Auf der Schwelle zum 3. Millennium: Hoffnung und Elend der Moderne

von Jürgen Moltmann

Der emeritierte Tübinger Systematische Theologe Prof. Dr. Dr. h. c. Jürgen Moltmann hielt diesen Vortrag am 13. Januar auf Einladung der Theologischen Fakultät. Das Uni-Journal publiziert eine stark gekürzte Fassung der Rede.

Foto: Günther

Die Zukunft im 21. Jahrhundert wird durch das 19. und das 20. Jahrhundert bestimmt. Diese zwei Zeitalter, die keineswegs vergangen sind, stellen uns in ungeheure Widersprüche. Da ist das 19. Jahrhundert: Zeitalter der phantastischen Fortschritte auf allen Lebensgebieten, Zeitalter der Entdeckungen und Eroberungen und hier ist das 20. Jahrhundert: Zeitalter der unvergleichbaren Katastrophen und der unvorstellbaren Menschheitsverbrechen der fortschrittlichen Westlichen und Modernen Welt gelten. Beide Zeitalter sind heute präsent: der Fortschritt und die Abgründe. Was einmal möglich wurde, verschwindet nicht wieder aus der Wirklichkeit, sondern bleibt in ihr. Wir globalisieren heute die Fortschrittswelt des 19. Jahrhunderts und zugleich stehen alle Mittel zur "Endlösung" der Menschheitsfrage durch Massenvernichtungen, die im 20. Jahrhundert entwickelt und angewendet wurden, bereit.

Wenn es eine Zukunft geben soll, für die zu arbeiten und zu leben es sich lohnt, wird es eine Welt sein, die über den allgegenwärtigen Abgründen der Vernichtungen gebaut werden muss. Ohne Versöhnung über den Massengräbern des 20. Jahrhunderts gibt es keine alternative Zukunft des Lebens im 21. Jahrhundert.

Die moderne Welt hat vor der Zeit der Aufklärung wenigstens zwei signifikante Ursprünge: 1. die conquista, die Entdeckung und Eroberung Amerikas seit 1492, 2. die wissenschaftlich-technische Machtergreifung der Menschen über die Natur.

1492 wurde der Grundstein zu jener "neuen Weltordnung" gelegt, die noch heute besteht. Mit der Eroberung Amerikas wurde Europa aus einem weltpolitisch peripheren Dasein ins Zentrum der Welt gerückt. 1492 begann die Machtergreifung der Europäer über die Kontinente und Völker. Das war nach Hegel die Geburtsstunde der modernen Welt. Vorher waren die europäischen Mächte im Weltvergleich belanglos. Spanier und Portugiesen, dann Engländer, Holländer und Franzosen haben je für sich Amerika "entdeckt"; in Besitz genommen und nach dem Willen der Eroberer gestaltet. Das eigene Leben und die eigenen Kulturen der Azteken, Mayas und Inkas wurde bis heute nicht wahrgenommen, sondern als das Fremde unterdrückt und dem Eigenen zum Opfer gebracht.

Die wissenschaftlich-technische Machtergreifung über die Natur ist der andere Grundstein der neuen Weltordnung. In jedem Jahrhundert zwischen Nikolaus Kopernikus und Isaac Newton "entzauberten" (Max Weber) die neuen empirischen Wissenschaften die Natur und nahmen ihr das göttliche Geheimnis, das bis dahin als "Weltseele" verehrt wurde. Damit fielen die Tabus der Ehrfurcht vor "Mutter Erde" und dem "großen Leben". Naturwissenschaftliche Vernunft wurde seitdem zur "instrumentellen Vernunft" (Max Horkheimer), d. h. zur Vernunft mit dem erkenntnisleitenden Interesse an Macht und Nutzen. Sie verdrängte die antike Vorstellung von der Vernunft als einem "vernehmenden Organ" und der phronesis, die Wissenschaft mit Weisheit verbindet. Nach Immanuel Kants Rationalisierung der naturwissenschaftlichen Vernunft "sieht" die Vernunft nur noch das "ein, was sie selbst nach ihrem eigenen Entwurf hervorbringt", indem sie "die Natur nötigt, auf ihre Fragen zu antworten". "Wissen ist Macht" und naturwissenschaftliches Wissen ist Macht zuerst über die Natur, dann über das Leben, heute über die Zukunft. Aus Naturwissenschaft und Technik gewann Europa jenes Verfügungswissen, um aus den Ressourcen der kolonisierten Welten seine weltumspannende Zivilisation aufzubauen.

