Hängen die Chancen, sich bürgerschaftlich und politisch zu engagieren, mit Bedingungen in den Kommunen bzw. mit der Wahrnehmung dieser Bedingungen durch die Bürgerinnen und Bürger zusammen?
Am Ausgangspunkt der forschungsleitenden Überlegungen steht die wachsende Zahl von Kommunen, die durch ungünstige Strukturen und daraus resultierende erschwerte Lebensbedingungen gekennzeichnet sind. Hier stehen insbesondere ostdeutsche Kommunen im Fokus, die häufig mit gravierenden sozialen, ökonomischen und demografischen Problemen konfrontiert sind. In solchen Kommunen, so die weitergehende Annahme, haben es politische Parteien und Wählvereinigungen schwer, für lokale Parteiämter und kommunale Mandate geeignete Kandidatinnen oder Kandidaten zu gewinnen. In analoger Weise trifft die Annahme einer erschwerten Rekrutierung auch auf bürgerschaftliche und ehrenamtliche Dienste zu.
Offen ist allerdings, welche genaue Wirkungskette zwischen den tatsächlich vorhandenen erschwerten Lebensbedingungen in der Kommune und der geringen Engagementbereitschaft der Menschen besteht. Auf welche Weise senken strukturelle Faktoren in den Kommunen die individuelle Motivation, sich für ein bürgerschaftliches Ehrenamt oder für eine Partei zu engagieren? Das Projekt möchte diese Fragen beantworten und, dies ist das Besondere, es verknüpft hierfür das eher politikwissenschaftlich gerahmte Forschungsthema mit Konzepten aus der Entwicklungspsychologie, indem mittels der Entwicklungsguthaben (Developmental Assets, im folgenden DA) ein subjektives Element der kontextuellen Wahrnehmung in das Untersuchungsdesign eingefügt wird. Diese DA beziehen sich auf die positiven Erfahrungen, die Menschen in ihrer Umwelt machen. Der Schwerpunkt liegt dabei explizit nicht auf der Erfassung objektiver Lebenslagen, sondern auf ihrer subjektiven Bewertung. Nehmen Bürger demzufolge ihre eigene Lebensumwelt in strukturschwachen Kommunen tatsächlich als prekär für die Verwirklichung ihrer Lebensperspektive in Arbeit und Familie wahr? Empfinden sie deshalb auch nur geringe Anreize, sich für die Gemeinschaft bürgerschaftlich und/oder politisch zu engagieren? Erste vorläufige Befunde des Projekts liefern bereits eine erfolgversprechende Ausgangsbasis für vertiefende Analysen. So konnte bereits gezeigt werden, dass es deutliche regionale Unterschiede in der Wahrnehmung von familienbezogenen DA in den Kommunen seitens der Bürger gibt und dass diese Unterschiede tatsächlich mit bürgerschaftlichem Engagement in Verbindung stehen (siehe Abbildung).
Abbildung: Beispiele für signifikante Unterschiede in den Wahrnehmungen familiärer und gemeindebezogener Entwicklungsguthaben (developmental assets) bei jungen Erwachsenen nach Region
In diesem interdisziplinären Projekt geht es somit um die Verknüpfung objektiver Regionaldaten, deren individueller Wahrnehmung durch die Einwohner und der daraus resultierenden Bereitschaft, sich für Politik oder Ehrenamt zu engagieren. Durch diesen Brückenschlag zwischen der Ebene regionaler Strukturen und der Ebene von persönlicher Entwicklung sollen aber nicht nur das Engagement lähmende Faktoren benannt, sondern auch solche erkannt werden, welche bürgerschaftliches oder politisches Engagement steigern und aktivieren können. Vor dem Hintergrund solcher Erkenntnisse erhofft sich das Projekt auch, konkrete Beratungsangebote entwickeln zu können, die Parteien und Verbände Wege aufzeigen, wie Anreize für ein stärkeres Engagement gesetzt werden können. Darüber hinaus wollen wir gegebenenfalls auch praktische Interventionen begleiten um zu belegen, welche regionalspezifischen Bedingungen mit vertretbaren Mitteln veränderbar sind, um damit günstigere Bedingungen für bürgerschaftliches Engagements und politische Beteiligung zu schaffen. Mit dem Projekt sollen also explizit auch politikberatende Wirkungen in den politischen und gesellschaftlichen Raum erzielt werden.
Im Herbst 2010 beginnen die Datenerhebungen im CATI Labor Jena. Geplant ist, eine Stichprobe von 1.400 jungen Erwachsenen im Alter von 19 bis 40 Jahren per Telefon zu interviewen.
Das Kultusministerium Sachsen-Anhalt und der Innovationsfond des Sonderforschungsbereichs 580 der Deutschen Forschungsgemeinschaft haben die Anschubfinanzierung für die Erarbeitung des Projektantrags übernommen.
DFG-Sonderforschungsbereich 580
Lehrbereich Systemanalyse und Vergleichende Politik, Uni Halle-Wittenberg