Homo erectus von Bilzingsleben.
Os frontale, eingesetzt in Olduvai Hominid 9.
Hauptsächliche Aufgabe der Forschungsstelle Bilzingsleben ist die
Durchführung und Auswertung einer Forschungsgrabung dieser Fundstelle
durch Dietrich Mania, Ursula Mania und ein Mitarbeiter-Team im Rahmen einer
interdisziplinären Forschung. 1969 wurde der Fundhorizont entdeckt.
Seit dieser Zeit läuft die Forschungsgrabung. Die Grabungskampagnen
finden Jahr für Jahr von Juni bis September statt.
Es handelt sich um einen Fundhorizont des fossilen Menschen und seiner
Kultur, der in mittelpleistozäne Travertine eingelagert ist und auf
Grund geologischer Untersuchungen, 234U/230Th- und
ESR-Datierungen ein Alter von 350 000 - 410 000 Jahren besitzt.Bisher wurden
1 500 m2 des Fundhorizontes ausgegraben. Ca. 5,5 Tonnen Fundmaterial
wurden geborgen.
In der „Bilzingsleben Sammlung" befinden sich ca. 500 000 registrierte
Fundobjekte. Das sind Artefakte aus Stein, Knochen, Geweih und Holz und
die Reste der Jagdfauna (Skelettreste von Wirbeltieren). Dazu kommen noch
Fossilgruppen wie Mollusken, Ostrakoden, Kleinvertebraten, palynologische
Proben, Abdrücke von Pflanzen. Es werden Forschungen zur Geologie,
Stratigraphie, Sedimentologie, Pedologie, Paläontologie, Archäologie,
Paläoökologie und Anthropologie durchgeführt.
Der archäologische Fundhorizont im Travertin bei Bilzingsleben
wird mit etwa 350 000 bis 400 000 Jahren datiert. Er entstand unter optimalen
warmklimatischen Bedingungen, die durch mediterran-subkontinentalen Klimaeinfluß
gekennzeichnet waren. Unter diesen Bedingungen entstanden nach Aussage
der Pflanzenreste aus den Travertinen in den Berg- und Hügelländern
Nordthüringens und des Harzvorlandes Eichen-Buchsbaumwälder,
Buchsbaum-Fliedergesellschaften und Formationen des Berberidions. Das Großwild,
das sich in dieser Landschaft aufhielt (Waldelefanten-Fauna) war die Existenzgrundlage
des frühen Menschen. Dieser hinterließ am Ufer eines kleinen
Sees im Travertinbecken seinen Lagerplatz, der uns detailiierte Auskunft
über die soziokulturellen Verhältnisse dieses Menschen gibt.
Die Befunde und Funde zeigen, daß er fähig war, sich eine eigene
Umwelt zu schaffen mit einfachen Wohnbauten, Feuernutzung, verschiedenen
Arbeitsplätzen und Aktivitätszonen. Seine Werkzeuge waren nach
Rohstoffeigenschaften und Funktionen in Form und Größe differenziert.
Sie bestehen einerseits aus Geröllen, andererseits aus Feuerstein,
auch aus Knochen, Geweih und Elfenbein. Selbst Artefakte aus Holz kommen
vor, z.B. Jagdwaffen, wie Speere und Wurfhölzer, deren Existenz mit
Sicherheit jetzt durch die sensationellen Funde von neun derartigen Geräten
-die ältesten Holzgeräte der Welt - bestätigt wird, wie
sie in einem mit Bilzingsleben gleichaltrigen Fundhorizont bei Schöningen
im Nordharzvorland entdeckt wurden (mit Bilzingsleben kooperierendes Projekt
von H. Thieme, Landesamt für Denkmalpflege Hannover). Geplante Handlungen
und Technologien mit Zielvorstellungen lassen sich nachweisen. Ein gepflasterter
Platz mit 9 m Durchmesser und kreisförmigem Umriß mitten im
Lagerplatz hatte wohl mehr ideell-kulturelle Bedeutung als eine rein wirtschaftliche.
Wir rechnen mit frührituellen Verhaltensweisen, zu denen auch die
besondere Behandlung menschlicher Schädel (sehr wahrscheinlich von
Verstorbenen) gehört. Intentionelle Gravierungen auf Knochenartefakten
verweisen auf die Herausbildung der Fähigkeit zum abstrakten denken
und das Vorhandensein einer Sprache. Aus den Resten zweier zerschlagener
Schädel läßt sich er Bilzingslebener Mensch rekonstruieren
(nach Prof. E, Vlcek, Prag). Er war demnach ein entwickelter Homo erectus,
der besonders auffällig den Homo erectus-Funden Olduvai Hominid 9
aus Ostafrika, Pithecanthropus VIII von Java und Sinanthropus III von Choukoutien/Ostasien
gleicht. Er stellt in der Rekonstruktion des Individuums 2 von Bilzingsleben
den Prototyp des Homo erectus in Europa dar. Zu dieser Formengruppe des
fossilen Menschen gehören auch die Funde von Atapuerca -Gran Dolina
(Spanien), Tautavel (Südfrankreich), Vertesszölös (Ungarn),
Mauer bei Heidelberg. Bilzingsleben stellt ein Kulturdenkmal von Weltrang
dar und sollte auch als solches behandelt und gefördert werden. Unsere
Forschungsergebnisse haben die Wissenschaft der menschlichen Evolution
außerordentlich bereichert, besonders hinsichtlich der soziokulturellen
und geistigen Evolution. Verschiedene Hypothesen werden durch sie in Frage
gestellt.