Welche Hoffnungen motivierten die europäische Entdeckung der Welt? Es war die Vision der "neuen Welt". Kolumbus suchte offenbar sowohl den Gottesgarten Eden wie die Goldstadt Eldorado. Das Gold sollte nicht nur der persönlichen Bereicherung dienen, sondern auch, wie sein Tagebuch sagt, der Rückeroberung Jerusalems. Denn nach Joachim von Fiores Weissagung wird "aus Spanien kommen, der die Arche nach Zion zurückbringen wird". Warum ausgerechnet Jerusalem? Weil die heilige Stadt die Hauptstadt des tausendjährigen Reiches Christi sein soll, mit dem die Weltgeschichte vollendet wird. Und warum die Spanier? Nach der Politischen Theologie der spanischen Staatstheologen, der sog. Quintomonarchianer, ist die christliche Weltmonarchie nichts geringeres als die "fünfte Monarchie", die nach Daniel 7 die vier bestialischen Weltmonarchien, zuletzt die römische, ablösen wird. Nach dem "Messianismus in den iberischen Kulturen" wird diese Christliche Weltmonarchie bis ans Ende der Geschichte dauern. Sie ist die "neue Weltordnung", wie die Spanier lange vor der Gründung der USA sagten. Das ist im messianischen Sinne "Die Neue Welt".

Welche Hoffnungen motivierten die moderne Zivilisation in der "alten Welt"? Es war und ist die Vision der "Neuzeit". Der mobilisierende und orientierende Deutungsrahmen für den Aufstieg Europas zur Weltherrschaft ist in zwei Symbolen der Zukunftshoffnung zu erkennen: 1. der Erwartung einer Vollendung der Geschichte im "tausendjährigen Reich", in welchem Christus mit Seinen herrschen und die Völker richten wird, 2. in der Erwartung einer Vollendung der Geschichte im "Dritten Reich" des Geistes, welches nach der Prophetie Joachim von Fiores das Reich des Vaters und das Reich des Sohnes ablösen und vollenden soll. Beide Geschichtserwartungen nennt man "chiliastisch" oder "millennaristisch", ihre Motivierung der Gegenwart "messianisch". Es ist ihnen gemeinsam, dass dort, wo sie wirksam werden, nicht mehr die Vergangenheit über die Gegenwart herrscht wie in den traditionellen Gesellschaften, sondern die Zukunft die Priorität in der Zeiterfahrung erhält. Damit wird die "moderne Gesellschaft" geboren. Beiden gemeinsam ist ferner, dass sie die Vollendung der Geschichte in einer geschichtlichen Zukunft sehen, nicht in einer Katastrophe, die Geschichte abbricht. Das Ende ist telos, nicht finis. Damit wird die Vergangenheit zum "Prolog der Zukunft" und die Zeiten lassen sich auf ihre Vollendung hin in Stufen oder Fortschritten gliedern.

Seit dem 17. Jahrhundert gingen Wellen chiliastischer, messianischer und apokalyptischer Hoffnungen durch Europa. Solche Enderwartungen hat es im Christentum immer gegeben. Mit dem Beginn der Moderne im 17. Jahrhundert aber entsteht die neue Zeitansage: Jetzt ist die Zeit der Erfüllung gekommen, heute kann diese Hoffnung verwirklicht werden. Nach "Altertum" und "Mittelalter" beginnt jetzt "die Neuzeit", das ist die Vollendungszeit.

