Muskelspiel mit Psychologen

Neue Hoffnung für Tausende Schlaganfall-Patienten

Für den Gesunden ein Kinderspiel, für Schlaganfall-Patienten hartes Training: Dr. Heike Bauder, Wolfgang Miltners Mitarbeiterin, demonstriert ein Beispiel, welche Übungen ihre Patienten, den gesunden Arm in der Schlinge fixiert, mit der kranken Hand absolvieren müssen.

Foto: Hirsch

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Wolfgang H. R. Miltner
Tel.: 03641/945141, Fax: 945142
E-Mail: miltner@biopsy.uni-jena.de

Schlaganfall-Patienten machen mobil. Selbst Jahre nach dem Ereignis, das ihnen einen Arm, ein Bein oder eine ganze Körperhälfte lahmlegte, lernen sie nun, ihre Muskeln wieder spielen zu lassen. Zur Therapie braucht es keine Spritzen oder Pillen, auch keine Operation – sondern nur eine Woche ausdauernde, mühsame Arbeit: Mit dem Taubschen Bewegungstraining, das Klinische Psychologen um Prof. Dr. Wolfgang H. R. Miltner an der Universität Jena einsetzen, kehrt wieder Leben in die matten Gliedmaßen zurück.

Seit Herbst 1995 hat Miltners Team im Auftrag des Kuratoriums ZNS ein Behandlungsprogramm für Schlaganfallpatienten und Unfallopfer mit traumatischen Schäden erarbeitet, um deren motorische Störungen zu lindern. "Über 50 Patienten, die nach allen Regeln der ärztlichen Kunst als austherapiert galten, haben wir in Jena inzwischen erfolgreich behandelt", erläutert Miltner. Nun geht sein Taubsches Bewegungstraining in eine bundesweite Multicenter-Studie. Rund einer viertel Million Patienten hoffen die Wissenschaftler, mit ihrer neuen Methode helfen zu können.

Das Netz der medizinischen Versorgung nach einem Schlaganfall ist in Deutschland engmaschig geknüpft. Einer schnellen Diagnose durch den Notarzt folgt im Idealfall die sofortige Akut-Behandlung in der "stroke unit" einer Fachklinik, schließlich eine sechs- bis achtwöchige Anschlussheilbehandlung in einem Reha-Zentrum und, wenn noch Besserung in Aussicht steht, eine Folgetherapie durch niedergelassene Physiotherapeuten und Ärzte. "Trotz dieser Bemühungen bleibt bei vielen Patienten der Arm lahm und hängt – wir alle kennen dieses Bild – wie ein fremdes Körperteil bewegungsuntüchtig neben dem Rumpf herab", schildert der Psychologe. "Meist lernt der Patient in diesen Rehamaßnahmen vor allem, sich mit der Behinderung und ihren sozialen Folgen für Familienleben und Beruf abzufinden."

Nicht so Miltner. "Nach einem Schlaganfall sind ja keineswegs die Muskeln und Sehnen geschädigt, sondern die Steuerungs- und Empfindungszentrale im Gehirn." Natürlich können die Jenaer Wissenschaftler einmal abgestorbene Gehirnareale nicht wieder zum Leben erwecken, aber ihr Trainingsprogramm sorgt dafür, dass deren Funktionen nun teilweise von benachbarten Gehirnregionen mit übernommen werden. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass unser Gehirn sich über die gesamte Lebensspanne hinweg in dynamischen Lernprozessen befindet. Für alle Bewegungsabläufe gibt es in der Großhirnrinde Repräsentationsebenen mit komplex verschalteten Neuronen.

Dabei gilt die einfache Regel: Je komplexer die Bewegungsabläufe, desto größer die Repräsentationsebene. Ein Geiger hat zum Beispiel für seine Griffhand, die eine sehr feine und präzise Motorik über den Saiten ausführen muss, ein riesiges Gehirnareal präsent, während die Hand, die den Bogen führt, ein vergleichsweise geringeres beansprucht. "Diese neuronale Ausstattung haben Virtuosen aber nicht von Geburt an, sondern im Laufe eines jahrelangen mühsamen Trainings erworben", erläutert Miltner.

In ähnlicher Weise gehen die Jenaer Klinischen Psychologen bei ihrem Bewegungstraining vor: Der Schlaganfall-Patient muss den gesunden Arm festgebunden in einer Schlinge tragen und mit dem kranken über eine Woche hinweg Tag für Tag von morgens bis abends ein grob- und feinmotorisches Trainingsprogramm absolvieren, bis er große und kleine Schrauben in Gewinde drehen oder – ein Kinderspiel – winzige farbige Pins in ein Lochbrett stecken kann. Bei diesem massiven Training bilden sich um das abgestorbene Gehirnareal herum neue Neuronenverschaltungen, die niemals die gestörte Funktion vollendet, aber sehr weitgehend ergänzen können.

"Unser Training ist für manchen Patienten sicher eine Art Folter", gesteht Miltner, "aber die Ergebnisse rechtfertigen alle Anstrengungen." Diese gehirnphysiologischen Prozesse, die mit modernen bildgebenden Verfahren in der Jenaer Neurologie auch klinisch nachgewiesen wurden, sind im Prinzip jederzeit aktivierbar. "Unsere beste Patientin ist 84 Jahre alt und kam 17 Jahre nach dem Ereignis zu uns", berichtet Miltner stolz, "anfangs konnte sie ihren Arm überhaupt nicht bewegen, heute ist ihr Zustand fast wieder normal."

Rund die Hälfte der Schlaganfallopfer in Deutschland hält Miltner noch für therapierbar. Beste Erfolge erzielte sein Team bei der Armmotorik, aber auch Patienten mit Beinlähmung und Aphasikern mit einem gestörten Sprachzentrum haben die Jenaer Psychologen bereits helfen können. "Hier werden wir in den nächsten Jahren noch einiges unternehmen", blickt der Psychologe voraus. Aber für seine Patienten ist es bereits ein ungeheurer Fortschritt, wenn sie zum Beispiel wieder allein eine Flasche öffnen, die Weste zuknöpfen oder sogar mit der ,kranken’ Hand unterschreiben können. Benannt hat Miltner das Programm nach seinem Kollegen Prof. Edward Taub, der im amerikanischen Birmingham/Alabama die experimentellen Grundlagen im Tierversuch mit Affen entdeckte und dort vergleichbare Trainingsangebote realisiert.

Trotz seiner Erfolge hält Miltner die Taubsche Bewegungstherapie noch nicht für abgeschlossen. In einer bundesweiten Studie soll nun geprüft werden, zu welchem Zeitpunkt nach dem Schlaganfall welchen Patienten am besten geholfen werden kann. Außerdem wollen sich die Wissenschaftler nun stärker mit Aphasikern befassen und die kortikalen Veränderungen im Gehirn genauer aufklären. wh