Glauben alle an denselben Gott?

Professor Udo Tworuschka legt die weite Welt der Religionen offen

Udo Tworuschka (Jg. 1949) studierte Vergleichende Religionswissenschaft, evangelische Theologie, Anglistik, Philosophie und Pädagogik an den Unis Bonn und Köln. Nach Promotion (1972) und Habilitation (1979) wurde er Direktor des Interdisziplinären Instituts für Religionsgeschichte e. V. Bad Münstereifel, 1993 folgte er dem Ruf auf den Lehrstuhl für Religionswissenschaft an die FSU.

Foto: Günther

"Die Religionen der Welt sind in Bewegung geraten. Sie begegnen, sie durchdringen einander", konstatierte Prof. Dr. Udo Tworuschka zu Beginn seiner Antrittsvorlesung am 11. Januar in der bis auf den letzten Platz gefüllten Aula. "In dieser Situation blicken alle auf die Religionswissenschaft, erwarten von ihr Antwort auf die Frage Glauben alle an denselben Gott?" Der Jenaer Religionswissenschaftler unterstrich, dass sich sein Fach nicht mit der Existenz von Gott/Göttern/Heiligem, nicht mit Gottesbeweisen und Offenbarung beschäftigt, wohl aber mit Menschen aller Zeiten, Räume und Religionen, die in Texten, Bildern, Musik, Riten und Gesprächen Auskünfte über die von ihnen für existierend gehaltenen höheren Wesen geben.

Die Frage nach "demselben Gott" ist nicht in erster Linie eine religionswissenschaftliche. Sie entspringt bestimmten Entdeckungszusammenhängen, etwa der Einbindung des Lehrstuhls für Religionswissenschaft in eine Theologische Fakultät. Im Kontext von Theologie-Lehrenden und -Lernenden stellt sich die Frage nach dem einen Gott geradezu zwangsläufig und zwar nicht als religionswissenschaftliche, sondern als theologische bzw. existenzielle.

Ein weiterer Entdeckungszusammenhang ist vom gesamtgesellschaftlichen Kontext her gegeben. Drittens ergibt sich die Frage unmittelbar aus dem Objektbereich der Religionen und ihrer Theologien selber. Erst dann handelt es sich im engeren Sinne um ein religionswissenschaftliches Problem. Religionen, die bemerkt haben, dass sie nicht als einzige auf der Welt existieren, sind herausgefordert, ihr Verhältnis zu den anderen Religionen zu reflektieren. Denkende Religionen haben Metatheorien über andere Religionen entwickelt. Insofern sind interreligiöse Theologien Gegenstand der Religionswissenschaft.

Prof. Tworuschka fächerte die Frage seines Vortrages in mehrere Varianten auf, wobei er jedes Wort betonte. Dabei machte er deutlich, dass aus religionswissenschaftlicher Perspektive die Leitfrage seines Vortrages wohl eher verneint als bejaht werden müsse. Zu groß seien die Unterschiede im Glaubens- und Gottesverständnis der Religionen.

Die von abendländischer Erfahrung herkommende Ansicht, Gott und Götter zur Grundlage von Religion zu machen, ließ Prof. Tworuschka nicht unkritisiert. "Religionswissenschaftler können nur feststellen: Es gibt Menschen, die der Ansicht sind, dass ihr Gott und der anderer Religionstraditionen ein und derselbe sei. Und es gibt andere, die anderer Auffassung sind. Der um die Grenzen seines Faches wissende Religionswissenschaftler wird die jeweiligen subjektiven Berechtigungen nicht anzweifeln. Ihm ist diese Erfahrung in aller Regel jedoch nicht zugänglich."

Abschließend demonstrierte er an einer klassischen Erzählung, dass ihre Rezeptionen unterschiedliche Antworten auf die Titelfrage geben. "Der Religionswissenschaftler ist von der Rolle überfordert, die viele, nicht zuletzt viele Suchende, von ihm erwarten. Er kann von seinem Fach her keine Antwort darauf geben, ob sich die verschiedenen Götter in der allgemeinen Religionsgeschichte auf einen einzigen Gott hin projizieren lassen oder ob sie nur verschiedene Namen für eine einzige Realität sind." UT/AB