Vom Abendbrot zur Nachtsuppe

Vierter Band des Thüringer Mundart-Wörterbuchs ist fertig

Nach wie vor gehören Zettelkästen zum klassischen Arbeitsgerät von Dr. Wolfgang Lösch. Inzwischen speichert und erforscht der Dialektologe Thüringer Mundart aber auch elektronisch am PC.
Foto: Günther
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Doz. Dr. Wolfgang Lösch
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E-Mail: x8lowo@rz.uni-jena.de

Den vierten Band des Thüringischen Wörterbuchs haben Sprachwissenschaftler der Uni Jena nun vorgelegt. Damit steht eines der ältesten Forschungsgroßprojekte in der Thüringer Forschung seit 1907 kurz vor dem Abschluss. "In fünf bis sieben Jahren sind wir sicher fertig", schätzt Mundart-Forscher Dr. Wolfgang Lösch, der Leiter der Arbeitsstelle. Der Band von A bis D umfasst rund 13 000 Wortartikel, zahlreiche Wortkarten und Abbildungen. Mit Hochdruck arbeiten die Jenaer Dialektologen nun an den ausstehenden Wortstrecken von E bis K.

Buchstäblich dem Volk aufs Maul gesehen haben die Wissenschaftler und festgestellt, dass Mundart im Thüringischen Sprachraum recht uneinheitlich gesprochen wird. Für den Laien anschaulich werden die Unterschiede etwa an Hand der Wortkarte für "Abendbrot". Würde z. B. der Stadtrodaer mit "Oombruut hummer speete jejassen" den verspäteten Termin für die letzte Tagesmahlzeit kommentieren, so spricht der Schleizer lieber von der "Nachtsuppe". Jenseits des Rennsteigs trifft man sich zum "Abendessen", im Bad Salzunger Raum zum "Nachtessen", im Eichsfeld hält man ein "Nachtbrot". Außer den offensichtlichen lexikalischen Differenzen untersuchen die Forscher aber auch die Lautunterschiede: Heißt der freistehende Handfinger im Osten des Landes mundartlich "Daumel" oder "Daum(n)" mit Doppelselbstlaut, so sagt der Mittelthüringer "Dume", "Dumel" oder "Dum(n)" mit langem Vokal und liegt damit näher am mittelhochdeutschen Ursprung.

Mitten durchs Land verläuft zwischen Erfurt und Weimar in Nord-Süd-Richtung diese Diphthongierungslinie, die sich durch eine parallele Monophthongierungslinie als echte Lautgrenze bestätigt: Sagt der mundarttüchtige Ostthüringer lieber "Steen" oder "heeß" mit Einlaut, so bildet man im Westen eher einen Doppellaut zu "Stein" und "heiß". Insgesamt haben die Jenaer Dialektologen neun thüringische Sprachräume ausgemacht. Auch trennt eine Sprachgrenze den Norden vom Süden, wo man die Egge "treckt" und nicht "zerrt" oder die Sense "kloppt" statt "dengelt".

Eine natürliche Sprachbarriere bildet der Rennsteig. Südlich des Gebirgszuges pflegen die Menschen einen ostfränkischen, also oberdeutschen Zungenschlag, nördlich davon sind sie in der ostmitteldeutschen Sprecherfamilie verwurzelt. Für manchen Schmalkalder oder Meininger fängt ja bekanntlich hinter dem Rennsteig schon Sachsen an. "Gegen diese Vereinnahmung würde sich der Weimarer oder Holzländer Bürger natürlich wehren", schmunzelt Dialektforscher Dr. Wolfgang Lösch, "aber in der Tat sind Ostthüringer von Obersachsen manchmal nicht ganz einfach zu unterscheiden."

Häufig wird der gewiefte Sprachwissenschaftler um Gutachten gebeten, etwa zum mundartlichen "Asterix"-Comicband "Cäsar sinn Jeschenke" im nicht ganz lupenreinen Sondershäuser Dialekt oder über Stefan Raabs "Maschendrahtzaun"-Rapsong. Sein Hauptaugenmerk aber richtet der 58-jährige gebürtige Hildburghäuser aufs Thüringische Wörterbuch. Seit 1975 ist er Mitglied der Jenaer Arbeitsstelle, seit 1989 in der Nachfolge Dr. Karl Spangenbergs ihr Leiter. Wie einen Nibelungenhort hütet er die säuberlich in Karteikästen sortierten Myriaden von Wortbelegen, die Wissenschaftler seit den fünfziger Jahren mit Fragebögen und Tonbändern akribisch vor Ort einsammelten. Erst mit der Wende zog moderne Computertechnik ein.

Mit ihrer dialektgeographischen Feldforschung haben mehrere Jenaer Forschergenerationen ein engmaschiges Netz über 2 500 Orte gezogen. Vergleichende Detailstudien zu einzelnen Regionen, etwa zu 1 000 Wörtern im Jenaer, Eisenberger und Saale-Holzland-Raum, ergänzen das Projekt. "Die sprachliche Erfassung betrifft das ganze Leben in der Region", erklärt Wolfgang Lösch, Unterschiede bemerkt man vor allem in landwirtschaftlichen Wortfeldkomplexen.

Dabei hält sich Lösch mit wertenden Äußerungen sehr zurück. Wie wandelbar das Ansehen einer Dialektform im Lauf der Geschichte ist, belegt er etwa am Sächsischen: Im 18. Jahrhundert war die samtene ostmitteldeutsche Lautbildung mit Dresden als Mittelpunkt barocker Kulturblüte noch höchlichst angesehen, heute hat sie längst das Schwäbische am unteren Ende der gesamtdeutschen Beliebtheitsskala abgelöst. So etwas hatte natürlich keineswegs ästhetische, sondern politische und wirtschaftliche Ursachen, erklärt Lösch, der Wandel ging mit der Verlagerung der Machtzentren im 18. und 19. Jahrhundert einher.

Dialektforschung, so Lösch, dürfe man getrost als ernsthafte philologische und kulturhistorische Wissenschaft betrachten, für die sich neben Linguisten und Volkskundlern auch Historiker und Pädagogen interessieren. Schließlich besitzen Dialekte unbestritten eine kulturelle und identitätsstiftende Funktion. Dass der Mundart-Archivar und sein Team mit dem Thüringischen Wörterbuch eine unschätzbare Quelle für spätere Forschergenerationen anlegen, ist ihnen durchaus bewusst. Denn regionale Dialekte befinden sich im Zeitalter des "globalen Dorfes" auf dem Rückzug. "In Zentralthüringen", beklagt Lösch, "wird kaum noch Mundart gesprochen." wh