Das 19. Jahrhundert, das nach den markanten Zäsuren in Europa 1789 begann und 1914 endete, war ein Zeitalter der Anfänge, der Utopien und der Revolutionen. Was früher nur erhofft werden konnte, sollte jetzt "verwirklicht" werden. Zum ersten Mal sah man die Alternativen zum bestehenden schlechten Zustand der Welt nicht im Jenseits, sondern im zukünftigen Diesseits, nicht in einer anderen Welt, sondern in den realen Veränderungen dieser Welt.

Aus der französischen Revolution entstand die demokratische Vision der Volkssouveränität auf der Basis der Menschen- und Bürgerrechte und das große Versprechen: "Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit" (die "Schwesterlichkeit" musste später hinzugefügt werden).

Aus England kam die industrielle Revolution, Schwester der demokratischen Revolution, mit dem Versprechen allgemeinen Wohlstands und des größten Glücks für die größtmögliche Zahl von Menschen. Die sozialistische Revolution sollte die demokratische Revolution durch die "klassenlose Gesellschaft" im "Reich der Freiheit" vollenden, das sich auf dem industriellen "Reich der Notwendigkeit" aufbaut.

Das Fortschrittsbewusstsein, durch immer neue wissenschaftliche Entdeckungen und technische Erfindungen beflügelt, vertraute auf einen Anfang ohne Ende. Große Geschichtstheorien, wie die von Auguste Comte, Hegel und Marx, stellten die geschichtlichen Fortschritte in das Licht der Wertvollendung, während die europäischen Großmächte sich den Rest der Welt in ihren Kolonialreichen aufteilten, sich mit der bösen Absicht, die Welt zu beherrschen, aber auch mit der guten Absicht, der Erziehung und Entwicklung der rückständigen, unterentwickelten Menschheit zu dienen. Die Signatur des ganzen 19. Jahrhunderts waren Fortschritt und Evolution, Wachstum und Expansion, Utopien und Revolutionen der Hoffnung.

Eines der bewegendsten Symbole für den Umschlag vom hoffnungsvollen Fortschritt zu den grauenhaften Katastrophen der modernen Welt stammt von Walter Benjamin. Es ist sein Engel der Geschichte: "Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen, und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradies her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das was wir Fortschritt nennen, ist dieser Sturm" (Illuminationen).

Wo finden wir diese "Trümmer auf Trümmer", die unser Fortschritt in der Geschichte hinterlassen hat? 1. Die schöne messianische Oberseite der europäischen Geschichte hat ihre hässliche apokalyptische Unterseite. Der siegreiche Fortschritt der europäischen Völker im 19. Jahrhundert hat zum verlustreichen Rückschritt der anderen Völker geführt. Die Moderne Welt ist nur zu einem Drittel die moderne Erste Welt, zu zwei Dritteln ist sie die moderne Dritte Welt. Die "Neuzeit" hat beide produziert, die Moderne und die Submoderne, wie ich sie nennen möchte. Für die unterdrückten, lange Zeit versklavten, in jedem Fall ausgebeuteten Völker der Dritten Welt ist der Messianismus der europäischen Neuzeit nie etwas anderes gewesen als die Apokalypse ihrer Vernichtung.

2. Nicht viel anders ist es der Natur der Erde ergangen. Der Beginn der modernen Industriegesellschaft war auch der Anfang vom "Ende der Natur". Die Ausbreitung der wissenschaftlich-technischen Zivilisation wie wir sie bisher kennen, hat zur Ausrottung von immer mehr Arten von Pflanzen und Tieren geführt. Es handelt sich nicht nur um eine Krise der natürlichen Umwelt, sondern auch um eine Krise der industriellen Welt selbst. Die Zerstörung der Natur gründet in einem gestörten Verhältnis der modernen Menschen zur Natur: Es ist nicht möglich, sich zum Herrn und Eigentümer der Natur zu machen, wenn man selbst nur ein "Teil der Natur" und auf diese angewiesen ist.

