Impulsgeber für eine neue soziale Bewegung Schweiz?
Die von der «Wochenzeitung», der Roten Fabrik und Gewerkschaften
initiierte Veranstaltungsreihe «Europa von links» begann mit einem
Auftritt des französischen Soziologen Pierre Bourdieu. Die Schweizer
Linke sucht nach einer neuen Allianz zwischen Intelligenz und sozialer
Bewegung. Der Referent, selber Exponent dieser Koalition, zeichnete
eine Welt der symbolischen - und daher schwer zu bekämpfenden -
Dominanz des Kapitalismus, der eine andere Deutung entgegenzusetzen
sei, damit die Linke wieder handlungsfähig werde.
He. Die Veranstalter - «Wochenzeitung», Gewerkschaften und Rote Fabrik
- wollen mit der Veranstaltungsreihe «Europa von links» auch die Frage
aufwerfen, was die schweizerische Linke für inhaltliche Vorstellungen
hat, um dem Europa der Unternehmer ein soziales Europa von unten
entgegenzusetzen. Pierre Bourdieu, der Star der engagierten Soziologie
- Antonio Gramsci hatte den Begriff «organische Intellektuelle»
geprägt für jene Denker, die die soziale Lage mit reflektieren -, zog
ein riesiges, zum Teil sehr junges Publikum in die Rote Fabrik. Selbst
in der geräumigen Aktionshalle fanden nicht alle Interessierten
Einlass. Und das Publikum unterbrach den virtuosen Redefluss des
Franzosen immer wieder mit stürmischem Applaus. Ob auf die Bekanntheit
des Referenten oder auf das Bedürfnis der Linken nach Orientierung und
Einigung zurückzuführen - der Andrang war beeindruckend.
Dominanz einer einzigen Sicht
Bourdieu führte an Beispielen vor, wie Wissenschaft und Medien den
Diskurs der Mächtigen übernehmen, wenn es darum geht, den Zustand der
Welt zu beschreiben. So sei stets von Wandel die Rede, ausser acht
gelassen werde alles, was sich nicht verändere, und wer Einwände gegen
die These vom umfassenden Wandel vorbringe, werde als rückständig
etikettiert. Soziologen wie Anthony Giddens - welcher sich als Berater
Tony Blairs, der als Sozialist neoliberale Politik mit besonderem
Erfolg betreibe, offener als viele andere Intellektuelle in den Dienst
der Macht gestellt habe - oder Ulrich Beck glorifizierten das Risiko.
Gleichzeitig werde in der Unternehmenswelt das Risiko dank
Gewinngarantien für Aktionäre einseitig auf die Arbeitnehmer
verschoben.
Den Beobachtern dürfe hinter all den medienwirksamen Prophezeiungen
und Beschwörungen nicht entgehen, was wirklich neu ist an der heutigen
Zeit. So werde zwar behauptet, es gebe eine Verlagerung des Einflusses
weg von den Managern zurück zu den Eigentümern. In Tat und Wahrheit
liege die Macht weder bei den einen noch bei den andern, sondern es
vollziehe sich eine gewaltige Konzentration des Kapitals. Die
Gewerkschaften hätten im Reden über die Anhäufung von
Vorsorgekapitalien die Sprache der ökonomischen Orthodoxie übernommen
und so ihre eigentliche Rolle vergessen.
Dritte Welt in der Ersten Welt
Ein wirtschaftlicher Dualismus - wenige an technologisch gut
ausgestatteten Arbeitsplätzen Beschäftigte stehen einer Mehrheit von
schlecht ausgebildeten, je nach Bedarf eingesetzten Hilfskräften
gegenüber - halte auch in Amerika und in Europa Einzug. Als Folge des
vorherrschenden Prinzips der raschen Profitmaximierung würden viele
Menschen reduziert auf kurzzeitige Rollen, diese instantanéisation
beraube sie einer kohärenten Vorstellung über die eigene Zukunft und
die ihrer Kinder. Nicht von ungefähr habe André Gorz vor Jahren schon
die Dienstleistungsgesellschaft als eine Gesellschaft der Diener
bezeichnet. Auch die Rede von der informatisierten Wirtschaft sei eine
Mythologie, der Zugang zum Internet sei stark hierarchisiert, dabei
könnte dieses tatsächlich ein Instrument der Demokratie sein.
In der Main-Stream-Rede werde die Individualisierung auf die Spitze
getrieben und als sinnvolle Wahl des Menschen propagiert, dabei wisse
man, dass die Strukturen die Individuen produzieren. Mehr Glaube denn
Realität ist es laut Bourdieu, wenn behauptet wird, die neue Ökonomie
schaffe neue Menschen, die nur egoistisch auf die Erfüllung der
eigenen Bedürfnisse schauten. Wer diese Wirtschaft akzeptiere - und
vom Grossteil der Medien der Wissenschaft werde sie als ein
unabwendbares Naturphänomen dargestellt -, entwerfe auch dieses neue
Menschenbild. Das sei Ausfluss eines schon von Aldous Huxley
inkriminierten «Rassismus der Intelligenz».
Gegenstrategie und alternative Deutung
Als Gegenstrategie sieht Bourdieu die Pflege des kulturellen Kapitals,
dessen Grundlage - dafür könne einzig der Staat verantwortlich sein -
eine gute Schul- und Berufsbildung für alle ist, welche wiederum zu
Autonomie und Kompetenz der sozialen Bewegung beiträgt. Obwohl er
selber in der Jugend ein spontaner «antiétatiste» war, plädiert der
70-Jährige - gerade mit Blick auf «Staaten ohne Staat» - für die
Erhaltung des Staates. Das der Neoliberalismus diesen immer mehr
schwäche, komme nicht von ungefähr.
Wenn die soziale Bewegung von unten sich mit den Waffen der Bildung
ausstatte, werde es erst möglich - und die Indizien dafür seien
bereits zahlreich -, der dominanten eine andere Mythologie
entgegenzuhalten. Denn nur der Glaube an eine Alternative gibt
alternativem Handeln eine Chance. Nicht beantworten konnte der
Hoffnungsträger der Schweizer Linken die Frage, wer denn die bösen
Kräfte seien, deren Opfer heute schon fast alle zu sein scheinen. Dass
man sie nicht benennen kann, gehört mit zum System.