Kognitiv-behaviorale Therapie der HypochondrieBeschreibung der Hypochondriepsychische Störung, die sich in schwerer Angst vor oder der Überzeugung des Vorliegens körperlicher Erkrankung ausdrückt, ohne daß die subjektiven Ängste oder Beschwerden der Patienten durch organische Befunde objektiviert werden können. Die Ängste oder die Überzeugung besteht viel mehr trotz mehrfacher ärztlicher Versicherung, alles sei in Ordnung, weiter. Die Ängste bzw. die Überzeugung sind verbunden mit der Wahrnehmung körperlicher Zeichen und Sensationen, die als Anzeichen körperlicher Erkrankung misinterpretiert werden. Die Ängste bzw. die Überzeugung bestehen seit mindestens 6 Monaten (DSM-IV-Kriterium der Dauer). Prävalenz der Störung: Schätzungen belaufen sich auf 3 bis 13 % Punktprävalenz bzw. 4 bis 6% Sechs-Monats-Prävalenz.
Theoretische Konzepte zur Hypochondrie:Konzept der Somatisierung: Manche Menschen können Ihre Belastung nicht anders ausdrücken als über körperliche Symptomatik. Aber: dieses Konzept konnte in Studien nicht gestützt werden. Konzept der Misinterpretation körperlicher Wahrnehmungen: Aber auch hier konnte gezeigt werden, daß Patienten mit Hypochondrie sich bezüglich Wahrnehmung und Interpretation körperlicher Empfindungen nicht von gesunden Menschen unterscheiden!
Ein kognitiv-behaviorales Modell der HypochondrieZentraler Gedanke: körperliche Zeichen und Sensationen werden als gefährlicher wahrgenommen als sie sind! Die Wahrscheinlichkeit der jeweiligen Krankheit wird stark überschätzt. Der Patient erlebt sich als hilflos gegenüber der befürchteten Erkrankung (er denkt, er kann sie weder verhindern noch in ihrem Verlauf beeinflussen noch damit umgehen!). Formel zur Ausprägung der Angst
Wichtige Implikation: Man kann also sehr ängstlich sein mit einer niedrigen Schätzung der Wahrscheinlichkeit der Erkrankung, wenn man sie als fatal erachtet. Zur Entwicklung einer Hypochondrie können Wissen und frühere Erfahrungen von Krankheit bei sich selbst oder anderen beitragen. Dies kann zu ganz spezifischen Annahmen über Symptome, die Krankheit und deren Erkennung führen (siehe AIDS-Phobien nach dem Einsetzen großer Präventionskampagnen). Beispiele für problematische Annahmen:
Diese Annahmen können zu einem sogenannten "confirmatory bias" im Denken des Patienten führen. Mit der Angst steigt die Wahrscheinlichkeit, ungewohnte körperliche Empfindungen wahrzunehmen, diese werden gewertet als Bestätigung, daß etwas nicht stimmt. Die Wahrnehmung körperlicher Veränderungen geht mit katastrophisierenden Interpretationen einher.
Ähnlichkeiten zwischen Hypochondrie und Panikstörung in der Misinterpretation körperliche Symptome:Hypochondrie: Wenn der Patient die Beschwerden als Zeichen einer nicht akut lebensbedrohlichen Situation wertet (Meine Magenschmerzen bedeuten, daß ich unerkannten Magenkrebs habe...) Panik: Wenn der Patient die Beschwerden als Zeichen einer unmittelbar bevorstehenden Katastrophe wertet (Mein Herzrasen beutet, daß ich einen Herzinfarkt erleide...) => den Patienten mit Hypochondrie bleibt also mehr Zeit und Gelegenheit, durch häufige Arztbesuche, das Lesen von med. Fachliteratur, häufiges Kontrollieren / Abtasten, erhöhte Aufmerksamkeit auf den Körper etc. die befürchtete Katastrophe evtl. doch abzuwenden Die meisten Menschen kennen eine milde Form dieses Prozesses (z.B. wenn eine schwere Infektionskrankheit umgeht oder Medizinstudenten im klinischen Teil ihrer Ausbildung).
Faktoren, die Gesundheitsangst bzw. Hypochondrie aufrechterhalten
Kognitiv-behaviorale Behandlung der Störung nach Salkovskis (1996)Voraussetzung ist, daß Therapeut und Patient darin übereinstimmen, daß es ein psychologische Problem und nicht ein körperliches Problem gibt. Mit dem Patienten wird gleich zu Beginn ein persönlich zugeschnittenes kognitives Modell der Störung und ihrer Aufrechterhaltung erarbeitet. "Das Problem ist nicht, daß ich Krebs habe, sondern, daß ich mich schrecklich sorge, Krebs zu haben! Die Behandlung sollte nicht darin bestehen, das Risiko der Krebserkrankung zu verändern, sondern meine Sorgen zu verändern."
