HOME

 

Forschungsprojekt "Gesellschaftliche Differenzierungsprozesse in der DDR"

 

Projektleitung: Prof. Dr. Heinrich Best, Dr. Stefan Hornbostel
Mitarbeiter: Dr. Joachim Loose, Dr. Heinz Mestrup, Dr. Dietmar Remy, Immo Wittig

Studentische Mitarbeiter: Stephan Golm, Sebastian Hase (bis 2000), Stefanie Kämmerer, Christina Keller, Volker Klak, Axel Salheiser

Drittmittelgeber: DFG

Laufzeit: Okt. 1999 bis Sept. 2001

 

Gegenstand des Forschungsprojektes ist die Identifizierung und Analyse zentraler Dimensionen gesellschaftlicher Differenzierung der DDR und grundlegender Steuerungsmechanismen einer staatssozialistischen Gesellschaft, insbesondere vor dem Hintergrund der sozialegalitären Zieldefinitionen des DDR-Regimes. Im Zentrum steht hierbei die Frage nach den typischen „Opportunitätsstrukturen“ in den Laufbahnen und Karrieremustern von Führungskräften, verortet im Spannungsfeld von Fachkompetenz und politischer Loyalität. Im Einzelnen beziehen sich die Forschungsfragen auf Ausmaß und Art horizontaler und vertikaler Mobilität, auf die Rolle des Bildungssystems in den Allokationsprozessen, auf die Relevanz symbolischer Kapitalien, auf die Bedeutung von Systemloyalität versus Fachqualifikation, auf die Verknüpfungsstrukturen verschiedener Teilsysteme des Führungspersonals und auf das Ausmaß der Selbstreproduktion von Führungsschichten.

 

Datenbasis des Forschungsprojektes sind "prozessproduzierte Daten" der DDR-Administration: Der "Zentrale Kaderdatenspeicher" (ZKDS) des Ministerrates der DDR. Dieser "Datenspeicher" diente in der DDR als Kontroll- und Steuerungsinstrument bei der Auswahl und dem Einsatz von Führungskadern und Mitarbeitern. Die Daten wurden direkt in den Betrieben erfasst und an zentraler Stelle weiterverarbeitet. Für uns verfügbar sind Datensätze ab dem Jahr 1980 mit – für Forschungszwecke aufbereiteten und anonymisierten –  Informationen über insgesamt rund 650000 Führungskräfte aus Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft und Politik. In über 500 Variablen sind – teilweise als Verlaufsdaten – Angaben zu folgenden Bereichen enthalten: Soziale und politische Herkunft, Aus- und Weiterbildung, Mitgliedschaften in Parteien und gesellschaftlichen Organisationen, beruflicher Werdegang einschließlich der Arbeitsstellen, ausgeübte besondere Funktionen, spezielle Kenntnisse, erhaltene Auszeichnungen, Auslandsaufenthalte, Kinderzahl, sowie einige Informationen zu den Eltern und zum Partner.

 

In Ergänzung zum empirisch-quantitativ ausgerichteten Projektteil liegt ein eigener Forschungsschwerpunkt in einer an geschichtswissenschaftlichen Methoden orientierten quellenkritischen Rekonstruktion der Entstehung und Nutzung der Kaderdatenspeicher. In diesem Kontext werden umfassende Archivstudien und qualitative Auswertungen von Personalakten in Archiven ehemaliger DDR-Betriebe vorgenommen.

