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Sozial- und Persönlichkeitsentwicklung in Zeiten sozialen Wandels

In einem interdisziplinären Forschungsprogramm wird die Sozial- und Persönlichkeitsentwicklung im frühen Jugendalter bis frühen Erwachsenenalter untersucht. Die Datenerhebung begann kurz nach der Wiedervereinigung Deutschlands und schloß junge Menschen aus allen Teilen Deutschlands ein. Ab 1991 wurden im Zwei-Jahres-Abstand Jugendliche (damals 13-19 Jahre alt), junge Erwachsene (damals 20-29 Jahre alt) und deren Eltern befragt (drei Erhebungswellen: 1991, 1993, 1995). Ferner wurde von 1993 bis 1997 eine Stichprobe von Kindern (damals 10-13 Jahre alt) und deren Eltern mit Ausnahme des Jahres 1996 jedes Jahr einmal befragt. Im Frühjahr 1996 fand zudem eine unabhängige Querschnitterhebung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 13 bis 29 Jahren statt, die mit der Erhebung von 1991 vergleichbar ist. Die längsschnittlichen Befragungen wurden durch eine qualitative Intensivstudie ergänzt, an der 91 Jugendliche im Alter von 11 bis 16 Jahren sowie deren Mütter teilnahmen. Diese Mutter-Kind-Dyaden füllten Fragebögen aus und diskutierten vor laufender Videokamera familiäre Konflikte. Des weiteren wurden zur Bestimmung des Testosteron- und Kortisolgehalts Speichelproben genommen. 76 Dyaden wurden nach 2 Jahren erneut untersucht.

Ein zentrales Thema der gegenwärtigen Analysen stellt der Zeitpunkt psychosozialer Übergänge im Jugend- und jungen Erwachsenenalter dar, wie z.B. erste romantische Beziehungen oder erste Berufsvorstellungen, Auszug aus dem Elternhaus oder Heirat. Einesteils wurden interindividuelle Unterschiede im Zeitpunkt solcher psychosozialen Übergänge als Funktion von Belastungen (Krankheit, Scheidung der Eltern, Arbeitslosigkeit, usw.), Persönlichkeitsmerkmalen (Selbstwirksamkeits- Überzeugungen, politische Einstellungen), innerfamiliären Erfahrungen (ökonomische Belastungen, Ehekonflikte, Eltern-Kind-Beziehungen, Sozial-Kapital) sowie der Beziehung zu Gleichaltrigen (Mitgliedschaft in Cliquen, Freizeitaktivitäten) untersucht.

Darüber hinaus wurden Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den zwei wiedervereinigten Teilen Deutschlands untersucht, wobei die Ergebnisse die Rolle institutioneller und politischer Rahmenbedingungen für die Entwicklung Jugendlicher aufzeigten: Demnach spielen individuelle Erfahrungen und Entscheidungen in Westdeutschland eine größere Rolle als im anderen Landesteil, vor allem im Hinblick auf den Zeitpunkt stärker institutionell beeinflußter Übergänge wie ersten Berufsvorstellungen oder dem Heiratsalter. Der Vergleich äquivalenter Kohorten von 1991 und 1996, Jahre nach der Wiedervereinigung, enthüllte ferner trotz des radikalen Umbruches im institutionellen und gesellschaftlichen Kontext eine nur graduelle Veränderung im Zeitpunkt psychosozialer Übergänge. Somit scheint sich sozialer Wandel nur begrenzt auf die psychosoziale Entwicklung auszuwirken, eine Schlußfolgerung, die auch von anderen mit Blick auf die Konsequenzen ökonomischer Belastungen gezogen wurde.

Neben der zentralen Fragestellung zum Zeitpunkt psychosozialer Übergänge wurden auch andere Aspekte des Jugend- und jungen Erwachsenenalters untersucht, wie z.B. Problemverhalten (depressive Gestimmtheit, delinquentes Verhalten, Substanzgebrauch), normatives Verhalten (körperlicher Entwicklungsstatus, Eltern-Kind-Beziehungen, Schulleistungen usw.) oder Werte und Wertewandel. So wurde etwa gezeigt, daß die Wiedervereinigung in Ostdeutschland mit einem Trend zu mehr individualistischen gegenüber kollektivistischen Werten einherging, und dies insbesondere bei den jüngeren Kohorten. Die Befragten älterer Kohorten hingegen, welche die schulische und zum Teil sogar die berufliche Ausbildung vor der Wiedervereinigung abgeschlossen haben, zeigten so gut wie keine Veränderungen in ihren Wertorientierungen. Zusammenfassend zeigt dieses Forschungsprogramm die Möglichkeiten und Grenzen der Plastizität von Entwicklung im Jugendalter in Zeiten sozialen Wandels auf.

  • Silbereisen, R.K. & Zinnecker, J. (Hrsg.)(1999). Entwicklung im sozialen Wandel. Weinheim: Beltz.
  • Reitzle, M., Vondracek, F. W., & Silbereisen, R. K. (1998). Timing of school-to-work transitions: A developmental-contextual perspective. International Journal of Behavioral Development, 22, 7-28.
  • Silbereisen, R. K., Vaskovics, L. A., & Zinnecker, J. (1996). (Hrsg.). Jungsein in Deutschland . Opladen: Leske + Budrich.
  • Zinnecker, J. & Silbereisen, R. K. (1996). (Hrsg.). Kindheit in Deutschland. Aktueller Survey über Kinder und ihre Eltern. Weinheim: Juventa.
Projektleiter
Silbereisen, R. K.


Webmanager: jacqueline.von.lipinski@uni-jena.de, Last updated: Freitag, 29. April 2011 09:31:57