Beweise für und gegen die beiden Meinungen werden gesammelt und ausführlich diskutiert. Wichtig: Patienten nicht als "eingebildeten Kranken" beschreiben!
Therapiespezifische Diagnostik zu Beginn der BehandlungBesonderer Wert wird bei der Diagnostik auf die Überzeugungen und Bewertungen des Patienten in Bezug auf seine Gesundheit gelegt. Erhoben werden:
Geschichte der Behandlung der Hypochondrie
Aber die Krankheit bleibt trotz häufiger Rückversicherung durch medizinische Untersuchungen bestehen!! Das Suchen nach Rückversicherung hat wahrscheinlich eine ähnliche Funktion wie die Zwangshandlungen: Sie dient der Angstreduktion. Unterschied zwischen psychodynamischer Sicht und kognitiver Sicht: In psychoanalytischen Ansätzen wird postuliert, daß den körperlichen Beschwerden ein impliziter psychischer Konflikt zugrunde liegt, in die kognitiven Therapie wir die Interpretation und Mißinterpretation von Symptomen als zentral angesehen.
Ablauf einer kognitiven Behandlungnach Rief und Hiller (1998)
Hier wird mit dem Patienten die Behandlungsgeschichte und deren Erfolg(losigkeit!) besprochen. Es wird herausgearbeitet, daß er bislang vor allem ein somatisches Modell der Entstehung der Beschwerden verfolgt hat. Das ist sehr verständlich!! Hat er auch schon mal andere Erklärungsmodelle überprüft? Im Mittelpunkt stehen die beiden unterschiedlichen Thesen zur Verursachung der Beschwerden, die sehr geduldig überprüft werden. Der Patient soll nicht überredet werden, sein somatisches Verursachungskonzept aufzugeben, sondern ein alternatives zu testen! Evtl. wird ein Zeitraum als "Testphase" fest verabredet. Hierzu werden auch Verhaltensexperimente eingesetzt (Beispiel: Lungenprobleme im Zusammenhang mit körperlicher Betätigung)
Besonders zu beachten sind Faktoren, die zur Aufrechterhaltung der Krankheit :
Übergeordnetes Ziel: Ich möchte gesund sein Untergeordnete Ziele:
Ziel: daß der Patient zu einer weniger angstauslösenden Haltung zur Verursachung seiner Beschwerden kommen kann. Kein Ziel: daß der Patient weniger häufig die entsprechenden Beschwerden hat (auch wenn dies meist im Laufe der Therapie von selbst eintritt...)!
Beispiel:
Beispiel: Was schließen Sie daraus?
Beispiel: Beispiel dazu, wie Vorstellung körperliche Funktionen beeinflussen können (Zitronenübung)
Beispiel:
Fragen hierzu:
Im Zentrum stehen die dysfunktionalen Annahmen des Patienten zur Bedeutung bestimmter körperlicher Mißempfindungen Beispiel: Wenn mein Arzt mich zu diesen Tests schickt, dann bedeutet das, daß ich tatsächlich schwer erkrankt bin / daß einer meine Befürchtungen teilt.
Folgende kognitive Methoden kommen zum Einsatz:Sokratischer Dialog Reasoning Advocatus Diaboli Columbo-Technik Spalten-Technik Downward-arrow-technique
Wirksamkeit kognitiv-behavioraler Behandlung der Hypochondrie:
Bouman & Visser (1998): 17 Patienten, 12 einstündige Stizungen mit kogntiver Therapie oder Verhaltenstherapie, beide Therapieformen waren gleich erfolgreich. Keine randomisierte Zuordnung. Clark, Salkovskis, Hackman, Wells, Fennell, Ludgate, Ahmad, Richards & Gelder (1998): 48 Patienten, randomisierte Zuordnung zu 1 kognitiver Therapie, 2 behavioralem Stressmanagement oder 3 Wartelistenkontrollgruppe. Beide Behandlungen waren gegenüber der Kontrollgruppe erfolgreich. In Bezug auf die Hypochondriesymptomatik war die kognitive Therapie dem Stressmanagement überlegen. |
||||||||||||||||||||||||||||||||