. Neue Forschungsprogramme für die Arbeit mit hirnverletzten Kindern und – nach Schlaganfall – sprachgestörten Patienten sind zwar offiziell genehmigt, liegen aber weitgehend brach, weil die Mitarbeiter fehlen.
Schematische Darstellung der Repräsentationsebenen im Gehirn für die einzelnen Finger einer Hand. Das Bild rechts zeigt, wie nach einer Fingeramputation das „frei gewordene“ Areal (auf dem linken Bild gelb) von den übrigen in Beschlag genommen wird.
Grafiken (3): Miltner
Der größte Hemmschuh für die Wissenschaft ist offenbar der unattraktive Bundesangestelltentarif(BAT)-Ost. „Wir wüssten auch gern, ob unseren Patienten nicht schon in der subakuten Phase direkt nach dem Ereignis noch besser zu helfen wäre als erst Monate oder Jahre später und wie man den Trainingserfolg mit Medikamenten unterstützen kann“, klagt Miltner. Aber auch für diese Forschung fehlt ihm derzeit das Personal. wh

Literatur: Heike Bauder, Edward Taub, Wolfgang H. R. Miltner: Behandlung motorischer Störungen nach Schlaganfall. Die Taubsche Bewegungsinduktionstherapie. Hogrefe-Verlag. Göttingen 2001.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Wolfgang H. R. Miltner Tel.: 03641/945141 Fax: 945142 E-Mail: miltner@biopsy.uni-jena.de