Lektüre aus dem Sand

Die Jenaer Papyrus-Sammlung

Aufwändige Rekonstruktionsarbeit für Tüftler: Die Skizze zeigt die Lage einzelner Fragmente des berühmten Jenaer Irenäus-Papyrus aus dem 2. Jahrhundert nach Christi Geburt.

Goethe und Schiller hätten sich vermutlich im Grabe umgedreht, wenn Drucke des "Faust" oder "Wallenstein" zum Einpacken verwendet worden wären. In manchen Ländern herrschten dagegen vor 2000 Jahren andere Sitten. Wenn es um Mumien ging, waren den alten Ägyptern selbst ihre Papyrus-Bücher nicht heilig. In Zeiten des Mangels griffen sie zur Literatur und wickel-ten die Verstorbenen in Dramen, Epen oder Ge-schäftsberichte. Denn die wertvollen gelbweißen Fasern aus dem Mark der Papyrusstauden, die auch zur Umhüllung der Toten dienten, waren nicht immer zur Genüge vorhanden.

Die drei Meter hohen schilfartigen Pflanzen wuchsen am Nil und boten das Material für Schreibpapier jeder Art: literarische und philosophische Werke, religiöse Texte und Gerichtsbeschlüsse, Verwaltungsschriften und Behördenkram. Dafür wurde das Mark der Pflanzen in schmale Streifen geschnitten; dann mussten mehrere Papyrusfasern nebeneinander gelegt und rechtwinklig mit weiteren schmalen Streifen bedeckt werden, bevor die Lagen gepresst wurden. Der austretende stärkehaltige Pflanzensaft verband die Streifen zu einem festen Gefüge, das nur noch trocknen musste und fertig war es, das berühmte Schreibpapier.

Immerhin waren die getrockneten Papyri so widerstandsfähig, dass sie Jahrtausende im heißen Wüstensand überdauerten. Denn auch bei der Entsorgung ihrer Amtsschriften und Verordnungen waren die alten Ägypter nicht kleinlich. Sie warfen die nicht mehr benötigten Schriftstücke auf einen Haufen hinter ihr Haus, schaufelten Sand darüber und überließen den Rest der Natur. Mit ein wenig Entdeckerglück lassen sich diese typisch geformten Sandberge noch heute finden; sie bergen jene wertvollen und gut erhaltenen Schätze, die auch den Großteil der Papyrussammlung an der Friedrich-Schiller-Universität ausmachen.

Die vor dem ersten Weltkrieg begründete Sammlung wurde ab 1918 durch einen der Gründungsväter der modernen Papyrologie, den Jenaer Gräzisten Friedrich Zucker (1881-1973), betreut. Sie umfasste zunächst nur solche Stücke, die ihr im Losverfahren von dem deutschen Papyruskartell zugeteilt worden waren. Diesem Papyruskartell gehörten verschiedene deutsche Universitäten und Museen an, die sich für die Tausende unerschlossener Papyri interessierten, die Ende des 19. Jahrhunderts von Ägypten nach Deutschland gelangt waren. Wie zu jedem Losverfahren ein Quäntchen Glück gehört, erhielten manche Universitäten besonders wertvolle Schriftstücke, andere dagegen nur Papyri mit Gerichtsbeschlüssen und amtlichen Schreiben.

Die Jenaer Uni zog zumindest ein gutes Los, denn unter den 110 zugeteilten Schätzen war ein griechisch verfasster Text, der eine kleine Sensation darstellte: der Irenäus-Papyrus. Das ursprünglich mehrseitige Stück, das nur noch aus Einzelteilen von wenigen Zentimetern Größe besteht, liegt heute wie die meisten Papyri in der Sammlung unter Glas. So können die einzelnen Papyrusfetzen am besten im Seitenformat angeordnet und aufbewahrt werden. Die kostbaren Reste enthalten zum Teil einen mythologischen Text, aber auch Stücke aus dem Werk des Lyoner Bischofs Irenäus (2. Jhdt. n. Chr.) gegen die Irrlehren der Ketzerei. Der griechische Originaltext war bis auf einige Zitate verloren gegangen, so dass man sich mit der ebenfalls aus dem Altertum stammenden lateinischen Übersetzung behelfen musste. Erstmals erforschte 1912 der damalige Jenaer Kirchenhistoriker Hans Lietzmann die griechischen Reste. Eine Neubearbeitung stammt von dem langjährigen Leiter der Sammlung, Fritz Uebel (1919-1975).


Ein christliches Ostrakon aus der Jenaer Papyrussammlung


Auch die anderen Stücke, die Jenas Sammlung erhielt, sind voller interessanter Informationen. Geschrieben in lateinisch, griechisch oder koptisch der Sprache der christlichen Ägypter geben die Papyri Auskunft über die Lebensweise in Ägypten, über Verwaltungsart und Bürokratie, Kultur und Politik. Etwa 900 Jahre lang wurde alles auf Papyri niedergeschrieben, was wichtig schien und dokumentiert werden musste. Mit Rohrfeder und Rußtinte malten die Schreiber kunstvoll ihre Buchstaben, verzierten sie in manchen Fällen sogar mit Zeichnungen und farbiger Tinte.


Prof. Dr. Jürgen Dummer im Reiche des Gräzisten: Bücher, Papyri, Bücher über Papyri. In diesem Sommer wird der Altphilologe zwar in den Ruhestand versetzt, Ruhe geben will er aber dann trotzdem nicht.
Ansprechpartner:
Institut für Altertumswissenschaften
der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Tel.: 03641/944800
Fax: 94480

Zu den Besonderheiten der Papyrus-Sammlung zählen Dinge, die so gar nicht an Schriftstücke erinnern, wie zahlreiche Münzformen eines ägyptischen Münzfälschers. Hinzu kommt einiges aus der Privatsammlung Friedrich Zuckers, der der Universität Wertvolles überließ: drei griechische Holztäfelchen, zwei Kästchen mit hauptsächlich koptischen Papyri und 70 Ostraka. So heißen Tonstücke, auf denen beispielsweise Notizen oder Rechnungen geschrieben wurden. Aber Ostraka wurden noch für andere Dinge verwendet als für Notizzettel.

Ein besonders großes Ostrakon trägt einen christlichen liturgischen Text. In sechs ähnlich geschriebenen Formeln wurden Gott, der Erzengel Michael, Gabriel, Christus, Maria und wieder Christus angerufen, wobei jedem der Angerufenen eine aus mehreren griechischen Worten bestehende Charakterisierung beigelegt ist. Ob der Text eine magische Bedeutung hatte, ist bis heute unklar. Was Gräzisten jedoch mit einem gewissen Stirnrunzeln feststellten, war die große Zahl orthografischer Fehler auf dem Ostrakon ein Kuriosum, das noch nicht eindeutig geklärt werden konnte.

Durch die umfassende Arbeit an der Sammlung wurden in den letzten Jahren immer mehr Rätsel gelöst, doch bis alle seltsamen Papyrusfetzen entschlüsselt sind, ist noch einige Zeit erforderlich. Vielleicht wird der wertvolle Fundus eines Tages auch dem interessierten Publikum gezeigt werden können. Es bleibt zu hoffen, dass der Weg bis dahin nicht ebenso steinig und ebenso lang ist wie einige Wege im alten Ägypten. Sabine Goldhahn

Die Sammlung ist nicht für die Öffentlichkeit zugänglich, wohl aber für Forschungszwecke.