Unterkiefer gehörte Homo erectus

Neufund bestätigt Taxonomie des Bilzingsleben-Menschen

Den neuen Unterkiefer von Bilzingsleben fand Prof. Mania am 10.11.1999. Inzwischen liegt ein anatomisches Gutachten des Prager Pa-läoanthropologen Emanuel Vlcek vor.

Foto: Mania

Den rechten Unterkieferast eines rund 370 000 Jahre alten Frühmenschen haben Wissenschaftler der Universität Jena in der Nähe des kleinen Ortes Bilzingsleben (Kreis Sömmerda) ausgegraben. Nachdem der bemerkenswerte Fossilfund durch den Prager Paläoanthropologie-Professor Emanuel Vlcek begutachtet und taxonomisch bestimmt wurde, stellte ihn der Jenaer Prof. Dr. Dietrich Mania, Leiter der Forschungsstelle Bilzingsleben, in einem wissenschaftlichen Symposium am 10. Februar der Öffentlichkeit vor. "Wir können den Unterkiefer eindeutig dem Homo erectus bilzingslebensis zuordnen", so Mania, "er passt in seiner Anatomie genau zu dem Kontext der bisher freigelegten hominiden Schädelfragmente aus Bilzingsleben."

Das leider zahnlose Fundstück E7 mit 31 mm Höhe und 81,5 mm Länge ist durch Zertrümmerung des Unterkiefers entstanden und am oberen Rand abgebrochen; auch die Kinnregion fehlt. Dennoch lassen die morphologischen Strukturen schlüssige Vergleiche mit anderen frühmenschlichen Funden in China und Kenia zu. So stellte Vlcek die beste Analogie zu den grazilen Kieferformen eines weiblichen Sinanthropus fest, einem frühen Homo erectus aus China. Der Bilzingslebener Urmensch hatte einen sehr breiten, aufsteigenden Kieferast mit einem nur geringen Zwischenraum zum letzten Backenzahn. Auch dieses Merkmal weist auf Homo erectus hin, es ist hingegen für archaische Formen unseres Urahns, des Homo sapiens, untypisch.

Insofern sehen sich Mania und Vlcek durch den Neufund in ihrer taxonomischen Einordung des Bilzingslebener Urmenschen auf der Basis früherer Funde bestätigt. Insgesamt 28 Knochenfragmente, die zwei Individuen zugeordnet werden, ergeben in der Schädelrekonstruktion das eindeutige Bild einer erectoiden Form. "Die Beweiskette ist durch den Bilzingslebener Unterkiefer, der sicher einem dritten Individuum gehörte, nun erheblich dichter", erläutert Mania.

Als Forschungsstelle von Weltrang stufen internationale Anthropologen den Bilzingslebener Travertinsteinbruch allerdings nicht aufgrund der hominiden Fossilien ein, sondern wegen des einzigartigen Kontextes der Komplexfundstätte. In 30-jähriger Arbeit haben Prof. Dietrich Mania und sein kleines Team eine urmenschliche Siedlung und rund sechs Tonnen Fundmaterial geborgen (vgl. Uni-Journal Jena, Februar-Ausgabe). wh

 

Bildung und Zerfall des Urkontinents

Tagung zum internationalen Tiefseebohrprogramm an der Uni Jena

Prof. Viereck-Götte versammelte erstmals Tiefseebohr-Experten aus aller Welt an der Uni Jena.

Foto: Günther

Erdinnerer Vulkanismus hat den Ur-Kontinent Pangaea seit 200 Millionen Jahren aufgesprengt und so zum Entstehen der heutigen Kontinente geführt. Diese geowissenschaftliche Theorie wird entscheidend durch neuere Bohrungen gestützt. Der andauernde Prozess der Bildung und des Zerfalls von Superkontinenten ist daher auch eines der zentralen Themen des diesjährigen Kolloquiums zum internationalen Tiefseebohrprogramm ODP (Ocean Drilling Program) gewesen. Die Tagung fand vom 23.-25. Februar erstmals am Institut für Geowissenschaften der Universität Jena statt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat für die begleitende Forschung ein Schwerpunktprogramm eingerichtet, an dem sich rund 200 Wissenschaftler beteiligen, die fast ausnahmslos in Jena erschienen waren.