3. Im 1. Weltkrieg 1914-1918 zerstörten sich die europäischen, christlichen Großmächte gegenseitig. Es war ein Vernichtungskrieg ohne erkennbare Kriegsziele auf irgendeiner Seite. Der Vernichtungsgedanke beherrschte das militärische Denken, nicht die Hoffnung auf den Sieg. Am Ende gab es über 600 000 Tote und fast keine Geländegewinne oder -verluste. "In Europa gehen die Lichter aus", soll Lloyd George in London 1914 gesagt haben. Damit gingen auch die Lichter der Aufklärung und des glorreichen Fortschritts in eine bessere Welt aus. Es war, als ob sich der Fortschritt gegen sich selbst gekehrt habe und seine eigenen Kinder auffraß. Was wir im 20. Jahrhundert erlitten haben und erleiden, ist Apokalypse ohne Hoffnung, Vernichtung ohne Rechtfertigung, pure Lust an Folter, Vergewaltigung und Mord. Der "Untergang des Abendlandes" wurde in Europa mit dem Trieb zur Selbstzerstörung betrieben. Das vernichtende Nichts feierte Triumphe im Nihilismus dieses Jahrhunderts. Das Zeitalter, das 1914 begann und dessen Ende wir nicht kennen, wurde zur "age of anxiety" (W. D. Auden).

Der 2. Weltkrieg 1939-1945 setzte das nihilistische Vernichtungswerk der modernen Welt fort. Getarnt unter den missbrauchten Hoffnungssymbolen vom "Dritten" oder "Tausendjährigen Reich" wurde in Deutschland die "Endlösung der Judenfrage" in Auschwitz betrieben und die so genannten "Ostvölker" durch Arbeit und Hunger ausgerottet. Es begannen die Völkervertreibungen, denen Millionen zum Opfer fielen. Japan wurde im August 1945 mit zwei Atombomben, die Hunderttausende auf der Stelle töteten, bestraft.

Das 20. Jahrhundert hat keine neuen Ideen, Visionen oder Utopien in die Welt gebracht, die der Geschichte einen Sinn geben könnten. Die Leichenfelder der Geschichte verbieten jede Sinngebung und jede Theodizee, jede Fortschrittsideologie und jede Globalisierungslust. Der Fortschritt hat in diesem Jahrhundert Trümmer und Opfer zurückgelassen und keine geschichtliche Zukunft macht diese Leiden wieder gut. Keine bessere Zukunft kann uns versichern, dass ihre Leiden "nicht umsonst" gewesen sind. Eine totale Sinnunfähigkeit angesichts der Geschichte ist im 20. Jahrhundert an die Stelle der Zukunftsgläubigkeit des 19. Jahrhunderts getreten.

Ich nenne die Hoffnungen, die in die Zukunft des nächsten Jahrtausends weisen, Brücken in die Zukunft, weil sie über den Abgründen der Vernichtung gebaut werden müssen, die wir im 20. Jahrhundert erfahren haben.

Ich möchte noch einmal auf Walter Benjamins "Engel der Geschichte" zurückkommen. Er sieht vor sich in der Vergangenheit "Trümmer auf Trümmer" sich häufen, der "Trümmerhaufen" der Geschichte wächst vor seinen weit aufgerissenen Augen zum Himmel. Es ist erstarrt, denn der "Sturm vom Paradies her" hat sich in seinen Flügeln verfangen, so dass er sie nicht mehr schließen kann. Was aber wollte dieser Engel eigentlich tun? Wozu ist er gesandt? "Er möchte verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen". Das aber kann er nicht, so lange sich jener Sturm in seinen Flügeln verfangen hat. Dieser "Sturm" ist, "was wir Fortschritt nennen", sagt Benjamin. Im Umkehrschluss gesprochen: Wenn wir diesen Sturm umkehren könnten und vom Wind des Fortschritts ablassen könnten, dann könnte der Engel die Toten erwecken und das Zerschlagene zusammenfügen.

