Gute Zeit für Gründer

Das Image der Hightech-Boomtown kommt nicht von ungefähr

 

Junger Unternehmer, sportlich elegant. Schnelle Autos, schöne Frauen, die Villa im Tessin, eine Yacht in der Karibik. – Dieses Klischee gibt es nur in der Werbung und im Märchenfilm. In Jena zumindest haben die "Start ups", wie man Existenzgründer neudeutsch nennt, die Boden-haftung noch nicht verloren. Ernsthaftigkeit und Fleiß, Neugierde, Pioniergeist, aber auch intelligentes Kalkül scheinen jene Sekundärtugenden zu sein, mit denen die Selfmade-Männer und -Frauen Sprosse um Sprosse die Leiter des Erfolgs erklimmen.

PD Dr. Karsten König, wo er sich am wohlsten fühlt: im Labor des Instituts für Anatomie II.

Foto: Scheere

So wie im 19. Jahrhundert die fruchtbare Verbindung von Abbe und Zeiß, Schott und Schleiden aus dem romantischen Universitätsstädtchen eine boomende Großstadt generierte, sind es heute wieder die Biowissenschaften und die optische Physik, aus der sich junge dynamische Unternehmen mit intelligenten und hochinnovativen Produkten den Weg auf den Weltmarkt bahnen. Die derzeitige Euphorie wirkt ansteckend. Eine ganze Phalanx junger Wissenschaftler aus der Universität und den außeruniversitären Forschungsinstituten sagen der relativen Geborgenheit des Bundesangestelltentarifs Valet und wagen den Schritt ins Freie.

Als Hartmut Heyer vor zehn Jahren die Layertec GmbH gründete, war von Aufbruchstimmung nicht die Rede. Vielmehr bedrückten Depressionen die Jenaer angesichts des zusammenkrachenden "VEB Carl Zeiss"-Imperiums, und auch an der Universität griffen "Umstrukturierungen". Jeder weiß, dass dieser sprachliche Euphemismus nicht zuletzt Personalabbau bedeutet. Heyer, Diplom-Physiker und Forschungsingenieur im Physikalischen Institut, wartete nicht ab, sondern nahm das Heft selbst in die Hand. Früher, zu DDR-Zeiten, habe er manchmal mit Kollegen gewitzelt, wie das wäre, eine Firma zu gründen, schmunzelt er rückblickend. Dann wurde aus dem Spaß Ernst. Die Gewerbeanmeldung in Weimar habe er schon in D-Mark bezahlt, erinnert er sich, das Amtssiegel auf improvisiertem Formular trug noch Hammer und Ährenkranz. – Wendezeit eben.

Als Startkapital diente dem Unternehmer-Pionier ein Kleinkredit von der Bank und der glückliche Umstand, günstig eine intakte Laborausstattung von der Universität kaufen zu können. "Die hatten keine Verwendung mehr dafür", berichtet Heyer, er hingegen schon. Der damals 35-Jährige baute das Nebengebäude eines alten Bauernhofs in Mellingen zur Hightech-Schmiede um und begann die Produktion von optischen Bauelementen, Linsen und Laser-Komponenten. Mit seinem im Uni-Labor entwickelten Know-how, der auf optische Belange adaptierten Sputter-Technik, war Heyer zumindest in Deutschland weitestgehend konkurrenzlos. Er ahnte einen Markt für seine Produkte, kannte ihn aber nicht. Das erste Jahr war äußerst schwierig. Dann half ein vom Bund gefördertes Projekt zur "technologieorientierten Unternehmensgründung" über die Runden, allmählich wuchs der Kundenkreis.

Heute hat Heyer 16 Mitarbeiter und Kunden in der ganzen Welt. Mund-zu-Mund-Propaganda, Messen und Ausstellungen und zunehmend auch das Internet bringen Aufträge ins Haus der Layertec. Heyers Firma ist spezialisiert auf optische Beschichtungen und produziert zum Beispiel unter Vakuumbedingungen nahezu absorptionsfreie Spiegel für Hochleistungslaser. Bis zu 70, nur Mikrometer-dünne Schichten bringt sein Team auf das Trägermaterial, so genannte Layer, auf. Solche dielektrische Spiegel verkauft er dann – Ironie des Schicksals – auch an das universitäre Institut für Optik und Quantenelektronik. "Warum sollten wir unsere Spiegel in den USA kaufen", fragt Laser-Experte Prof. Dr. Roland Sauerbrey, "wenn wir die maßgeschneidert auch in Mellingen kriegen?" Nicht nur von der Qualität der Produkte ist Sauerbrey überzeugt, inzwischen hat er Heyers Layertec auch für ein Forschungsverbundprojekt mit ins Boot geholt.

