Ergebnisbericht der Kommission "Kinderklinik Jussuf Ibrahim"

  1. Die Ende 1999 vom Rektor der Friedrich-Schiller-Universität nach Rücksprache mit der Medizinischen Fakultät eingesetzte Kommission sollte die Frage beantworten: Lässt sich der verschiedentlich erhobene Verdacht einer Beteiligung Prof. Dr. Jussuf Ibrahims an der Vernichtung "lebensunwerten Lebens" während der Zeit des Nationalsozialismus bestätigen? Falls dies zu bejahen wäre, kann dann der Name der Kinderklinik beibehalten werden? Es war nicht Aufgabe der Kommission, Person oder Wirken Ibrahims juristisch zu bewerten. Auch eine Gesamtdarstellung seiner Persönlichkeit war nicht Aufgabe der Kommission.
  2. Die Kommission hat zur Erfüllung ihres Untersuchungsauftrages Dokumente aus folgenden Archiven gesichtet und ausgewertet: Bundesarchiv Berlin einschließlich des ehemaligen Dokumentcenters Berlin; Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen Ludwigsburg; Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar; Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Außenstelle Gera; Stadtarchiv Jena; Landesfachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Stadtroda; Universitätsarchiv Jena; Kinderklinik Jena. Ferner wurden ausgewertet: die Schriften Jussuf Ibrahims, medizinische Zeitschriften aus der Zeit des Nationalsozialismus sowie einschlägige Literatur. Des weiteren hat die Kommission darum gebeten, dass sich Zeitzeugen melden mögen; auf diese Bitte hin sind bis zum 29. Februar 2000 insgesamt 63 Zuschriften eingegangen. Die Arbeit der Kommission war während der gesamten Zeit von einer intensiven öffentlichen Diskussion begleitet. Die Kommission hat diese Diskussion, soweit sie sich in Presseberichterstattung niederschlug, berücksichtigt. Auch Zuschriften, die nach dem 29. Februar eingegangen sind, wurden bei der Entscheidungsfindung in Betracht bezogen.
  3. Die Kommission hat ihr Hauptaugenmerk auf Sichtung und Auswertung der Originaldokumente aus der NS-Zeit gerichtet. Sie ist dabei zu folgenden Ergebnissen gelangt:
    1. Prof. Ibrahim wusste spätestens seit 1943, dass in der Kinderfachabteilung des Landeskrankenhauses Stadtroda schwerstgeschädigte Kinder getötet wurden.
    2. Für zwei Kinder liegen handschriftliche Überweisungsschreiben Ibrahims vor, die offen "Euthanasie" vorschlagen. Neben dem bereits in der Öffentlichkeit bekannten handschriftlichen Überweisungsschreiben Prof. Ibrahims mit dem Zusatz "Euth.?", konnte die Kommission ein weiteres nach Stadtroda gerichtetes Überweisungsschreiben Prof. Ibrahims ermitteln. Dieses hat folgenden Wortlaut:

      "Sehr geehrter Herr Kollege. S. Sch. aus E., jetzt 12 1/2 Mon. alt, leidet an Microcephalia vera. Ein Erbmoment ist nicht bekannt. Eine normale Entwicklung wird sich nie erreichen lassen. Euthan. wäre durchaus zu rechtfertigen und im Sinne der Mutter. Vielleicht nehmen sie sich des Falles an? Mit besten Empfehl. u. Heil Hitler! Ergebenst Dr Ibrahim."

      Das Kind überlebte jedoch, da den Stadtrodaer Ärzten eine abschließende Beurteilung noch als verfrüht erschien.

    3. Unter der Verantwortung von Prof. Jussuf Ibrahim wurden zwischen 1941 und 1945 insgesamt sieben schwerstgeschädigte Kinder nach Stadtroda überwiesen, die auch dort verstarben. Die Krankenakten ergeben im Vergleich mit den aus der Literatur bekannten Sachverhalten den zwingenden Schluss auf eine Tötung.
  4. Nur wenige Zeitzeugen haben unmittelbar über die Tätigkeit von Ibrahim in der NS-Zeit berichten können. Unter diesen gibt es einige, die erklärt haben, dass Ibrahim sich gegen "Euthanasie"-maßnahmen ausgesprochen habe. Diese Vorkommnisse haben sich jedoch vor 1941 zugetragen. Im übrigen gibt es Erklärungen, dass es an der Klinik weder Tötungen noch Mithilfehandlungen, namentlich keine Überweisungen nach Stadtroda gegeben habe. Schließlich habe Ibrahim mehreren Personen Schutz vor NS-Verfolgung in seinem Privathaus oder der Klinik gewährt.
  5. Die Kommission gelangt auf der Basis dieser Untersuchungsergebnisse zu folgenden Schlussfolgerungen:
    1. Prof. Ibrahim hat die Praxis der nationalsozialistischen Vernichtung "lebensunwerten Lebens" frühzeitig gekannt und hat dennoch schwerstgeschädigte Kinder der gezielten Tötung überantwortet.
    2. Dies steht in einem offensichtlichen Widerspruch zu dem Bild Ibrahims als vorbildlicher Arzt, wie es sich auch in den meisten Zeitzeugenberichten wiederfindet. Dieses Bild muss indessen angesichts der Untersuchungsergebnisse berichtigt werden. Es besteht die begründete Annahme, dass Ibrahim aus einer grundsätzlich positiven Einstellung zur Rassenhygiene heraus die Tötung schwerstgeschädigter Kinder nicht nur befürwortet, sondern dazu unmittelbar beigetragen hat.
    3. Die Kommission möchte festhalten, dass weitere Forschungen dringend erforderlich sind. Dazu gehören insbesondere eine wissenschaftliche Gesamtbiografie Prof. Jussuf Ibrahims sowie weitere Forschungen zur Geschichte Thüringer medizinischer Einrichtungen während der Zeit des Nationalsozialismus.
  6. Die Kommission kommt einstimmig zu dem Ergebnis: Der Verdacht, dass Prof. Dr. Jussuf Ibrahim an der Tötung "lebensunwerten Lebens" in der Zeit des Nationalsozialismus beteiligt war, hat sich bestätigt. Unter Zugrundelegung höchster Maßstäbe kann eine Beibehaltung des Namens "Jussuf Ibrahim" für die Universitätskinderklinik nicht verantwortet werden. Die Kommission empfiehlt deshalb der Medizinischen Fakultät sowie dem Senat der Friedrich-Schiller-Universität, nach Herstellung des Einvernehmens mit der zuständigen Stiftung den Namen "Jussuf Ibrahim" für die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Friedrich-Schiller-Universität nicht fortzuführen.

Jena, den 17. April 2000
 
gez.
Prof. Dr. Dr. Olaf Breidbach
Prof. Dr. Klaus Dicke
Prof. Dr. Eberhard Eichenhofer
Prof. Dr. Herbert Gottwald
PD Dr. Susanne Zimmermann
Prof. Dr. Felix Zintl

Den ausführlichen Bericht der Kommission finden Sie unter: http://www.uni-jena.de/unijenamedia/ibrahim.pdf