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Biopsychosoziale Mechanismen der Entwicklung von Fehlanpassung während der Pubertät

Dieses Forschungsprogramm konzentriert sich auf die Abbildung von Entwicklungsmechanismen innerhalb eines biopsychosozialen Modells, welches von der dynamischen Interaktion biologischer und sozialer Veränderungen sowie psychischer Komponenten zur Herausbildung fehlangepasster aber auch normativer Verhaltensweisen ausgeht. Innerhalb dieses theoretischen Rahmens haben wir 1998/1999 eine Pilotstudie mit 33 Mädchen und deren besten Freundinnen (Kernstichprobe) im Alter von 9 bis 13 Jahren durchgeführt. In diesem Projekt geht es um das Zusammenspiel endokrinologischer Prozesse, kortikaler Funktionen sowie sozialer Erfahrungen und deren Einfluss auf die psychosoziale Anpassung in der frühen Adoleszenz. Verschiedenste Erhebungsmethoden wurden zur Datengewinnung eingesetzt, welche eine prozess-synchrone Erfassung endokrinologischer, peripherphysiologischer, kortikaler, psychologischer und behavioraler Daten ermöglichten. Neben der Erhebung von Fragebogendaten wurde die Event-Sampling-Methode eingesetzt, gekoppelt mit der Nutzung von Signalgebern (Beeper) und elektronischen Fragebögen (Palm-Handcomputer). Weiterhin wurden Konfliktgespräche der Mädchen mit ihren Müttern, Freundinnen und einem Jungen videographiert und simultan verschiedene physiologische und endokrinologische Daten aufgezeichnet. Außerdem wurden mit Hilfe eines Data Loggers Positionsdaten im freien Feld zur Kartographierung und Spezifikation von Aktionsradien der Mädchen erhoben. Letztlich nahmen die Versuchspersonen an einer EEG-Untersuchung teil, die die Wortverarbeitung pubertätsrelevanter Reizwörter untersuchen sollte. Die Datenanalysen fokussierten insbesondere auf Korrelate von Variationen im Zeitpunkt der körperlichen Entwicklung hinsichtlich verschiedener Indikatoren sowohl negativer als auch positiver Entwicklungsergebnisse. Beispielsweise konnten wir zeigen, dass Mädchen, die früher als andere Gleichaltrige körperlich reifen, nicht per se depressiver sind und mehr Essprobleme haben, trotzdem aber stärker emotionale Irritationen wie negativen Affekt oder Anspannung und Nervosität berichteten. Weiterhin ergab sich, dass Früh- und Spätpubertierende in Konfliktgesprächen engagierter die Mutter zur Konfliktlösung führten als Anzeichen fortgeschrittener Individuation. Dies mündete aber nur bei den Frühen durch die Reaktion der Mutter in ein symmetrisches, erwachsenentypisches Interaktionsmuster.

Im Jahr 2004 konnten 50 Mädchen für die Teilnahme an einer zweiten Erhebungswelle gewonnen werden. Ziel der Untersuchung war es, Lebensumstände und psychosoziale Anpassung der Mädchen im Alter zwischen 15 und 20 Jahren zu erheben. Dabei ging es nicht nur um Anpassungsprobleme (z.B. Depression, Substanzkonsum, Delinquenz), sondern auch um normative (Individuation von den Eltern) und gelungene Entwicklungsergebnisse (z.B. Ressourcen und Stärken, sog. developmental assets) der Jugendlichen. Die Entwicklungsergebnisse in der späten Adoleszenz wurden mit dem pubertären Entwicklungstempo zur ersten Erhebungswelle in Beziehung gesetzt, um die Langzeiteffekte der Unterschiede im pubertären Entwicklungstempo zu untersuchen. Die Reaktivierung erfolgte mittels Fragebogen. In den Ergebnissen zeigte sich, dass das pubertäre Entwicklungstempo in der vorliegenden Stichprobe keinen Effekt auf internalisierte Symptome wie depressive Verstimmung und Ängstlichkeit ausgangs der Adoleszenz hat. Allerdings wurde bezüglich der Individuation von den Eltern nachgewiesen, dass Frühpubertierende noch im Alter von 18 Jahren stärker nach Autonomie streben als andere Gleichaltrige. Ferner berichten Frühe eine geringere Unterstützung durch ihr soziales Umfeld als Normative und Späte. Im Hinblick auf externalisiertes Verhalten zeigten früh- und spätpubertierende Mädchen verglichen mit Gleichaltrigen einen erhöhten Substanzkonsum (Alkohol, Zigaretten).