Nicht ganz so mutig wie Hartmut Heyer scheint auf den ersten Blick Dr. Karsten König (s. a. S. 19). Ebenfalls Physiker, hat er mit drei Kollegen vom Institut für Anatomie II die Jenlab GmbH gegründet, die er allerdings vorerst lieber nur als Zuerwerbsbetrieb führen möchte. Erste marktfähige Produkte in der molekularen Analytik reichen als Rückgrat für die junge Firma möglicherweise noch nicht aus, und die spektakuläre Entwicklung eines Nano-Laserskalpells steckt noch zu sehr in der Grundlagenforschung.

Hartmut Heyer hat sich mit der Mellinger Layertec GmbH als Unternehmen für optische Bauelemente erfolgreich auf dem Markt etabliert. Auf eine Beratungsinfrastruktur, wie sie heute das GNT-Büro – Ingrid Reisinger, Telefon 94 30 60 – anbietet und vermittelt, konnte er 1990 bei seiner persönlichen "Stunde 0" noch nicht zurückgreifen.

Foto: Hirsch

 

Marketing ist wichtig: Peter Litschko – noch am Uni-Stand – auf der diesjährigen CeBIT in Hannover.

Foto: Götz

Dieses Projekt aus eigener Kraft zu stemmen, erforderte sicher ein millionenschweres Venture Capital. Mit den universitären Forschungsstrukturen im Rücken fühlt König, der wohl auch von der Mentalität her eher zum Wissenschaftler, denn zum freien Unternehmer geboren ist, sich verständlicherweise sicherer. Dennoch könnten sich auch hier in den nächsten zehn Jahren die Gewichte verlagern. Sobald die Nanoskalpell-Technologie reif für den Weltmarkt ist, kann die Uni Jena schwerlich selbst als Anbieter agieren.

Der Chemiker Dr. Peter Czerney ist da freilich schon ein Stück weiter. Am Institut für Physikalische Chemie entwickelte er hochsensitive Fluoreszenzfarbstoffe, die als Marker in der medizinischen Diagnostik eingesetzt werden. Mit seinem Unternehmen, der Dyomics, setzt der 48-jährige Czerney also an einer Schlüsselposition der prosperierenden Life Sciences an und nutzt nun Patente, die er mit Hilfe der Jenaer Universität rechtlich abgesichert hat. Ähnlich verfährt ein Team von Ingenieuren aus dem Technischen Institut der Uni Jena, das sich gerade mit der Firma "3di" als GmbH in Gründung befindet. Peter Lschko, Sebastian Nagel, Ralf Schied und Thomas Körbs machen damit ihr Know-how kommerziell nutzbar, bioverträgliche Hartgewebe-Implantate für den Kopfbereich zunächst virtuell zu entwerfen und dann absolut passgenau herzustellen.

Als künftigen Auftraggeber für solche Maßanfertigungen kommen nicht nur die Jenaer Kliniken für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie/Plastische Chirurgie oder die Neurochirurgie in Frage, sondern die Option heißt Weltmarkt. "Die Basisdaten gewinnen wir aus den heute üblichen Computer- und Kernspin-Tomographien des Patienten", erklärt Peter Litschko, "und die können bei Bedarf auch schnell via Internet übermittelt werden." Ein vor-Ort-Problem gibt es also nicht. Auch für den Dialog mit den implantierenden Ärzten dient das weltumspannende Datennetz. Der Anschluss zählt zur Standardinfrastruktur, den die vier an ihrem Firmensitz, dem neuen Technologie- und Innovationspark (TIP), schon vorfinden.

Überhaupt fühlt sich die "3di"-Truppe durch die Jenaer Uni vorzüglich betreut. "Das fing eigentlich schon an mit Dr. Karl Brosche und seinen Mitarbeitern in der Technologietransferstelle", berichtet Litschko, "sonst gäbe es zum Beispiel wohl gar kein Patent, auf das wir heute unsere Firma aufbauen könnten." Wie bei den meisten anderen Patenten, die aus dem Wissenschaftsbetrieb heraus angemeldet werden, bleibt die Jenaer Universität auch in diesem Fall Eigentümerin der Rechte, erteilt aber eine – gebührenpflichtige – Exklusivlizenz. Glücksfall für Brosche, dass er mit Dr. Michael Rothenburger einen versierten Patentassessor zu seinem Team zählen darf. "Darum beneiden uns viele westdeutsche Unis", verrät er. Pro Jahr meldet Rothenburger rund 30 Patent- und Markenrechte für Jenaer Forscher an – Tendenz steigend.

