Eckardt Mesch erinnert an Hans Leisegang

Eckardt Mesch: Hans Leisegang – Leben und Werk. Collegium Europaeum Jenense. Verlag Palm und Enke. Erlangen, Jena 1999. 295 S. 26 DM.

Das CEJ hat eine Biographie des Philosophen Hans Leisegang veröffentlicht, der man viele Leser wünschen möchte. Autor ist Eckardt Mesch, nach 1945 Schüler Leisegangs in Jena, dann bis 1955 Assistent an der FSU, wenig später in den Westen übersiedelt und 1987 als Studiendirektor in den Ruhestand getreten. Über seine Erinnerungen hinaus wertet Mesch detailliert Archivmaterialien aus und führt in das philosophische Denken und die Hauptwerke Leisegangs ein.

Hans Leisegang, 1890 in Blankenburg geboren, war Schüler von Dilthey und Husserl. Zunächst mit religionsphilosophischen Arbeiten und Studien zum hellenistischen Denken hervorgetreten – sein Buch über die Gnosis gilt noch heute als ein Standardwerk –, wandte er sich in den 20er Jahren der Analyse von Denkformen zu, auf deren Grundlage er Bücher über Luther, Goethe, Lessing, Dante u. a. vorlegte. 1930 wurde er Nachfolger von Max Wundt in Jena. Eine abfällige Bemerkung über Hitler bei der Übertragung der Trauerfeierlichkeiten für Hindenburg auf dem Jenaer Marktplatz führte 1934 zu einer Verurteilung zu sechs Monaten Gefängnis. Seines Amtes enthoben, studierte er Physik und war anschließend in der Industrie tätig. Erst am 1.12.1945 wurde er wieder in sein Professorenamt eingesetzt. Volle Hörsäle zeugten zwar von Klasse, doch sein Bekenntnis: "Die Universität darf unter keinen Umständen ein Priesterseminar oder eine Funktionärsschule werden", legte fehlendes Klassenbewusstsein an den Tag: Im Oktober 1948 wurde er gegen den Widerstand von Kollegen und Studenten von der Universität entfernt. Bis zu seinem Tode im Jahr 1951 lehrte Leisegang an der FU Berlin.

Obgleich keine strikt wissenschaftliche Biographie, ist Meschs Buch in mehrfacher Hinsicht verdienstvoll: Erstens rehabilitiert es Leisegang, vor allem auch gegenüber seiner Behandlung in der Universitätsgeschichtsschreibung zu DDR-Zeiten. Man lese einmal die Darstellungen in der "Geschichte der Universität Jena" oder bei Steiger und vergleiche sie mit den von Mesch referierten Sachverhalten und präsentierten Dokumenten! Zweitens ist es verdienstvoll, dass die Biographie im Nachzeichnen der "doppelten Diktaturerfahrung", von der Herbert Gottwald im Geleitwort spricht, das Leben unter totalitärer Herrschaft nachvollziehbar erzählt. Leisegang war "kein Widerstandskämpfer. Er war Gelehrter". Doch gerade als solcher war er nicht gleichschaltbar. Ob er die Unabhängigkeit der Universität vor Zugriffen aus Politik und Zeitgeist oder die Deutsche Klassik bzw. den Deutschen Idealismus gegen theologische Vorwürfe der "Selbstherrlichkeit" verteidigt – Leisegang steht für eine Gerechtigkeit im Denken ein, mit der totalitäre Systeme nur durch Beseitigung fertig werden können. Drittens mag das Buch dazu beitragen, Leisegangs Denken für Gegenwartsfragen neu zu erschließen. Wenn man auch gerade in dieser Hinsicht einen wissenschaftlichen Apparat vermisst, erzeugen doch die Einführungen in Leisegangs Werke Geschmack nach mehr – für den Rezensenten etwa hinsichtlich der Denkformen- und Weltanschauungsanalyse und ihre Relevanz in der Zeit nach dem "Ende der Ideologien" oder hinsichtlich der Schriften zur Ethik der Politik.

Im Anhang sind Leisegangs Aufzeichnungen im Gefängnis, seine Verteidigung im Dienststrafverfahren 1935, ein gnadenloser Verriss einer sowjetischen Befragung zu seiner Weltanschauung, die eine philosophische Demontage Friedrich Engels’ enthält, sowie ein Bericht über seine Unterredung mit Frau Minister Dr. Torhorst wiedergegeben. Klaus Dicke

 

"Fünfundsiebzig"

Dass exzellente Hochschullehrer durch das Andenken der Schüler auch weit über die Emeritierung hinaus an ihrer Alma Mater ideell präsent bleiben, gehört seit jeher zur akademischen Tradition. Die Qualität ihrer Lehrtätigkeit wird dann nicht selten retrospektiv am Format der einstigen, inzwischen längst ,flügge’ gewordenen Schützlinge bemessen, was üblicherweise diese wiederum als Festschriftautoren zu runden Ehrentagen zu dokumentieren trachten. Insofern muss Prof. em. Dr. Heinz Mettke ein vorzüglicher Lehrmeister gewesen sein; zu der für ihn von Jens Haustein, Eckhard Meineke und Norbert Richard Wolf edierten Geburtstagsgabe "Septuaginta quinque" hat beigetragen, wer in der (Jenaer) Mediävistik Rang und Namen hat.

Mettkes ehemalige Schüler und Kollegen spannen in 23 Fachbeiträgen ein sprach- und literaturwissenschaftliches Panorama des Mittelalters und der Frühneuzeit auf, das nicht nur dem zu Ehrenden zur Ehre gereicht. Der, dem dieses gewichtige Buch gewidmet ist, war von 1951 bis 1990 an der Friedrich-Schiller-Universität tätig. Unmöglich, auf kurzem Raum seine Leistungen Revue passieren zu lassen; nur soviel: 27 Nachwuchswissenschaftlern war Mettke ein guter Doktorvater. Und nicht zuletzt danken es die Gratulanten der Kraft seiner Persönlichkeit und seinem Format als Wissenschaftler, "dass die germanistische Mediävistik, die in den sechziger Jahren in der DDR weithin zerschlagen wurde, in Jena lebendig blieb" (Vorwort). Bis heute. Die lohnenswerte "Septuaginta quinque" ist im Universitätsverlag C. Winter Heidelberg erschienen. wh