Im Jahr 2005/2006 konnten alle 50 Probandinnen der sog. Kernstichprobe in einem zweiten Follow-up erneut reaktiviert werden. Weiterhin wurde erstmals eine hierzu parallelisierte, umfangreichere Zusatzstichprobe junger Frauen rekrutiert, deren soziodemographischen Merkmale mit denen der Kernstichprobe vergleichbar sind. Erstes Ziel der geplanten Studie war die längsschnittliche Untersuchung der Effekte des pubertären Entwicklungstempos auf die psychosoziale Anpassung der jungen Frauen im Alter zwischen 16 und 21 Jahren. Dabei wurden wiederum gelungene (Ressourcen, Lebenszufriedenheit) und misslungene Anpassung (internalisiertes und externalisiertes Problemverhalten, vorzeitige Übernahme erwachsenentypischer Entwicklungsrollen wie z.B. frühe Mutterschaft) gemeinsam untersucht. Ein zweites Ziel bestand in der Identifikation von Faktoren, die die Beziehung zwischen dem körperlichen Entwicklungstempo der Mädchen in der Pubertät und langfristigen Problemen in der psychosozialen Anpassung im jungen Erwachsenenalter vermitteln. Es wurde angenommen, dass besonders die Qualität sozialer Beziehungen zu Eltern, Freunden bzw. einem romantischen Partner als Mediator wirkt. Die Erhebung der Daten erfolgte mit verschiedenen Instrumenten. Neben Fragebogendaten werden auch Beobachtungsdaten erfasst. Hierzu führten die Probandinnen am Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie ein Konfliktgespräch mit ihren Müttern, das per Video aufgezeichnet wurde. Schließlich wurden biologische Indikatoren für das Stresserleben der jungen Frauen während der Mutter-Tochter-Interaktionen genutzt. Die Erfassung des Stressniveaus erfolgte mit Hilfe von Cortisol, das im Speichel gemessen werden kann.

Hierbei konnte bespielsweise gezeigt werden, dass Mädchen, die sich über mehrere Messzeitpunkte als Spätpubertierende klassifizierten, im jungen Erwachsenenalter verglichen mit Normativen depressiver und ängstlicher sind und eine niedrigere Lebenszufriedenheit zeigen, was insgesamt für eine schlechtere psychosoziale Anpassung verglichen mit anderen Altersgleichen spricht.

Weiterhin zeigte sich bei der Gruppe der konsistent Frühpubertierenden, dass diese Mädchen im Vergleich zu den Normativen im jungen Erwachsenenalter stärker nach Autonomie strebten, d.h. sie reagierten emotional stärker auf Bevormundung durch den Vater und berichteten ein geringeres Bedürfnis nach Anerkennung, Nähe und Rückhalt durch die Mütter. Sie zeigten auch während Konflikgesprächen mit ihren Müttern eine höhere Stressreaktion (Alpha-Amaylase), kritisierten ihre Mütter am meisten und forderten diese durch stete Rückfragen heraus.

Aktuell erfolgt eine neue Datenerhebung im Projekt (2008/2009) zur Erforschung der Folgen von Unterschieden im pubertären Entwicklungstempo bei Frauen im Erwachsenenalter.

Die Studie wurde mit Mitteln des Center for Applied Developmental Science finanziert.

Handout

Veröffentlichungen

  • Weichold, K. Büttig, S. & Silbereisen, R. K. (2008). Effects of pubertal timing on communication behaviors and stress reactivity in young women during conflict discussions with their mothers. Journal of Youth and Adolescence, 37(9), 1123-1133.
  • Weichold, K. & Silbereisen, R. K. (2008). Pubertät und psychosoziale Anpassung. In M. Hasselhorn & R.K. Silbereisen (Hrsg.), Enzyklopädie Psychologie, Serie V (Entwicklung) Band 5 Entwicklungspsychologie des Jugendalters (S. 3-53). Göttingen: Hogrefe.
  • Büttig, S., Weichold, K. & Silbereisen, R.K. (2007). Pubertäres Timing bei Mädchen und Folgen in der späten Adoleszenz. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 39 (3), 111-119.
  • Weichold,K., Silbereisen, R. K., & Schmitt-Rodermund, E. (2003). Short- and long-term consequences of early versus late physical maturation in adolescents. In C. Hayward (Ed.), Puberty and psychopathology (pp. 241-276). Cambridge, MA: Cambridge University Press.
Projektleiter
Silbereisen, R. K. und K. Weichold


Webmanager: jacqueline.von.lipinski@uni-jena.de, Last updated: Freitag, 29. April 2011 09:31:55