Das Tiefseebohrprogramm und sein Vorläufer sind ein unverzichtbarer Bestandteil der geowissenschaftlichen Erkundung der Erde geworden. Bei den Bohrungen werden einerseits Proben des Meeresbodens gewonnen und andererseits in den Bohrlöchern mit Messungen die physikalischen und chemischen Eigenschaften des Meeresbodens erfasst.

Gerade in diesem Bereich der chemischen Analyse von magmatischem Gestein arbeitet auch Prof. Dr. Lothar Viereck-Götte, der die Jenaer Tagung koordiniert hat. Der Jenaer Geochemiker, der bereits 1985 an einer solchen Tiefseebohrkampagne teilgenommen hat, ist Spezialist für die so genannten Plateau-Basalte. Diese Schichtfolgen erkalteten Lavagesteins mit unvorstellbaren Volumina waren zunächst nur auf den Kontinenten bekannt. Die Tiefseebohrungen zeigen aber, dass sie ebenfalls unter Wasser an den Rändern der Kontinente und in den Ozeanen auftreten. Die Entstehung dieser Vorkommen erklärt man sich so, erläutert Prof. Viereck-Götte, dass das heiße, aber feste Magma aus dem Erdinneren aufsteigt und unter die Lithosphäre die kalte äußere Haut der Erde stößt. "An den Stellen, an denen diese Basalte nach oben kommen, haben sie eine solche Kraft, dass sie die Kontinente auseinanderreißen", hat der Geochemiker miterforscht. Bewiesen wurde diese Existenz eines Mosaiks beweglicher Erdkrustenplatten durch zahlreiche Bohrungen an den ehemaligen Berührungspunkten der Kontinente ebenso wie durch die Basaltrücken, die in den Ozeanen nachgewiesen werden konnten. Aus welcher Erdtiefe das Lavagestein kommt, kann heutzutage durch moderne geochemische Analysen ermittelt werden.

Eine noch unbewiesene Theorie besagt sogar, dass eine solche über eine Million Jahre andauernde Eruption vor 65 Millionen Jahren wesentlich zum Aussterben der Dinosaurier beigetragen hat.

Bei der Jenaer Tagung widmete man sich aber vor allem den Forschungsergebnissen des letzten Jahres, als im westlichen Pazifik, im Südchinesischen Meer und südlich Australiens gebohrt wurde. Dienten frühere Bohrkampagnen besonders der Entwicklung globaltektonischer Modelle, so geht es heute zunehmend um deren Überprüfung. AB

 

Eine Art von Dialyse für die Leber

1. Jenaer Workshop für chirurgische Intensivmedizin

"Der Operateur trägt eine unteilbare Verantwortung für seinen Patienten", davon ist Prof. Scheele überzeugt.

Foto: privat

Nach komplexen Operationen, wie Transplantationen, sollte auch die intensivmedizinische Nachbetreuung durch speziell geschulte Chirurgen durchgeführt werden, ist der Jenaer Chirurg Prof. Dr. Johannes Scheele überzeugt. Aus diesem Grund richtete Prof. Scheele den "1. Jenaer Workshop Intensivmedizin für Chirurgen" am 28./29. Januar aus. Rund 100 operativ tätige Intensivmediziner aus dem ganzen Bundesgebiet nahmen an dem Symposium, an das sich praktische Übungen anschlossen, teil. Veranstaltet wurde der Workshop, in dessen Zentrum die akute Bauchfellentzündung (Peritonitis) stand, von der Chirurgischen Arbeitsgemeinschaft für Intensiv- und Notfallmedizin der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, in deren Vorstand Prof. Scheele vor kurzem berufen wurde.

