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Dadurch, daß ostdeutsche Institutionen im Verlauf der deutschen Vereinigung durch
westdeutsche ersetzt wurden, läßt sich die Erfahrung der Wende in gewisser Weise mit
akkulturativen Prozessen vergleichen. Dieser Gedankengang verbindet unsere Forschung zu
Sozial- und Persönlichkeitsentwicklung in Zeiten sozialen Wandels mit einem anderen interdisziplinären
Projekt, das ebenfalls durch Arbeitsgruppen an verschiedenen Orten durchgeführt wird und sich explizit
auf Akkulturationsprozesse bei Aussiedlern richtet. Erneut steht der zeitliche Verlauf von Übergängen
zum Erwachsenenalter im Mittelpunkt.
Seit 1988, nach den politischen Veränderungen innerhalb des früheren Ostblocks, sind Aussiedler
zu Hunderttausenden nach Deutschland eingewandert. Die Eingewöhnung in das Land, das die
Aussiedler aus Polen, Rumänien und den Ländern der ehemaligen Sowjetunion für ihre Heimat halten,
stellt sich aufgrund von Sprachproblemen als schwierig dar. Traditionelle Wertorientierungen, wie sie
die Aussiedler teilen, stehen in Verbindung mit späten Erwartungen darüber, wann Jugendliche Autonomie
erreichen, etwa in Bereichen wie den ersten gegengeschlechtlichen Beziehungen oder dem selbständigen
Treffen von Entscheidungen. Aussiedler zwischen 10 und 16 Jahren berichten für solche Übergänge
Erwartungen, die etwa drei Jahre später liegen als unter einheimischen Jugendlichen gleichen Alters üblich.
In einer längsschnittlich angelegten Studie von fast 300 jugendlichen Aussiedlern und ihren Familien
konnten wir zeigen, daß sich die Erwartungen der Aussiedler mehr und mehr an die der Einheimischen
annäherten, je mehr Zeit die Jugendlichen in Deutschland verbracht hatten. Besonders ausgeprägt war die
Akkulturation unter solchen Jugendlichen, die erst vor kurzer Zeit in Deutschland angekommen waren.
Neuankömmlinge, die mehr mit den Eltern stritten, wenig mit ihnen kommunizierten und häufig Aktivitäten
außerhalb der Familienwohnung nachgingen, glichen sich schneller an. Wenn also Neuankömmlinge die
Chance hatten, Erfahrungen außerhalb ihrer Familie zu machen, die oftmals noch im Wohnheim wohnte,
haben sie den Lebensstil der Einheimischen schneller übernommen. Jugendliche nämlich, die bereits länger
in Deutschland lebten, brauchten den Anstoß durch Familienprobleme oder häufige Außenkontakte nicht,
sie glichen sich in jedem Fall an. Weitere Forschung wird sich auf die Folgen verfrühter Entwicklungserwartungen
richten. Weiter werden wir Problemverhaltensweisen untersuchen, etwa den Gebrauch von Alkohol oder auch
Störungen des Wohlbefindens der Aussiedlerjugendlichen.
- Schmitt-Rodermund, E. (1997). Akkulturation und Entwicklung. Eine Studie unter jungen Aussiedlern. Weinheim: Psychologie Verlags Union.
- Silbereisen, R. K., Lantermann, E. D. & Schmitt-Rodermund, E. (Hrsg.) (1999). Aussiedler in Deutschland: Akkulturation von Persönlichkeit und Verhalten. Opladen: Leske + Budrich.
- Schmitt-Rodermund, E. & Silbereisen, R. K. (1999). Determinants of differential acculturation of developmental timetables among adolescent immigrants to Germany. International Journal of Psychology, 34, 219-233.
- Schmitt-Rodermund, E. & Silbereisen, R. K. (2002). Psychosoziale Probleme bei jungen Aussiedlern - Eine Längsschnittstudie. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und und Pädagogische Psychologie, 34, 63-71.
- Schmitt-Rodermund, E. & Silbereisen, R. K. (2002). Akkulturation und Entwicklung: Jugendliche Immigranten. In R. Oerter & L. Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie (S. 893-906). Weinheim: Psychologie Verlags Union.
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Projektleiter
Silbereisen, R. K., in Zusammenarbeit mit E. Schmitt-Rodermund
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