"Die Toten erwecken und das Zerschlagene zusammenfügen", das ist eine Zukunftshoffnung für die Vergangenheit. Es gibt keine geschichtliche Zukunft, in der das geschehen könnte. Es muss eine Zukunft für die ganze Geschichte sein und darin eine transzendente Begründung haben. Denn sterbliche Menschen werden die Toten nicht erwecken und die es zerschlagen haben, werden das Zerschlagene nicht zusammenfügen können. Keine menschliche Zukunft kann die Verbrechen der Vergangenheit "wieder gut machen". Um aber mit dieser Vergangenheit der Trümmer und der Opfer leben zu können, ohne sie zu verdrängen und ohne sie wiederholen zu müssen, brauchen wir diese transzendente Hoffnung der Totenauferweckung und der Heilung des Zerschlagenen. Auf Grund der Auferweckung des zerschlagenen Christus ist christliche Zukunftshoffnung im Kern Auferstehungshoffnung. Ohne Hoffnung für die Vergangenheit gibt es keine Hoffnung für die Zukunft, denn was wird, das vergeht, was geboren wird, das stirbt und was noch nicht ist, wird einmal nicht mehr sein. Auferstehungshoffnung ist nicht auf eine Zukunft in der Geschichte ausgerichtet, sondern auf die Zukunft für die Geschichte, in der die tragischen Dimensionen der Geschichte und der Natur aufgelöst werden.

Wird die Zukunft der Geschichte durch Auferweckung der Toten bestimmt, dann begegnet uns in ihr aber auch unsere eigene Vergangenheit. Unter den Toten begegnen uns auch die Gefallenen, Vergasten, Ermordeten und "Verschwundenen": Die Toten von Verdun, Auschwitz, Stalingrad und Hiroshima erwarten uns.

Nur wer sich erinnert, kann dieser Zukunft ins Auge sehen, die "Auferweckung der Toten" heißt. Und nur wer in diese Zukunft blickt, vermag sich der Vergangenen wirklich zu erinnern und in ihrer Gegenwart zu leben. "Die Toten sind tot, aber wir wecken sie auf", sagte Leopold von Ranke vom Historiker. Der Sturmwind, den wir "Fortschritt" nennen, bläst, wenn wir Benjamin mit Hesekiel vergleichen, in die entgegengesetzte Richtung. Er bläst "vom Paradies", sagt Benjamin, d. h. er vertreibt die Menschen immer weiter aus ihrer ursprünglichen Heimat. Der Auferweckungssturm bläst nicht von der Vergangenheit in die Zukunft, sondern von der Zukunft in die Vergangenheit und bringt das Unwiederbringliche wieder: die Toten, und heilt das unheilbar Zerschlagene: die Trümmer.

Wie verhalten sich diese beiden Stürme "Fortschritt" und "Auferweckung" zueinander? Wie lässt sich die transzendente Hoffnung auf Gott mit den immanenten Hoffnungen von Menschen verbinden? Ich glaube: im Gegensinn. Weil und sofern die Auferstehungshoffnung Zukunft für die Vergangenen sieht, gewinnen die Gegenwärtigen Mut zur Zukunft. Weil es die große Hoffnung auf Überwindung des Todes und der vergänglichen Zeit gibt, gewinnen unsere kleinen Hoffnungen auf zukünftige bessere Zeiten an Kraft und fallen nicht der Resignation und dem Zynismus anheim. Mitten im Zeitalter der Angst hoffen wir "dennoch" und geben uns nicht auf. Wir gewinnen "Mut zum Dasein" dem Nichtsein zum Trotz, wie es Paul Tillich treffend formuliert hat. Unsere begrenzten menschlichen Zukunftshoffnungen werden dann zu einer Reaktion auf die göttliche Zukunft für die Vergangenen.