Aber auch in anderer Hinsicht genießt die gegenwärtige Gründergeneration um König, Czerney und Litschko einen infrastrukturellen Vorteil, den es zu Heyers Zeiten noch gar nicht gab: die planvolle und versierte Gründungsberatung durch die GNT e. V. Hinter dem smarten Kürzel verbirgt sich die "Gesellschaft zur Förderung neuer Technologien in Thüringen", die 1998 aus dem Exist-Projekt des Bundeswissenschaftsministeriums entstand und an den Hochschul-Standorten Jena, Ilmenau und Schmalkalden Büros eröffnete. In der Jenaer Lutherstraße haben Dr. Merle Fuchs und Eva-Maria Stegemann, beide von Hause aus Naturwissenschaftlerinnen, das Coaching für die jungen Existenzgründer übernommen.

"Wir geben Tipps und zeigen, wie es geht", erläutert Merle Fuchs, "aber wir machen für niemanden die Hausaufgaben." Die bestehen zu allererst aus betriebswirtschaftlichem Handwerk, denn mit einer guten Idee allein ist schon mancher gescheitert. An oberster Stelle steht ein solider Businessplan mit Marktanalyse, Finanzierungs- und Personalkonzept, Vertriebsorganisation und Kundenbetreuungsstrukturen – eben das, was ein junges Unternehmen braucht, um nicht bloß ein Strohfeuer am Markt zu entfachen. "Das unternehmerische Risiko ist dann recht gut kalkulierbar", nennt Eva-Maria Stegemann den entscheidenden Vorteil.

Daneben vermittelt das GNT-Büro den Einstieg in ein breitgefächertes und seriöses Beratungsnetzwerk, aus dem sich in der Regel auch die Gründungsfinanzierung ergibt. "Venture Capital ist in Jena nicht mehr das entscheidende Problem", erklärt Fuchs, "und wenn wir bei der Bank anrufen, gibt’s zumindest einen Gesprächstermin." Entsprechend präpariert, finden Existenzgründer relativ leicht offene Ohren bei den Finanzexperten. Denn die merken schnell, wenn hinter einer Gründungsabsicht das nötige technologische und auch kaufmännische Know-how steckt.

Binnen gut eines Jahres gingen 53 Projekte über die Schreibtische der beiden Frauen. Fuchs und Stegemann führen damit – quasi institutionalisiert – das weiter, was vor Jahren die beiden Professoren Dodo zu Knyphausen-Aufseß und Stephan Diekmann begannen: die Verknüpfung von naturwissenschaftlich-technischen und betriebswirtschaftlichen Potenzialen. Inzwischen arbeiten viele Hände mit an dieser Initiative, die recht schnell – etwa durch vordere Plätze bei bundesweiten Businessplan-Wettbewerben – erfolgsgekrönt wurde. Jenaer Wirtschaftswissenschaftler bieten an der Uni eine Fülle von Seminaren rund ums Thema Existenzgründung an, seit diesem Jahr gibt es sogar ein entsprechendes Graduiertenkolleg.

Der Hightech-Gründerboom in Jena kommt also nicht von ungefähr, er ist Ergebnis planvollen Schaffens in einem lebendigen und dynamischen Netzwerk, zu dem auch Organisationen wie BioRegio e. V. und Optonet e. V. gehören. Fachleute schätzen die innovativen Potenziale enorm hoch ein; Stegemann: "In den Schubladen der Wissenschaftler an der Uni und den außeruniversitären Instituten liegt noch unglaublich viel." Die gegenwärtige Euphorie halten Merle Fuchs und Eva-Maria Stegemann nicht für gefährlichen Leichtsinn. Die positive Stimmung sei überaus nützlich, so lange sie seriös und mit Augenmaß umgemünzt werde. Damit steht man in Jena – trotz des Booms – wohl immer noch relativ am Anfang. Merle Fuchs: "Wir sehen derzeit nicht einmal die Spitze des Eisbergs."

Wolfgang Hirsch