Die ganzheitliche Behandlung des Patienten von der Indikationsstellung über die Operation bis zur Nachbetreuung erfordert gerade bei komplexen Operationen eine leistungsfähige, von Kompetenz und Engagement der ärztlichen Mitarbeiter und des Pflegedienstes geprägte chirurgische Intensivmedizin, unterstreicht Prof. Scheele. "Der Operateur trägt eine unteilbare Verantwortung für seinen Patienten", die sich so am besten umsetzen lasse. Dessen ungeachtet plädiert er für eine interdisziplinäre Kooperation der Chirurgen mit benachbarten Disziplinen.

Aktuelle Standards und Möglichkeiten legten die Jenaer Chirurgen während der Tagung praxisnah dar. Dabei führten sie am Phantom eine Methode vor, die in Thüringen nur das Jenaer Uni-Klinikum anbietet. "Es ist eine Art von Dialyse für die Leber", erklärt Prof. Scheele das Verfahren, das schwer leberkranken Patienten hilft, wenn sie zuviele Gallenfarbstoffe im Körper anhäufen. Diese in Deutschland nur in wenigen Zentren verfügbare Therapiemethode, die auch die Wartezeit auf eine Lebertransplantation überbrücken kann, wird im Jenaer Klinikum an der von Prof. Scheele geleiteten Abteilung durchgeführt. "Wir waren weltweit die ersten, die dieses Verfahren bei einem Baby angewendet haben", ergänzt Scheeles Mitarbeiter Leonid Kasakov.

Während des Workshops, den Scheele und Kasakov leiteten, wurden "die neuesten therapeutischen und diagnostischen Möglichkeiten präsentiert", beschreibt der Stationsarzt. Dazu konnten sie auf das moderne Equipment ihrer Abteilung zurückgreifen, das bezüglich "der Ausstattung ein sehr hohes Niveau erfüllt", sagt Prof. Scheele, "und nicht zuletzt ein hohes Maß an endoskopischen und anderen interventionellen Maßnahmen eröffnet", wie die Jenaer Chirurgen während des Workshops bewiesen. AB

 

Mit Dienstleistungsnetz zum Erfolg

8. Jenaer Gespräch Hochschule Wirtschaft

Dass die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands im Dienstleistungssektor liegt, ist keine neue Erkenntnis. Aber die Chancen und vielfältigen Möglichkeiten dieses Bereichs sind noch längst nicht ausgelotet. Daher hat sich das 8. Jenaer Gespräch Hochschule Wirtschaft am 16. März an der Universität Jena dem "Erfolgsfaktor Dienstleistungen" gewidmet.

"Mit dem weltweiten Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft verbinden sich kühne Hoffnungen auf Wachstumsreserven und Beschäftigungsgewinne", unterstreicht der Jenaer Ökonom Prof. Dr. Reinhard Haupt, der gemeinsam mit Prof. Dr. Johannes Ruhland die Jenaer Gespräche ausrichtet. "Dienstleistungen verdrängen nicht unbedingt Sachleistungen, sondern unterstützen deren Marktchancen", verdeutlicht Prof. Ruhland einen Trend, dem sich die Veranstaltung eingehend widmete. Der ehemalige Stahlröhrenproduzent Mannesmann hat erfolgreich die Kommunikationssparte auf sein Industrieengagement aufgesattelt und damit den Börsenwert des Unternehmens deutlich gesteigert, benennt der Jenaer Wirtschaftsinformatiker ein Beispiel; die "Dienstleistung wird zu einem Diversifikationsprodukt". Der Trend geht dahin, nicht mehr einzelne Teile oder Produkte zu liefern, sondern dem Kunden ein Gesamtpaket anzubieten. Denn der Kunde will nicht den Bohrer, sondern das Loch, bringt es Ruhland auf einen einfachen Nenner. "Die Unternehmen nehmen dem Kunden alle Sorgen ab", lautet das Ziel des modernen Dienstleisters, der sich damit mehrere Vorteile verschafft: Er verkauft mehr Produkte als zuvor, erhöht die Kundenbindung und erfährt durch die Gesamtbetreuung zugleich mehr über die Kundenwünsche.

Während der Jenaer Tagung haben über 200 Wissenschaftler und Praktiker aus mehreren Bereichen ihre Erfahrungen mit diesen Trends dargelegt und ausgiebig diskutiert. AB