Madrid, Círculo de Bellas Artes
Vortrag am 03. November 2004
Epistemischer
Anthropozentrismus
Zur Denkform der Moderne
und ihrer Kritik
Diderot hat 1755 das grundlegende Axiom des modernen
Denkens formuliert: "Der Mensch ist der einzigartige Begriff, von dem man
ausgehen und auf den man alles zurückführen muß." Kant hat dieser Denkform
1781 in der Kritik der reinen Vernunft ihre perfekte epistemologische
Legitimation verliehen: All unsere Gegenstände sind grundlegend durch die
apriorischen Formen des menschlichen Erkennens (Anschauungsformen und
Kategorien) bestimmt. Daher können wir in unserer Erfahrung nur menschlich
geprägten Gegenständen begegnen und darüberhinaus auch andere Gegenstände (Ding
an sich, Gott etc.) nur menschlich gefärbt imaginieren. "Wir können nicht
anders als zu anthropomorphosieren" - "Wir machen alles selbst".
- Die Welt ist eine menschliche und darin eine geschlossene Welt. Der Mensch
bildet das Maß der Welt.
Diese
anthropische Denkweise durchherrscht die Moderne seit zweihundertfünfzig
Jahren. Bei aller Vielfalt im einzelnen bildet sie den gemeinsamen und
verbindlichen Nenner des modernen Denkens. Das wird exemplarisch am
Historismus, an Nietzsche, an den zeitgenössischen Human- und
Kulturwissenschaften sowie an der analytischen Philosophie gezeigt. - Die
massiven Einsprüche Freges und Husserls oder Foucaults gegen die anthropische
Denkform haben nichts gefruchtet: Frege konnte seine absolute Konzeption des
Logischen nicht wirklich plausibel machen, und Husserl und Foucault sind selbst
wieder ins Fahrwasser der anthropischen Denkform zurückgekehrt. (Heideggers
Kritik wird im zweiten Vortrag behandelt.)
Offensichtlich lähmt diese moderne Denkform das Denken. Man weiß immer schon die Antwort auf alle Fragen; sie lautet: "Es ist der Mensch." Zudem ist diese Denkweise logisch inkonsistent: Die Behauptung, daß all unser Erfahren und Erkennen menschlich gebunden ist, ließe sich nur aus einer ungebundenen Perspektive aufstellen, aber eben eine solche soll uns prinzipiell verwehrt sein; und das Dekret, daß wir alles nur nach menschlicher Art erkennen können, beruht auf einer falschen Gleichsetzung von Zugangs- mit Geltungsbedingungen. - Es besteht aller Anlaß, über die Denkform der Moderne hinauszugelangen. Ein möglicher Weg dazu wird am Ende des zweiten Vortrages aufgezeigt werden.
ausführliche Fassung in: W. W., Immer nur der Mensch? Entwürfe zu einer anderen Anthropologie (Berlin: Akademie 2011), 171-185.