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Samstag, 20. Mai 2000

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Pierre Bourdieu gegen das Elend der Intelligenz

Impulsgeber für eine neue soziale Bewegung Schweiz?

Die von der «Wochenzeitung», der Roten Fabrik und Gewerkschaften initiierte Veranstaltungsreihe «Europa von links» begann mit einem Auftritt des französischen Soziologen Pierre Bourdieu. Die Schweizer Linke sucht nach einer neuen Allianz zwischen Intelligenz und sozialer Bewegung. Der Referent, selber Exponent dieser Koalition, zeichnete eine Welt der symbolischen - und daher schwer zu bekämpfenden - Dominanz des Kapitalismus, der eine andere Deutung entgegenzusetzen sei, damit die Linke wieder handlungsfähig werde.

He. Die Veranstalter - «Wochenzeitung», Gewerkschaften und Rote Fabrik - wollen mit der Veranstaltungsreihe «Europa von links» auch die Frage aufwerfen, was die schweizerische Linke für inhaltliche Vorstellungen hat, um dem Europa der Unternehmer ein soziales Europa von unten entgegenzusetzen. Pierre Bourdieu, der Star der engagierten Soziologie - Antonio Gramsci hatte den Begriff «organische Intellektuelle» geprägt für jene Denker, die die soziale Lage mit reflektieren -, zog ein riesiges, zum Teil sehr junges Publikum in die Rote Fabrik. Selbst in der geräumigen Aktionshalle fanden nicht alle Interessierten Einlass. Und das Publikum unterbrach den virtuosen Redefluss des Franzosen immer wieder mit stürmischem Applaus. Ob auf die Bekanntheit des Referenten oder auf das Bedürfnis der Linken nach Orientierung und Einigung zurückzuführen - der Andrang war beeindruckend.

Dominanz einer einzigen Sicht

Bourdieu führte an Beispielen vor, wie Wissenschaft und Medien den Diskurs der Mächtigen übernehmen, wenn es darum geht, den Zustand der Welt zu beschreiben. So sei stets von Wandel die Rede, ausser acht gelassen werde alles, was sich nicht verändere, und wer Einwände gegen die These vom umfassenden Wandel vorbringe, werde als rückständig etikettiert. Soziologen wie Anthony Giddens - welcher sich als Berater Tony Blairs, der als Sozialist neoliberale Politik mit besonderem Erfolg betreibe, offener als viele andere Intellektuelle in den Dienst der Macht gestellt habe - oder Ulrich Beck glorifizierten das Risiko. Gleichzeitig werde in der Unternehmenswelt das Risiko dank Gewinngarantien für Aktionäre einseitig auf die Arbeitnehmer verschoben.

Den Beobachtern dürfe hinter all den medienwirksamen Prophezeiungen und Beschwörungen nicht entgehen, was wirklich neu ist an der heutigen Zeit. So werde zwar behauptet, es gebe eine Verlagerung des Einflusses weg von den Managern zurück zu den Eigentümern. In Tat und Wahrheit liege die Macht weder bei den einen noch bei den andern, sondern es vollziehe sich eine gewaltige Konzentration des Kapitals. Die Gewerkschaften hätten im Reden über die Anhäufung von Vorsorgekapitalien die Sprache der ökonomischen Orthodoxie übernommen und so ihre eigentliche Rolle vergessen.

Dritte Welt in der Ersten Welt

Ein wirtschaftlicher Dualismus - wenige an technologisch gut ausgestatteten Arbeitsplätzen Beschäftigte stehen einer Mehrheit von schlecht ausgebildeten, je nach Bedarf eingesetzten Hilfskräften gegenüber - halte auch in Amerika und in Europa Einzug. Als Folge des vorherrschenden Prinzips der raschen Profitmaximierung würden viele Menschen reduziert auf kurzzeitige Rollen, diese instantanéisation beraube sie einer kohärenten Vorstellung über die eigene Zukunft und die ihrer Kinder. Nicht von ungefähr habe André Gorz vor Jahren schon die Dienstleistungsgesellschaft als eine Gesellschaft der Diener bezeichnet. Auch die Rede von der informatisierten Wirtschaft sei eine Mythologie, der Zugang zum Internet sei stark hierarchisiert, dabei könnte dieses tatsächlich ein Instrument der Demokratie sein.

In der Main-Stream-Rede werde die Individualisierung auf die Spitze getrieben und als sinnvolle Wahl des Menschen propagiert, dabei wisse man, dass die Strukturen die Individuen produzieren. Mehr Glaube denn Realität ist es laut Bourdieu, wenn behauptet wird, die neue Ökonomie schaffe neue Menschen, die nur egoistisch auf die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse schauten. Wer diese Wirtschaft akzeptiere - und vom Grossteil der Medien der Wissenschaft werde sie als ein unabwendbares Naturphänomen dargestellt -, entwerfe auch dieses neue Menschenbild. Das sei Ausfluss eines schon von Aldous Huxley inkriminierten «Rassismus der Intelligenz».

Gegenstrategie und alternative Deutung

Als Gegenstrategie sieht Bourdieu die Pflege des kulturellen Kapitals, dessen Grundlage - dafür könne einzig der Staat verantwortlich sein - eine gute Schul- und Berufsbildung für alle ist, welche wiederum zu Autonomie und Kompetenz der sozialen Bewegung beiträgt. Obwohl er selber in der Jugend ein spontaner «antiétatiste» war, plädiert der 70-Jährige - gerade mit Blick auf «Staaten ohne Staat» - für die Erhaltung des Staates. Das der Neoliberalismus diesen immer mehr schwäche, komme nicht von ungefähr.

Wenn die soziale Bewegung von unten sich mit den Waffen der Bildung ausstatte, werde es erst möglich - und die Indizien dafür seien bereits zahlreich -, der dominanten eine andere Mythologie entgegenzuhalten. Denn nur der Glaube an eine Alternative gibt alternativem Handeln eine Chance. Nicht beantworten konnte der Hoffnungsträger der Schweizer Linken die Frage, wer denn die bösen Kräfte seien, deren Opfer heute schon fast alle zu sein scheinen. Dass man sie nicht benennen kann, gehört mit zum System.

Neue Zürcher Zeitung, 20. Mai 2000
 

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