Martin Hellmann
Postdoc am Graduiertenkolleg «Leitbilder der Spätantike»

 mit dem Projekt

Spätantike Schule im karolingischen Tours
Neue Forschungen zum «Virgilius Turonensis»

Bis zur Mitte des 9. Jahrhunderts beherbergte das Martinsklosters in Tours eine der wichtigsten Gelehrtenschulen des karolingischen Kulturraums. Durch die Neubelebung spätantiker Gelehrsamkeit, die teilweise auf durchgehende Traditionen am Ort aufbauen konnte, kam dem Martinskloster eine tragende Rolle innerhalb der kulturellen Bestrebungen der Karolingerzeit zu. Wichtige Bestandteile der Ausbildung waren das Virgil-Studium und das Erlernen der Stenographie. Die Virgil-Lektüre diente der sprachlichen und rhetorischen Schulung, sowie der Förderung römischer Gesinnung. Zum Handwerkszeug der Gelehrten gehörte die Stenographie, die sogenannten tironischen Noten, deren Erfindung auf Tiro, einen Schreibsklaven Ciceros zurückgeführt wird. Korrigieren, exzerpieren und kommentieren waren typische Tätigkeiten der karolingischen Schule, bei denen die Stenographie zum Einsatz kam. Eine originelle Erfindung der Zeit war die stenographische Kommentierung von Schulautoren in eigens dafür eingerichteten Codices. Etwa 50 dieser stenographisch kommentierten Klassiker-Handschriften sind erhalten. Aufgrund der nicht leicht zu erlernenden Schriftzeichen ist die gesamte Handschriftengruppe von der Forschung bisher kaum beachtet worden. Ein berühmter und in seinen nicht-stenographischen Passagen auch öfters konsultierter Vertreter dieser Gruppe ist der «Virgilius Turonensis», Codex 165 der Burgerbibliothek in Bern.

Im Rahmen der Arbeit des Graduiertenkollegs «Leitbilder der Spätantike» werden die Kommentare des «Virgilius Turonensis» zu den zwölf Büchern der Aeneis in einer Textedition zur Verfügung gestellt.

Das kurzschriftliche Zeichenrepertoire, welches Aufschlüsse über die weitgehend unbekannte Geschichte der stenographischen Schreibtechnik in der Karolingerzeit verspricht, wird in elektronischer Form erschlossen.

Für die Leitbilder-Forschung ist die Auswertung des Gelesenen besonders ertragreich, denn in Kommentartexten zeigt sich, wie die Lektüre des kommentierten Textes wirkt. Ein Kommentar wie dieser, der in unmittelbarer Verbindung mit dem Unterricht entstanden ist, zeigt insbesondere, auf welche Wirkung die Schule abzielte. In diesem Zusammenhang wird untersucht, welche (es sind hauptsächlich spätantike) Quellen für die Herstellung des Kommentars herangezogen wurden. Augenmerk liegt auf den Methoden und Grundsätzen, nach denen die spätantiken Elemente der Gelehrsamkeit aufgenommen, kombiniert, reflektiert und transformiert wurden.

Leitbilder haben im «Virgilius Turonensis» die konkrete Form von Glossen, welche Relevanz für menschliches Handeln besitzen, z.B. Erzählungen vorbildhaften Handelns (Exempla). Als Beispiel folgt eine Glosse zu Virgil, Aeneis I 64-71 (vgl. Servius, In Aeneidos I 65) in Abbildung, Transkription und deutscher Übersetzung:
 
Bern, Burgerbibliothek, 165, fol. 55r, rechter Rand
In omni nostra petitione tria considerare debemus, scilicet: ut, quod rectum et iustum est, petamus, habeat recta ipsa petitio modum, sit etiam possibile, eum sequatur remuneratio. Sic et ista fecit: Iustum fuit, quod contra inimicos auxilium petiit; modum etiam habuit, cum dixit «incute vim ventis...». Possibilitatem adtendit verbis illi datam esse potestatem faciendi huius; subsecuta est remuneratio, cum dicit «sunt mihi...».

In all unserem Bitten müssen wir dreierlei bedenken, nämlich, daß wir erbitten, was recht und gerecht ist, daß diese rechte Bitte ein Vorgehen beinhalte, daß dieses auch machbar sei, daß ihm eine Gegenleistung folge. So machte es auch diese (Juno): Gerecht war es, weil sie Hilfe gegen die Feinde erbat, es beinhaltete auch ein Vorgehen, wenn sie sagte «flöße den Winden Kraft ein...». Mit ihren Worten wies sie auf die Möglichkeit hin, daß jenem die Macht gegeben ist, dies zu tun; die Gegenleistung folgte sofort darauf, wenn sie sagt «Ich habe (zwei mal sieben Nymphen mit vortrefflichem Körper)...».