 

Bisherige Analysen des Datenmaterials haben sich vorrangig mit der Rekrutierung der DDR-Leitungskräfte befasst. Hierbei hat sich gezeigt, dass das von der DDR propagierte Selbstbild eines "Arbeiter- und Bauernstaates" bestenfalls für die Gründerjahre Evidenz beanspruchen konnte. Für die Folgezeit sind demgegenüber Prozesse sozialer Schließung charakteristisch, die sich in den Finaljahren der DDR offenbar immer beschleunigter vollzogen haben: Es lässt sich zunehmend eine Rekrutierung des Führungspersonals aus der Intelligenz – also eine Selbstrekrutierung – feststellen. Die Befunde wecken Zweifel an der Vorstellung einer homogenen gesellschaftlichen DDR-Elite – statt dessen existierten beträchtliche sektorale und positionale Differenzierungen. Im Bereich der Funktionselite der Wirtschaft wirkten meritokratische Selektionsmuster in einem nicht erwarteten Maße. Es bildeten sich offenbar erhebliche subsystemare Eigenrationalitäten heraus, die sich durch Prozesse der Selbstrekrutierung verfestigen konnten. Schließlich entpuppt sich auch das Postulat der "Gleichberechtigung der Geschlechter" als Mythos: Der Frauenanteil in Leitungspositionen nimmt über die Hierarchieebenen kontinuierlich ab (eine einzige Ausnahme bilden die Räte der Bezirke, in denen sich ein Quotenmechanismus etablieren konnte).

 

Gegenwärtig werden die verschiedenen "Jahresscheiben" der Datensätze, die sich im Hinblick auf die in ihnen enthaltenen Personen teilweise überschneiden, zu einer "Masterdatei" zusammengefügt, die das gesamte Datenmaterial redundanzfrei und fehlerbereinigt enthalten soll. Darüber hinaus werden die Daten für statistische Längsschnittanalysen aufbereitet, die im weiteren Projektverlauf durchgeführt werden sollen (Bildung von Episodendaten und Vorbereitung von Verfahren des Episodensplittings). Mit Hilfe ereignisanalytischer Verfahren sollen Biographieverläufe in ihrem soziostrukturellen Kontext vor dem Hintergrund verschiedener historischer Entwicklungsphasen der DDR und unterschiedlicher Generationszusammenhänge nachgezeichnet werden. In diesem Zusammenhang stellt sich z.B. die Frage, inwieweit zeitabhängige Effekte (von Alter, Kohortenzugehörigkeit und historischen Perioden) mit entsprechenden Effekten vergleichbar sind, wie sie für westliche Gesellschaften berichtet werden.

 

Veröffentlichungen aus dem Projekt:

Best, Heinrich und Stefan Hornbostel, 1998: Prozeßproduzierte Daten als empirisches Material für eine Soziologie des realen Sozialismus. In: GESIS / Friedrich-Schiller-Universität Jena / Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (Hg.), 1998: Materialien zur Erforschung der DDR-Gesellschaft. Opladen: Leske + Budrich.

Best, Heinrich und Mestrup, Heinz, i.V.: Die Ersten und Zweiten Kreissekretäre der SED in den Bezirken Erfurt, Gera und Suhl - Analyse und biographisches Handbuch.

Hornbostel, Stefan, 1997: Die geplante Elite – Erste Ergebnisse aus der Analyse der Kaderdatenspeicher des Ministerrates. In: Potsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien, Nr. 10, S. 55-69.

Hornbostel, Stefan (Hg.), 1999: Sozialistische Eliten. Horizontale und vertikale Differenzierungsmuster in der DDR. Opladen: Leske + Budrich.

Mestrup, Heinz, i.V.: Die SED – Ideologischer Anspruch, Herrschaftspraxis und Konflikte im Bezirk Erfurt (1971-1989). Rudolstadt: Hain.

Mestrup, Heinz, i.V.: “Das heißt nicht, daß ich nicht mehr da bin.“ - Zur Ablösung der Ersten SED-Bezirkssekretäre von Erfurt, Gera und Suhl, Gerhard Müller, Herbert Ziegenhahn und Hans Albrecht, im November 1989. In: Dietmar Wolf (Hg.): Beiträge zur Zeitgeschichte (erscheint demnächst).

Weitere Veröffentlichungen aus dem Projekt in Vorbereitung bzw. geplant.

 

HOME